Oriens Extremus
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Bert EDSTRÖM: Japan's Quest for a Role in the World. Roles Ascribed to Japan Nationally and Internationally 1969-1982.
Stockholm: Institute of Oriental Languages, University of Stockholm 1988. 325 S. (= Japanological Studies Vol. 7)

Der Obertitel trügt. Dieses Buch ist kein Buch über Japans Suche nach einer Rolle in der Welt. Es ist ein Buch über die Art und Weise, wie führende japanische Politiker Japans Rolle in ihren offiziellen Verlautbarungen darstellen bzw. wie Japan von außenpolitischen Kommentatoren in der Weltpresse wahrgenommen wird. Das Ergebnis ist entsprechend. In Japan so gerne gehegte und für Ausländer erdachte Klischees werden zusammen mit den Klischees, die Ausländer über Japan verbreiten, reproduziert. Um zu diesem, an Banalität kaum noch zu überbietenden Ergebnis zu gelangen, treibt der Autor einen erheblichen statistischen Aufwand und bestätigt damit gleich ein weiteres Klischee: nämlich die Inhaltslosigkeit rein quantitativer Inhaltsanalyse von Texten.

Die Ausgangssituation, inzwischen ein Gemeinplatz in der politikwissenschaftlichen Diskussion über Japan, stellt sich folgendermaßen: Bis zum Beginn der 1970er Jahre gab es keine präzisen Vorstellungen, welche künftige Rolle das Land in der Welt zu spielen habe. Erst der seitdem ungebrochen sich fortsetzende rasante wirtschaftliche Aufstieg und damit die wachsende Diskrepanz zur außenpolitischen Profillosigkeit erzwang ein entsprechendes Nachdenken, an dem sich japanische Politiker gleichermaßen wie die nationale und internationale Öffentlichkeit beteiligt haben. Welchen Niederschlag dieses Nachdenken in der veröffentlichten Meinung im Zeitraum 1969-1982 gefunden hat, ist Untersuchungsgegenstand der Arbeit.

Nach der üblichen Darstellung des wirtschaftlichen Wachstumsprozesses, einer langatmigen Referierung diverser Konzepte, wie Macht im internationalen System zu definieren sei, und einer ebenso langatmigen Diskussion diverser rollentheoretischer Konzepte in der internationalen Politik (Edströms theoretischer Bezugsrahmen), kommt der Autor auf Seite 135 endlich zur Sache. Mit Hilfe eines aufwendigen quantitativen Verfahrens (die Details seien dem Leser erspart) werden die Statements japanischer Premier- und Außenminister zu Fragen der Außenpolitik aus den Jahren 1969-1982 ausgewertet. Dabei wird eine Gruppierung nach denkbaren außenpolitischen Rollen, die ein Land spielen kann, vorgenommen und die jeweilige Häufigkeit und positive oder negative Ausprägung der jeweiligen Nennungen des Rollenverständnisses ausgewiesen. Materialgrundlage sind dabei die Äußerungen, die im jährlich vom Außenministerium herausgegebenen "Diplomatic Bluebook" veröffentlicht werden. Das Ganze wird konfrontiert mit einer analogen Auswertung von japanbezogenen Artikeln aus der Internationalen Presse, soweit sie in die "World Press Archives" aufgenommen wurden.

Das wenig überraschende Ergebnis lautet dann, daß im Jahre xy häufiger als im Jahre yz japanische Politiker betonen, daß Japan eine große Wirtschaftsmacht ist, die einen Beitrag zum Weltfrieden leistet und um internationale wirtschaftliche Stabilität bemüht ist etc. Umgekehrt erfährt man, daß ausländische Kommentatoren häufig eine Diskrepanz zwischen Wirtschaftspotential und politischem Einfluß feststellen, daß japanische Außenpolitiker als passiv erscheinen etc. Diese Feststellungen werden mit zahlreichen, nur schwer verständlichen, aber auch nichts weiter aussagenden Tabellen garniert und durch einschlägige Zitate gewürzt.

Auch wenn eine Realanalyse japanischer Weltpolitik und ihrer Grundlagen nicht das Thema dieser Arbeit sein sollte, sondern die offizielle Selbstdarstellung bzw. die äußere Wahrnehmung dieser Politik, so zeigt doch die zum Vergleich empfohlene Lektüre von Kenneth B. Pyles vorzüglichem Aufsatz "Die Zukunft des japanischen Nationalcharakters" (In: Ulrich Menzel (Hg.), Im Schatten des Siegers: Japan. Bd. 4: Weltwirtschaft und Weltpolitik. Frankfurt 1989, S. 146-196), welche erhellenden Einsichten eine qualitative Auswertung einschlägiger Texte vermitteln kann.

Es ließe sich eine Menge weiterer Einwände machen: Daß der Untersuchungszeitraum nur bis 1982 reicht, also die wachsende Konfliktträchtigkeit der japanisch-amerikanischen Beziehungen nicht mehr erfaßt wird; daß das "Diplomatic Bluebook" als Propagandaschrift des Außenministeriums eine fragwürdige Quelle ist, die zudem noch exklusiv benutzt wird; daß die Reduzierung der Auswahl auf Premier- und Außenministerstatements keine Spannbreite von Äußerungen zuläßt; daß die Beschränkung auf die japanbezogenen Presseartikel, die mehr oder weniger zufällig, jedenfalls aufgrund anderer Kriterien, in die "World Press Archives" aufgenommen wurden, reichlich problematisch ist etc. Doch ist zu bezweifeln, ob der Autor bei Berücksichtigung solcher Einwände zu wesentlich anderen Ergebnissen gekommen wäre.

Eine Begründung für sein Vorgehen liefert er immerhin am Schluß. Sein wesentliches "Forschungsergebnis", nämlich der Mangel an Selbstbewußtsein in der japanischen Außenpolitik, lasse sich immerhin als ein Mangel von Außenpolitik schlechthin interpretieren. Bleibt nur zu fragen, ob nicht eine erhebliche Kluft besteht zwischen offizieller Selbstdarstellung und dem, was japanische Politiker wirklich denken, bzw. den Bühnen (etwa der wirtschaftlichen), auf denen Japan eine durchaus selbstbewußte Rolle spielt.

Ulrich Menzel, Frankfurt/Main



Latest update: 2005-08-18  Impressum

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