Oriens Extremus
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Hans EGLI: Mirimiringan. Mythen und Märchen der Paiwan.
Zürich: Verlag Die Waage 1989, 436 S.

Um es gleich vorwegzunehmen: Das hier von Hans Egli vorgelegte Buch stellt keine besonders erquickliche Lektüre dar; in weiten Passagen ist es gar ein Ärgernis, erfahren wir doch nicht selten weniger über das Weltbild der Paiwan, einer ethnischen Minderheit im Süden Taiwans, denn über das (etwas schlichte) Weltbild des Verfassers. Symptomatisch hierfür ist der folgende Auszug (S. 8-9), der sich mit dem titelgebenden Begriff auseinandersetzt:

"'Mirimiringan' ist eine 'alte Geschichte', die nicht mehr nachgewiesen werden kann, die aber trotzdem nicht weniger glaubhaft ist. Das 'Mirimiringan' ist Ausdruck der Welt, wie sie war, gesehen mit den Augen der Menschen jener Zeit. Das 'Mirimiringan' ist so wirklich wie die Psyche des Menschen von damals Das 'Mirimiringan' - die alte Geschichte - befaßt sich mit zwei großen Aspekten der Wirklichkeit: der Welt draußen und der Welt im Innern. Es gibt Antwort auf all die Fragen, die die Natur aufwirft. Es erklärt aber auch die Kräfte und ihre Konstellationen, die das Innere des Menschen bewegen. Diesbezüglich hat der Mensch schon seit je Erkenntnisse gesammelt, die zu seinem unvergänglichen Besitz gehören. So etwa ist eine Rabenmutter auch heute noch eine Rabenmutter, oder ein herzloser Vater ist auch heute noch um kein Haar besser."

Untergliedert ist der Band in zwei große Abschnitte. Kap. 1 (S. 27-279) stellt zunächst die von Hans Egli gesammelten "Märchen der Paiwan" vor, die in ihrer Mehrzahl übrigens gar keine "Märchen" sind - und schon gar nicht "Prototypen menschlichen Handelns", wie er an einer Stelle (S. 8) definierend festhält. Der den Erzählungen beigegebene Kommentar (Anmerkungen S. 387-414) ist knapp und wenig hilfreich; zwei Beispiele:

"Das Schaukelmotiv ist auch bei Ureinwohnern in Vietnam bekannt, in Burma, auf Lombok, auf Cerma , auf Kai In Nordamerika findet sich das Thema bei den Ojibwa, bei den Blackfoot" (S. 406)

"Das Motiv der Appetitlosigkeit bei Verliebtheit findet sich bei den Pala auf Nordirland, bei den Indern Klassischen Ausdruck fand dieses Thema schon bei den früheren Ägyptern" (S. 408)

Ähnlich wie diese Anmerkungen ist schließlich das gesamte Kap. 2 ("Das frühe Weltbild des Fernen Ostens", S. 281-386) konzipiert, in dem - einem Index nicht unähnlich - 24 Erzählmotive (vom "Hundestammvater" bis zur "Bezahnten Vagina") herausgegriffen und mit Erzähltraditionen aus der ganzen Welt "verglichen" werden: Allerdings ohne ordnende Hand, ohne analytisches Gespür und ohne Berücksichtigung des umfangreichen Schrifttums, das über die Paiwan und die anderen Minoritäten Taiwans vorliegt.

Im Umschlagtext wird der Verfasser im übrigen als "Ethnologe, Sino- und Japanologe" bezeichnet. Indes: Wenn er Sinologe und Japanologe ist, warum zieht er dann nicht die relevanten chinesischen und japanischen Veröffentlichungen zum Thema heran? Und wenn er Ethnologe ist, worauf begründet er dann - um nur noch ein Zitat auszuführen - unsägliche Deutungen wie die folgende:

"die Kopfjagd [sorgte] für das wirtschaftliche Gleichgewicht der verschiedenen Dörfer. Sobald ein Dorf zu groß und zu mächtig wurde, kam es in Gefahr, bei der damaligen Methode der Brandrodung die bisherigen Dorfgrenzen zu überschreiten, wobei das gegnerische Dorf mit Kopfjagd reagierte und auf diese Weise für einen stabilen Bestand der Bevölkerung sorgte." (S. 16)

Nun könnte man freilich, um zu einer versöhnlichen Schlußbemerkung zu kommen, den Unmut über allerlei mißglückte Deutungsversuche hintanstellen und den Wert des ("für sich selbst sprechenden") Materials herausstellen. Aber kann man das wirklich? Gibt es gute Gründe dafür, einem leichtfertigen Bearbeiter eine sorgfältige Materialaufnahme zu unterstellen? Ich glaube nicht - und zahlreiche Unstimmigkeiten in der Textwiedergabe (Umschrift, Dialektvarianten, Worterklärungen) lassen leider keine positive Überraschung vermuten.

Thomas O. Höllmann, München



Latest update: 2005-08-18  Impressum

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