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| www.oriens-extremus.de > OE 33 > Rezensionen |
Im Mittelpunkt der vorliegende Neuerscheinung steht eine Persönlichkeit, die im deutschsprachigen Raum nur einem kleinen Kreis von Spezialisten bekannt sein dürfte. Anders dagegen in Korea, wo Paul Georg von Möllendorff ("Mok in Dok"), der erste westliche Berater der koreanischen Regierung im 19. Jahrhundert, noch heute geschätzt wird. So nimmt es kaum wunder, wenn sich der koreanische Historiker Yur-Bok Lee, der an der North Dakota State University in den USA lehrt und mit Darstellungen zum koreanisch-amerikanischen Verhältnis hervorgetreten ist, in seiner Studie des Deutschen Möllendorff annimmt, der im chinesischen Auftrag von 1882 bis 1885 am Hofe König Kojongs in Seoul weilte, um den Eintritt des "Landes der Morgenruhe" in die internationale Politik vorzubereiten und chinesische Interessen dort zu vertreten. Lees Intention ist es, den entscheidenden Anteil Möllendorffs auf dem Weg Koreas in die Moderne zu analysieren, wozu das instruktive Einführungskapitel den unverzichtbaren historisch-politischen Rahmen liefert. In der Kontroverse zwischen "Traditionalisten", die das Korea des 19. Jh.s ganz von seinem Suzerän China abhängig sehen, und "Revisionisten", die ab 1876 eine schrittweise politische Emanzipation Koreas vom "älteren Bruder" China konstatieren, nimmt der Autor dezidiert letzteren Standpunkt ein: "This study advocates the new and revisionist thesis that Korea, which had become partly independent in 1876, became even more sovereign and independent in and after 1882" (S. 185). Ganz unverständlich bleibt allerdings das Beharren des Verfassers auf seiner spekulativen Methode (vgl. S. 6), selbst dann, wenn diese durch die historische Sachlage bereits mehr als fragwürdig wirkt.
Paul Georg von Möllendorff, 1847 geboren, arbeitet nach Jura- und Fremdsprachenstudium (Arabisch, Persisch, Türkisch) ab 1869 im chinesischen Seezolldienst - dort gilt der sprachgewandte junge Mann bald als Experte für Chinesisch -, wechselt 1874 in den Dolmetscherdienst des Deutschen Reiches in China und tritt schließlich im Herbst 1882 in die Dienste des Generalgouverneurs der Provinz Chiihli, Li Hung-chang, des führenden chinesischen Staatsmannes seiner Zeit, der ihn für den Aufbau der Diplomatie und Zollverwaltung in Korea auswählt.
Möllendorff kommt zu einem Zeitpunkt nach Korea, als sich China einer wachsenden Rivalität der in Ostasien engagierten Mächte ausgesetzt sieht, die die mit dem Opium-Krieg ohnehin schwer erschütterte sinozentrische Weltordnung weiter destabilisiert, wodurch das im Jahre 1876 "geöffnete" und erstmals durch völkerrechtlichen Vertrag gebundene Korea (Vertrag von Kanghwa mit Japan) zum Spielball der Mächteinteressen zu werden droht. In die Komplexität der internationalen Beziehungen in Ostasien im ausgehenden 19. Jh. schiebt sich der Widerstreit der inneren Politik Koreas zwischen - vereinfacht gesagt - konservativen Kräften, geschart um den Taewon'gun, den mächtigen, intriganten Vater König Kojongs, die nur eine restriktive Modernisierung nach chinesischem Vorbild wünschen, und gemäßigt progressiven Kräften, die sich auf jeweils wechselnde ausländische Mächte stützen und an einer Modernisierung nach japanischem Muster orientieren. Dem König fällt in der innenpolitischen Auseinandersetzung eine ausgleichende Rolle zu; er greift aber auch in die Politik ein, zumal nach der Niederwerfung der Militärrevolte von 1882, als sich eine gewisse Distanzierung von dem verstärkt interventionistischen China anbahnt und die Suche nach einem neuen "älteren Bruder", der Schutz und Unabhänigkeit der Yi-Dynastie garantieren kann, einsetzt. Lee weist nach, daß Kojong durchaus kein politisches Leichtgewicht war, sondern eigene Vorstellungen verfolgte, wie etwa den Abschluß des koreanisch-amerikanischen Vertrages des Jahres 1882.
Für Möllendorff, der hohe koreanische Ämter bekleidet und - verglichen mit anderen Europäern - sich in seinem Lebensstil seiner Umgebung weitgehend anzupassen versucht, lautet die Grundfrage: Wie ist die Unabhänigkeit Koreas sowohl gegenüber Japan als auch gegenüber China zu wahren? Die Frage erhält nach dem Kapsin-Coup von 1884/85 besonderes Gewicht, als der chinesisch-japanische Gegensatz eskaliert und Korea seiner brüchigen Unabhänigkeit verlustig zu gehen droht. Da ein vermehrter Fremdeneinfluß allein keine dauerhafte Lösung verspricht, plädiert er aufgrund der geopolitischen Lage für das Zarenreich als Protektor Koreas. Möllendorffs pro-russische Ambitionen decken sich mit König Kojongs Überlegungen, eine neue Außenpolitik im Rahmen des traditionell konfuzianistischen Weges zu konzipieren: Rußland soll als neuer "älterer Bruder" Koreas Schutz übernehmen. Allerdings ist Kojong, im Gegensatz zu dem dogmatisch auf Rußland fixierten Deutschen auch nicht abgeneigt, im Interesse der Modernisierung Koreas ein Zusammengehen mit den USA und/oder Japan anzuvisieren. Insofern steht Kojong Möllendorffs russischen Geheimkontakten wohlwollend gegenüber, obwohl diese zunehmend das Mißtrauen der Mächte wecken; er vermeidet aber mit Rücksicht auf China, Japan und England jegliche offizielle Stellungnahme. Als Möllendorffs Geheimkontakte im Gefolge der englischen Besetzung Port Hamiltons (Komundo) im April 1885 publik werden und die englische Presse Gerüchte über ein russisch-koreanisches Abkommen schürt, wird die Stellung des Deutschen zusehends unhaltbar. Auf englisch-japanischen Druck, dem sich Kojong nicht entziehen kann, sieht sich Li Hung-chang gezwungen, den einflußreichen Berater zurückzubeordern. Ein Versuch Möllendorffs im Jahre 1888, wieder in seine früheren Ämter eingesetzt zu werden, scheitert; bis zu seinem Tode 1901 arbeitet er nun in untergeordneter Stellung im chinesischen Seezolldienst.
Durch extensiven Rückgriff auf koreanische, chinesische und japanische Quellen gelingt Lee eine weithin überzeugende personenzentrierte Studie zum Mächtegegensatz in Korea am Ausgang des 19. Jh. Bedauerlich ist freilich, daß der Autor deutsches Archiv- und Sekundärmaterial gänzlich ausgespart hat (etwa den Möllendorff-Nachlaß), so daß die schillernde Person Möllendorffs mit ihren Höhen und Tiefen als Diplomat, Orientalist und Kulturvermittler - trotz des überaus wohlwollenden Portraits - in manchen Facetten ein wenig farblos bleibt.
Rolf-Harald Wippich, Narita/Japan
Latest update: 2005-08-18 Impressum