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| www.oriens-extremus.de > OE 33 > Rezensionen |
Der vorliegende Band "Japanische Geistesgeschichte" ist der dritte Band in der Reihe Japanische Fachtexte (Bd. 1: "Japanische Sprachwissenschaft", Wiesbaden 1981). Die Bände haben zum Ziel, Fachtexte für den fachspezifischen Sprachunterricht im Hauptstudium aufzubereiten und an Hand dieser den Studenten in die betreffende Fachrichtung einzuführen. So umstritten die Notwendigkeit und didaktische Nützlichkeit solcher Fachbücher für den Unterricht sind, besitzen sie doch für das Selbststudium ohne Zweifel ihren Wert, vor allem wenn es sich um ein so breit angelegtes Opus wie das vorliegende handelt.
Klaus Kracht hat in Zusammenarbeit mit Gerhard Leinss diesen Band mit großer Um- und Einsicht zusammengestellt. Es ging ihm darum, mit dem Band nicht nur die Möglichkeit zu geben, "sich mit der Sprache wissenschaftlicher Texte auf dem Gebiet der Geistesgeschichte vertraut zu machen" (S. 1), sondern auch einen allgemeinen Einblick in die Geschichte des japanischen Denkens und in die Studien westlicher und japanischer Forschung auf diesem Gebiet zu vermitteln. So umfaßt der Band neben der Einleitung (A), die von Olof G. Lidin verfaßte "History of Japanese Thought" (B), die Textauszüge (C), ein Verzeichnis der Autoren der aufgenommenen Texte (D), ein Glossar der japanischen Begriffe (E), ein Abkürzungs- (F) und ein Literaturverzeichnis (G).
Bevor der Benutzer an die Lektüre der einzelnen Texte selbst geht, sollte er insbesondere die Seiten 4 bis 8 der Einleitung aufmerksam durcharbeiten. Jeder Übersetzer weiß, welche Schwierigkeiten eine adäquate Wiedergabe eines Textes mit sich bringt. Klaus Kracht gibt mit seinen Hinweisen zur Übertragung von Texten der Sekundärliteratur eine klare und ausführliche Anleitung, die in allen Punkten beherzigenswert ist.
Eine Auswahl repräsentativer Lesestücke zur japanischen Geistesgeschichte zu treffen, ist bei einem solch komplexen Gebiet schwierig, befriedigend zu meistern. In diesem Fall kommt erschwerend hinzu, daß eine bestimmte Zielgruppe angesprochen werden soll. Die von den Bearbeitern berücksichtigten Kriterien (unterschiedlicher Schwierigkeitsgrad, Angebot von mehreren Genres, von einzelnen historischen Epochen, von bestimmten Strömungen, von unterschiedlichen methodischen Ansätzen usw.) zeigen jedoch, mit welcher Sorgfalt sie ans Werk gingen. Hier auf das Fehlen des einen oder anderen interessanten japanischen Geisteshistorikers hinzuweisen, wäre ungerecht, weil eine solche Auswahl trotz aller guter Vorsätze immer auch subjektiv ist und sein darf. Vorgestellt werden zwanzig Textauszüge bedeutender japanischer Wissenschaftler der letzten sechzig Jahre. In dem "Verzeichnis der Autoren" (D) werden einige wesentliche Angaben (persönliche Daten, Hauptarbeitsgebiet, Auswahl wichtiger Werke, Studien in westlichen Sprachen) zu ihnen gemacht. Bedauerlicherweise fehlt eine kurze Charakterisierung des methodischen Standortes des jeweiligen Verfassers. Der Essay von Olof G. Lidin (B) erwähnt nur sieben der Autoren ohne eine eingehendere Betrachtung, und die Textauszüge selbst sind zu kurz, um den Standort des Verfassers eindeutig ausmachen zu können. Für eine kritische Lektüre wäre ein Hinweis auf ihren traditionalistischen, modernisierungstheoretischen, marxistischen usw. Methodenansatz von Interesse gewesen.
Dem japanischen Text folgen die deutsche Übertragung, die Transkription des japanischen Textes und abschließend Anmerkungen mit grammatischen Erläuterungen. Als besonders positiv empfinde ich, daß letztere auf Wesentliches beschränkt wurden, der Benutzer somit zur Selbständigkeit angehalten wird. Ebenfalls als positiv möchte ich hervorheben, daß sich die Bearbeiter der in dem von Bruno Lewin verfaßten "Abriß der japanischen Grammatik auf der Grundlage der klassischen Schriftsprache", Wiesbaden 1974 (2. Aufl.) , enthaltenen grammatischen Terminologie bedienen, der Benutzer also nicht unnötig durch eine andere verwirrt wird. Die Übertragung der Texte ins Deutsche folgt streng den in der "Einleitung" gegebenen Richtlinien, so daß eine foe Einheit erlangt wurde. Den Übersetzern ist es gelungen, weitgehend die Textnähe gewahrt und trotzdem eine gute Lesbarkeit erreicht zu haben.
Der von Olof G. Lidin verfaßte Beitrag gibt in komprimierter Form einen informativen Überblick über die Entwicklung der japanischen Geistesgeschichte von ihren Anfängen bis in die Gegenwart. Da der Essay das Ziel verfolgt, "ein propädeutisches Verständnis" für die Vielfalt japanischen Denkens zu fördern, liegt sein Schwerpunkt auf einer rein historischen Darstellung der wichtigsten geistesgeschichtlichen Strömungen mit ihren Hauptvertretern, weniger auf einer Analyse derselben. Der Essay liefert einen guten Rahmen, den der an der Materie näher Interessierte durch ein systematisches Weiterstudium ausfüllen kann.
Eine Bereicherung des Bandes bilden das Glossar (E) und das Literaturverzeichnis (G). Der Anfänger wird für das unter Abschnitt 1 des Glossars zusammengestellte allgemeine Vokabular dankbar sein. Ob es unter didaktischem Gesichtspunkt jedoch ratsam ist, dem Benutzer die Textlektüre so einfach zu machen, wage ich zu bezweifeln, weil es ihn von dem selbständigen Arbeiten mit Lexika abhält. Eine große Hilfe sind für ihn die unter Abschnitt 4, 5 und 6 aufgeführten Personennamen, Schriftentitel mit beigegebener deutscher Übersetzung und Entstehungsjahr. In dem Abschnitt 3 stellten die Bearbeiter Haupttermini des Buddhismus, Christentums, Konfuzianismus, Shintô, Taoismus u.ä. mit einer adäquaten deutschen Übersetzung zusammen. Zu diesem Unterfangen gehörte insofern Mut, da die Geisteshistoriker wohl auf keinem Gebiet so unterschiedlicher Meinung sind, wie auf dem der Terminologie. Die Meinungen gehen nicht nur hinsichtlich des Problems der Übersetzbarkeit oder Nichtübersetzbarkeit von Termini auseinander, sondern auch - sofern man sich für die Übersetzung entscheidet - in der Beurteilung der "richtigen" Wiedergabe eines Terminus. Die oft geübte Praxis der synthetisch-interpretierenden Übersetzung - für manchen Terminus ließen sich fünf und mehr allein deutsche Übertragungen anführen - haben zu einer Verwirrung beigetragen. Daher ist dem von Klaus Kracht gemachten Vorschlag (S.~5) einer synthetischen oder analytischen Übersetzung zuzustimmen. Nicht zuletzt wird auch für ein der jeweiligen Fremdsprache nicht mächtiges Leserpublikum der Text dadurch transparenter, vor allem dann, wenn man als Orientierungshilfe den jeweiligen japanischen Terminus in Klammern dahintersetzt.
Das über siebzig Seiten umfassende Literaturverzeichnis japanischer und westlicher Literatur wurde mit großer Sorgfalt zusammengestellt. Es listet Bibliographien, Verzeichnisse von Archiven, Bibliotheken usw., Enzyklopädien, Lexika, Quellensammlungen, Zeitschriften, Handbücher, Quellenübersetzungen und Sekundärliteratur auf. Besonders verdienstvoll ist, daß sich die Bearbeiter nicht nur auf die sich allein auf Japan beziehende Literatur beschränkt, sondern auch für die japanologische Forschung wichtige westliche Nachschlagewerke und Studien zu Asien, Indien und China berücksichtigt haben.
Der vorliegende Band hat seine Zielsetzung erfüllt und ist den Bearbeitern bestens gelungen. Darüber hinaus dürften vor allem der Essay von Lidin, Abschnitt 3 des Glossars und das Literaturverzeichnis für alle, die sich mit der japanischen Geistesgeschichte beschäftigen, eine wertvolle Hilfe sein.
Lydia Brüll, Bochum
Latest update: 2005-08-18 Impressum