Oriens Extremus
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August Pfizmaier (1808-1887) und seine Bedeutung für die Ostasienwissenschaften. Herausgegeben von Otto LADSTÄTTER und Sepp LINHART.
Wien: Österreichische Akademie der Wissenschaften 1990. 320 S. 8°. (Österr. Akademie der Wiss. Philosophisch-historische Klasse. Sitzungsberichte.562.; Beiträge zur Kultur und Geistesgeschichte Asiens.3.)

Der vorliegende Band, Ergebnisse eines Wiener Symposiums von 1987, ist eine Denkschrift zum 100. Todestage August Pfizmaiers und zugleich eine überfällige wissenschaftliche Ehrenrettung, die sinnigerweise in der gleichen Publikationsreihe erscheint, zu der der Gewürdigte so vieles beigetragen hat.

Pfizmaier, Sohn eines Karlsbader Gastwirts und studierter Arzt, war als Orientalist Autodidakt. Mit solcher Leichtigkeit arbeitete er sich in Sprachen ein, daß er die Bewunderung des berühmten Joseph von Hammer-Purgstall hervorrief. Seine beiden Übersetzungen einer Ode auf Karlsbad und weitere turkologische Arbeiten diskutiert Klaus Kreiser (S. 309-320). Pfizmaiers nächste Großtat war die Übersetzung eines japanischen Romans ins Deutsche: 1847 erschien Sechs Wandschirme in Gestalten der vergänglichen Welt, eine Übersetzung des Ukiyogata rokumai byôbu von Tanehiko Ryûtei, ein erstmals 1821 in Edo erschienenes Werk. Obwohl der Roman nichts Besonderes bietet, gewann er historische Bedeutung durch seine Übersetzung - es war nämlich die erste Übersetzung eines japanischen Romans in eine westliche Sprache überhaupt, ja, Pfizmaier-Anhänger neigen dazu zu sagen: die erste Übersetzung eines japanischen Buches in eine europäische Sprache überhaupt. Die letztere Interpretation vernachlässigt dabei allerdings Isaac Titsinghs Nipon O dai itsi ran [Nippon ô-dai ichiran, von Hayashi Shunsai], Paris 1834, mit dem Bemerken, es sei jaeigentlich nur eine Wiedergabe von Regententabellen, und Julius Klaproths San kokf tsou ran to sets (Paris 1832) [Hayashi Shihei: Sankoku tsûran zusetsu] mit dem Hinweis, die Übersetzung sei ja aus dem Sino-Japanischen gemacht und erfordere nicht eigentliche Kenntnisse des Japanischen. Diese Ansicht ist doch etwas zu relativieren: Das japanische Wörterbuch, das Klaproth mit Hilfe von Shinzô (Ivan Kolotygin) in Irkutsk zusammenstellte, ist erhalten und verrät, wie auch Klaproths spätere Werke, seine ernsthafte Beschäftigung mit dem Japanischen. Er wäre sicherlich in der Lage gewesen, auch rein japanische Texte zu übersetzen - indes waren seine Interessen hauptsächlich linguistisch, historisch und geographisch. Dies mindert keineswegs Pfizmaiers Leistung, die noch dadurch erhöht wurde, daß er es schaffte, mit Hilfe der K. u. K. Hofdruckerei, die ja unter Auer von Welsbachs Leitung einen Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit erreichte, das japanische Original zu faksimilieren, was schon in Hinsicht auf Utagawa Toyokunis Illustrationen dankenswert war. Die Wiedergabe ist so gut gelungen, daß berechtigter Stolz durchscheint, wenn Pfizmaier die Anmerkung auf's Titelblatt setzt: "Die Abbildungen sind den japanischen Mustern vollkommen gleich, die Druckfarbe der Tusche möglichst ähnlich; Einband und Papier nach japanischem Vorbilde." Dies ist in der Tat eine Leistung, die sich sehen lassen kann, und nicht ohne Grund folgten sogleich (Nach-)Übersetzungen von Ryûteis Werk in mehrere europäische Sprachen. Noch in diesem Jahrhundert ließ sich Alfred Richard Meyer ("ARM") nicht verdrießen, Pfizmaiers Übersetzung erneut abzudrucken. Diese wissenschaftlich hochbedeutende Leistung warf freilich ein eigenartiges Licht auf die japanische Literatur, und es dauerte eine Weile, bis die Übersetzung anderer Werke für eine gewisse Balance sorgte. Der nächste Höhepunkt ließ nicht auf sich warten: Pfizmaier begann die Herausgabe seines selbst erarbeiteten japanischen Lexikons ( Wörterbuch der japanischen Sprache. Wien 1851), von dem aus finanziellen Gründen dann nur die erste Lieferung erschienen ist. Die Gründung der Akademie der Wissenschaften, zu deren Mitgliedern er zählte, gab ihm dann die Möglichkeit, in großem Umfang seinen ostasiatischen Interessen zu folgen und möglichst viel aus den damals noch bescheidenen Beständen der Wiener Hofbibliothek einem wissenschaftlichen Publikum bekanntzumachen, und dies geschah in adäquater Weise in den Sitzungsberichten und Denkschriften der Akademie, nach Möglichkeit mit Abdruck des Originaltextes, denn Pfizmaier hatte nicht geruht, bis die Hofdruckerei, unter seiner Beratung, einen entsprechenden Typensatz angeschafft hatte. Damit war er der Zeit zwar nicht voraus, denn in Paris druckte man schon länger mit ostasiatischen Typen, aber er war ganz auf der Höhe seiner Zeit. Der ungemeine Fleiß Pfizmaiers, das physische Volumen seiner Übersetzungsarbeit allein nötigt Bewunderung ab. Wieso kam es unter diesen Voraussetzungen - Existenz ostasiatischer Texte in der Hofbibliothek, ostasiatischer Typen und angelernter Setzer in der Hofdruckerei, neben einem engagierten Fachgelehrten, - nicht zur Fortsetzung einer Tradition in den Wiener Ostasienwissenschaften? Es war wohl nicht Pfizmaiers Art, sich "zu verkaufen" und in der Öffentlichkeit für sich Propaganda zu machen. Entscheidender war aber, daß er durch die wohlüberlegte Art, wie er Texte übersetzte, keine Breitenwirkung erzielen konnte, ja selbst bei Philologen auf Unverständnis stieß. Es wundert fast, daß die Akademie sich dem Abdruck der voluminösen Beiträge nicht widersetzte. Pfizmaier versuchte, sich möglichst genau an den Wortlaut des Originals zu halten, wobei er Begriffe wörtlich übersetzte und sogar die Satzstellung der Vorlage nachzuahmen suchte. Dies ging natürlich auf Kosten der Verständlichkeit, und nur wer die beigegebenen Originaltexte zu lesen vermochte, hatte wirklichen Gewinn davon. Da dies nun kaum jemand konnte, gerieten Pfizmaiers Arbeiten in den Ruch, unverständlicher Galimathias zu sein. Nehmen wir Beispiele: "Der Mensch der Holzgestalt ist von Farbe gewiß grasgrün. Sein Leib ist gerade, fünf Dinge sind klein. Fünf Dinge sind mager, fünf Dinge sind lang. Er besitzt viele Gaben und ist thätig mit dem Herzen. Er hat vielen Kummer und läßt sich die Dinge angelegen sein. Gebrechlich, schwach, krumm, kurz, wenn dies einmal vorkommt, ist es nicht gut." ( Die Erklärung einer alten chinesischen Semiotik, S. 55). Hier muß man schon das traditionelle Entsprechungssystem der Medizin kennen, um wenigstens im Groben zu verstehen, was gemeint ist. In den Denkwürdigkeiten von den Früchten China's (S. 258) lesen wir: "Pe-khiü-yi war stechender Vermerker von Tschung-tscheu." Pfizmaiers Zeitgenossen konnten damit nichts anfangen - nur der Sinologe erkennt im "stechenden Vermerker" einen Beamtentitel (Präfekt). Auch Pfizmaier war sich dieser Bedeutung wohl bewußt, er hielt es indes für wichtig, die eigentliche Wortbedeutung beizubehalten. Pfizmaiers Methoden, so rigoros er sie auch anwandte, sind so absonderlich nicht. Denken wir an Buber und Rosenzweig und ihre Bibelübersetzung - da wird der Versuch gemacht, unter Berücksichtigung der hebräischen Etymologie ein Sprachkunstwerk in Analogie im Deutschen zu schaffen. Freilich muß letzteres als sprachlich gelungener und verständlicher angesehen werden als Pfizmaiers Ergebnisse.

Pfizmaier wurde jahrelang von den Ostasienwissenschaftlern nicht beachtet, obwohl sein Werk in den Standardbibliographien von Cordier und Wenckstern wohl verzeichnet ist. Freilich war es nicht nur die Diktion Pfizmaiers, die der Nutzung seiner Arbeiten im Wege stand - vielfach war es dem Leser gar nicht klar, was Pfizmaier übersetzt hatte, oder, ob es gar seine eigenen Äußerungen waren, denn seine Quellenangaben sind außerordentlich sparsam, um nicht zu sagen allzu knapp. Richard L. Walker, der Pfizmaier als Sinologen wiederentdeckt hat ( JAOS 69.1949, 215-223), hatte denn auch den Eindruck, Pfizmaier habe einen beliebigen Band vom Regal gegriffen und dann, ohne irgendwelche Umschweife, übersetzt ... In der Folge haben die Herausgeber von Japanforschung in Österreich (Wien 1976), besonders wohl Peter Pantzer, erneut auf Pfizmaiers Bedeutung aufmerksam gemacht, diesmal auf seine japanologischen Arbeiten. Peter Pantzer ist auch der schöne Ausstellungskatalog zu danken: August Pfizmaier, 1808-1887. Wien 1987. Der Rezensent hatte sich 1984 bemüht, Pfizmaiers Werk in seiner Gesamtheit und nach Autopsie mit den Fundstellen zu verzeichnen,[1] um eine intensivere Forschung zu erleichtern. Der vorliegende Band würdigt Pfizmaiers Werk in seinem Umfeld: Wolfgang Bauer leitet das Thema ein mit "Die Bedeutung Ostasiens für Europa heute", Herbert Franke und Josef Kreiner geben jeweils einen Abriß der Geschichte der Sinologie bzw. Japanologie im 19. Jahrhundert und Sepp Linhart geht auf "Probleme der japanologischen Forschung heute" ein. Der biographische Abriß, den Peter Pantzer liefert, ist mit Vergnügen zu lesen. Dann analysieren Otto Ladstädter, Erich Pilz und Richard Trappl Pfizmaiers sinologische Leistungen, während Roy Andrew Miller, Nelly Naumann, Bruno Lewin und Ekkehard May dies für die Japanologie tun. Alexander Slawik weist noch auf Pfizmaiers Bedeutung für die Ainu-Forschung hin. Nicht behandelt werden Pfizmaiers Beiträge zur Skopzen-Forschung und seine bibliographischen Bemühungen. Die zahlreichen Beiträge dieses Bandes können nicht einzeln gewürdigt werden; es sei nur auf einen, gewissermaßen stellvertretend, näher eingegangen: Miller stellt in seinem Referat Pfizmaiers Leistungen auf dem Gebiet der japanischen Sprachwissenschaft heraus: Pfizmaier habe als erster deutlich gemacht, daß die japanische Sprache, trotz der teilweisen Verwendung der gleichen Schrift, von der chinesischen "gänzlich verschieden" sei. Des weiteren unterschied er sehr deutlich zwischen Sprache und Schrift. Als Altaist erkennt Miller scharfsinnig Pfizmaiers Hinweise auf eine mögliche Verwandtschaft des Japanischen mit den altaischen Sprachen - eine Frage, die bis heute nicht zufriedenstellend beantwortet ist. Pfizmaier hat nicht versucht, wie mancher Zeitgenosse und spätere Fachgelehrte, die japanische Sprache in das Prokrustesbett europäischer grammatischer Systeme und Vorstellungen zu pressen. Diese beachtliche Liste von Errungenschaften schließt Miller mit Beispielen aus Pfizmaiers Manyôshû-Interpretation ab, die beweisen, daß dieser, fast ohne einschlägige Hilfsmittel, in verschiedenen Fällen die Texte richtiger wiedergab als moderne Japanologen.

All dies sollte nicht überbewertet werden, doch zeigt es sehr deutlich, daß die historische Dimension in der Entwicklung der Ostasienwissenschaften nicht ignoriert werden sollte; während manche frühere Arbeit gänzlich überholt ist, gibt es vieles, das im Forschungsansatz wie in der Übersetzung eine nützliche Basis für den modernen Forscher sein kann. Auf sinologischer Seite hat übrigens Joseph Needham von Anfang an Pfizmaiers Werke berücksichtigt und in seinem monumentalen Science and Civilisation in China (Cambridge 1954ff.) verzeichnet.

Ein nützlicher und interessanter Symposiumsband, der übrigens - eine nette Idee - auf den Deckeln Reproduktionen aus Pfizmaiers Sechs Wandschirme bringt.

Hartmut Walravens, Berlin



Latest update: 2005-08-18  Impressum

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