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| www.oriens-extremus.de > OE 34 > Rezensionen |
Daß in der deutschen Geschichtswissenschaft nicht gerade Überfluß an japanspezifischen Arbeiten herrscht, bestätigt ein rascher Blick auf die Publikationen der letzten Jahre. Um so erfreulicher ist es daher, wenn sich wieder einmal ein junger Historiker der Mühe unterzogen hat, uns Japans moderne Geschichte näherzubringen.
W. Wagner versucht in seiner Freiburger Dissertation, die Grundlinie der japanischen Außenpolitik in der frühen Meiji-Zeit (1868-1894) aufzuzeigen, um dadurch den ideologisch-politischen Rahmen des japanischen Führungsanspruchs in Ostasien abstecken zu können. Daß dieses Vorhaben geglückt ist, liegt nicht nur an dem vom Vf. bewältigten immensen japanischen Quellen- und Sekundärmaterial, es liegt auch an der konzeptionellen Durchdringung des komplexen historischen Stoffes, bei dem sich Rückblicke und Ausblicke - wie sie Wagner anstellt - geradezu anbieten. Dadurch vermag Wagner nicht nur in überzeugender Weise die Kontinuität in Japans außenpolitischem Denken und Handeln von den 1860er Jahren bis in die Zeit des Pazifischen Krieges herauszupräparieren, er kann auch nachweisen, daß - entgegen früheren Annahmen - Japans Außenpolitik der Meiji-Ära sich durchaus als ein geschlossenes, eigenständiges Programm darstellt, das keineswegs nur als eine Reaktion auf externe Einflüsse des Westens zu verstehen ist.
"Seit der japanischen Frühzeit", so der Vf., "hatte sich in Japan eine Tradition expansiver Vorstellungen herausgebildet, die sich am Vorbild der hierarchischen chinesischen Weltordnung ausrichteten" (S. 302). Das Vordringen der westlichen Mächte, gipfelnd in der gewaltsamen Öffnung Japans 1853 sowie (als innenpolitische Resonanz darauf) in der Meiji-Restauration 1868, bewirkte eine forcierte Modernisierung des Landes nach westlichen Vorbildern - freilich unter militärstrategischem Kalkül und unter Leitung der reformbereiten Kriegerkaste der Samurai. Dies führte dazu, daß Modernisierung gleichsam in ältere außenpolitische Konzeption eingebettet wurde und den Rang einer "expansiven Defensivstrategie" (S. 302) gegen das westliche Vordringen erhielt. Einziges Ziel des Modernisierungsprozesses war die militärische Erstarkung zur Wiedererlangung der nationalen Souveränität, d.h. die Abschüttelung des vom Westen aufoktroyierten Systems der ungleichen Verträge (in Japan sei 1858). Ideologische Legitimation erfuhr das außenpolitische Programm, dessen Konturen sich 1868 bereits abzeichneten, mit der Wiedererstarkung der kaiserlichen Autorität. Der Beginn der Tennô-Herrschaft markierte so eine Fortführung außenpolitischer Konzeptionen, die nun aber ideologisch überhöht wurden.
Bereits die ersten außenpolitischen Aktivitäten der Meiji-Zeit liefern den schlagenden Beweis, daß die neuen Staatsmänner die Expansionspläne aus der Endphase der Tokugawa-Herrschaft als Blaupause übernahmen, sie jedoch mit modernen diplomatischen Mitteln kaschierten (so etwa die Politik gegenüber Korea, die 1876 zur japanischen Öffnung Koreas im ungleichen Vertrag von Kanghwa führte).
Ostasienpolitik bedeutete für Japan stets auch Ablenkung innenpolitischer Spannung nach außen. Jedoch verwirft Wagner mit Recht einen sozialimperialistischen Erklärungsansatz, da die japanische Expansion sozusagen vorprogrammiert war, ehe die Modernisierung soziale Spannungen erzeugen konnte. Vor dem chinesisch-japanischen Krieg 1894/95 - und darauf verweist der Autor ausdrücklich - sind die Kontinuitäten der japanischen Außenpolitik erst ansatzweise erkennbar. Der historische Ausblick auf die weitere Entwicklung hilft hier, den historischen Stellenwert der frühen Meiji-Außenpolitik richtig zu würdigen.
Mancher mag sich vielleicht fragen, ob nicht gerade durch das verkürzte Resümee des Vf. ein Determinismus in der japanischen Entwicklung postuliert wird, der historische Unwägbarkeiten, Umwege und gelegentliche Brüche außer acht läßt. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, daß es dem Vf. in erster Linie darauf ankam, ein (freilich kritikwürdiges) Erklärungsmodell für das Entstehen der japanischen Außenpolitik in der frühen Meiji-Zeit zu liefern, das gerade an Schärfe und Überzeugungskraft gewinnt durch die pointierte Beweisführung.
Festzuhalten bleibt: Wagner hat mit seiner Darstellung ein historisches Bravourstück vorgelegt, das in der Verarbeitung der Quellen, der methodischen wie stilistischen Aufbereitung des Materials sowie in der überzeugenden Präsentation der Argumentationskette zweifellos als Standardwerk gelten darf und von jedem an der modernen Geschichte Japans Interessierten mit Gewinn herangezogen werden kann.
Rolf-Harald Wippich, Tôkyô
Latest update: 2005-08-18 Impressum