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Shmuel N. EISENSTADT und Eyal BEN-ARI (Hrsg.): Japanese Models of Conflict Resolution.
London/New York: Kegan Paul International 1990.

Im Zuge der kritischen Auseinandersetzung mit der Nihon (jin)-ron, also den verschiedenen theoretischen Ansätzen zur Erklärung nationaler Spezifika Japans und der Japaner, übt das Thema "Konflikt in Japan" seit langem eine besondere Faszination aus. Es bietet sich offensichtlich an, um das Image Japans als Gesellschaft, in der Gruppenorientierung, Konsens und Harmoniestreben dominieren, zu konterkarieren, zumindest aber den Versuch zu unternehmen, es zu differenzieren. Beispiele für Bemühungen in dieser Richtung sind die Arbeiten von Najita und Koschmann[1] die sich mit dem Thema aus historischer Perspektive auseinandergesetzt haben, Sugimoto und Mour[2] mit ihrer Untersuchung der Rezeption von Konflikt in Japan-bezogenen Gesellschaftstheorien, sowie Krauss, Rohlen und Steinhoff [3] die in einem Querschnitt durch verschiedene gesellschaftliche Bereiche die Anwendbarkeit westlicher Konflikttheorien auf Japan prüfen.

Mit dem vorliegenden Sammelband, der die Ergebnisse einer Tagung zum selben Thema am Harry S. Truman Research Institute for the Advancement of Peace im Jahre 1987 zusammenfaßt, liegt nun ein weiterer Sammelband zum Thema Konfliktaustragung in Japan vor. Der Band lädt zum Lesen ein, verspricht er doch etwas Neues, nämlich einen komparatistischen Ansatz. Anders als die genannten Arbeiten verbindet die Beiträge dieses Bandes das Ziel, aus vergleichender Perspektive westliche theoretische Ansätze in die Diskussion von Konfliktaustragung in Japan einzubinden.

Das thematische Spektrum, in dem dieser Anspruch eingelöst werden soll, ist weit: S.N. Eisenstadt analysiert in seinem Artikel "Contrasts and Comparisons in the Analysis of Conflict Management in Japan: An Introduction" Konfliktmuster und Formen der Konfliktaustragung. Er diskutiert sie im Hinblick auf unterschiedliche historische Epochen, Institutionen sowie Beziehungen und entwickelt unter Anwendung des von ihm an anderer Stelle vorgestellten zivilisationstheoretischen Modells[4] grundlegende Muster, die den historischen Entwicklungen zugrundeliegen. Er zeigt, wie sich Ideale wie Gruppenharmonie im Verlauf der japanischen Geschichte herausgebildet und wie sie konkrete Formen der Konfliktaustragung geprägt haben. Nach Eisenstadt sind es diese Ideale, die die Definition und Lösung von Konflikten in der japanischen Gesellschaft entscheidend beeinflussen. Er bejaht die Existenz und Wirksamkeit spezifischer Normen für die Konfliktaustragung in Japan, arbeitet aber gleichzeitig den funktionalen Wert dieser Ideale für die Regelung von Konflikt und Legitimation von Macht durch die Eliten heraus.

Chalmers Johnson thematisiert in seinem Beitrag "The Japanese Economy: A Different Kind of Capitalism" den Zusammenhang von Spezifika des japanischen Wirtschaftssystems und geringer Konflikthäufigkeit. Aus dem Vergleich mit den USA entwickelt er die These, Japan habe Institutionen eines kapitalistischen Wirtschaftssystems in neuer, spezifischer Weise entwickelt und strukturiert. Er versucht diesen spezifisch japanischen Kapitalismus anhand der Analyse von zehn Institutionen im wirtschaftspolitischen Bereich näher zu bestimmen, wie die Finanzinstitutionen, die Unternehmensgruppen ( kigyô shûdan), Organisationen der Arbeitnehmer und die administrativen Beratungsgremien ( shingi-kai). Johnson zeigt, wie die hohe institutionelle Innovationskapazität in der Industriepolitik das Auftreten von offenen Konflikten reduziert und informelle Verfahren die Konfliktaustragung prägen.

Unter dem Titel "Class Conflict, Corporatism and Comparison: a Japanese Enigma" diskutiert Michael Shalev, ob der wirtschaftspolitische Erfolg Japans mit den Annahmen der westlichen Neo-Korporatismusdebatte zu erklären sei. Die Antwort von Shalev lautet "nein". Während die westliche Neo-Korporatismusforschung als Indikator für korporatistische Strukturen friedliche industrielle Beziehungen ansetzt, also - so Shalev - vom äußeren Erscheinungsbild geleitet ist, geht er auf die unterschiedliche historische Herausbildung der Beziehungen von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden und des Arbeitsmarktes in Japan und in westlichen Industrieländern ein. Er leitet aus dieser Betrachtung die Schlußfolgerung ab, daß mehr als eine korporatistische Einbindung der Gewerkschaften in den politischen Prozeß die duale Wirtschaftsstruktur Japans das konfliktarme Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern und damit politischen Erfolg erklärt.

In dem Beitrag von Eyal Ben-Ari "Ritual, Strikes, Ceremonial Slowdowns: Some Thoughts on the Management of Conflict in Large Japanese Enterprises" wird der Aspekt der institutionellen Minimierung von Konflikt eingegrenzt auf die sogenannten Frühjahrslohnkämpfe ( shuntô). Ähnlich wie schon Ishida in dem oben genannten Band von Krauss/Rohlen/Steinhoff Conflict in Japan, differenziert er zwischen der Funktion von shuntô als öffentliche Bekräftigung des Grundwiderspruchs von Lohnarbeit und Kapital einerseits und der faktischen Bedeutung als integraler Bestandteil der Kooperation beider, was in der Analyse von Ishida der Dichotomie von omote und ura entspricht.[5] Die Verbindung beider ermöglicht einerseits die Teilnahme an Konflikten und die begrenzte Artikulation von Positionen auf seiten der Konfliktparteien, andererseits bleibt der Weg zu grundsätzlicher Zusammenarbeit erhalten.

Ben-Ami Shillony knüpft ebenfalls an Ishida an, wenn er unter dem Titel "Victors without Vanquished : a Japanese Model of Conflict Resolution" der historischen Herausbildung der idealen Konfliktlösung, nämlich der Lösung ohne Verlierer, nachgeht. Er beschränkt sich nicht auf das Konstatieren dieses Ideals, sondern sucht ähnlich wie Ishida[6] die Grundlagen hierfür in kulturellen und religiösen Anschauungen bzw. Traditionen der Japaner.

In dem Beitrag "Resolving and Managing Policy Conflict: Advisory Bodies" von Ehud Harari steht eine Institution, die bereits in den Beiträgen von Johnson, Shalev und Ben-Ari als ein wichtiger Ort der Herstellung von Kooperation und Konsens im politischen Entscheidungsprozeß erwähnt wurde, im Mittelpunkt: die sogenannten administrativen Beratungsgremien der Regierung bzw. der Ministerien. Harari stützt Johnsons Argument, daß institutionelle Arrangements einen bedeutenden Anteil an der Regulierung von Konflikten haben. Er siedelt die administrativen Beratungsgremien zwischen informeller, nicht institutionalisierter Konfliktregelung und Institutionen, die explizit dem Interessenausgleich und der Konfliktregelung im politischen Prozeß dienen sollen, wie parlamentarische Ausschüsse und Gerichte, an. Ihre wachsende Bedeutung im politischen Entscheidungsprozeß ist laut Harari nur bedingt mit Konsensorientiertheit und der Neigung zu Personalisierung von Konflikten zu erklären. Während die shingi-kai einerseits funktional bei politischen Entscheidungen Konsensbildung zwischen den beteiligten Gruppen fördern, führt die selektive und teilweise exklusive Zusammensetzung der Gremien, in denen die Gewerkschaftsseite beispielsweise chronisch unterrepräsentiert ist, auch zu Konfliktverschärfung. Harari trägt mit diesem Ergebnis zu einer differenzierteren Bewertung der shingi-kai bei. Während von seiten der Verwaltungswissenschaft in Japan noch heute diese Gremien als "Deckmäntelchen für bürokratische Machtausübung" ( kakuremino), oder als "Cheer groups" für die Bürokratie ( ôen-dan) teilweise zurecht kritisiert werden,[7] aber damit gleichzeitig ihre Rolle als Ort des politischen Interessenausgleichs vernachlässigt wird, macht Harari deutlich, daß diese Gremien je nach Betonung ihrer strukturellen Voraussetzungen oder prozessualer Aspekte aktiv zu Konfliktlösung oder auch -verschärfung beitragen.

Der anschließende Beitrag von Harumi Befu "Conflict and Non-Weberian Bureaucracy in Japan" schlägt den Bogen zurück zu den Fragestellungen von Eisenstadt zu Beginn des Bandes. Befu verfolgt das Ziel, die Aussagekraft von Webers Bürokratiemodell an der japanischen Realität zu überprüfen. Dabei geht es ihm um die Darstellung eines idealtypischen japanischen Bürokratiemodells, das er dann mit den bekannten Weberschen Charakterisierungen der westlichen Bürokratie konfrontiert. Er will weniger die realen Verhältnisse bürokratischen Handelns diskutieren, als vielmehr einen Beitrag zu der von Eisenstadt angeregten Entwicklung eines übergreifenden Zivilisationsmodells leisten.

Michael Ashkenazis Artikel "Religious Conflict in a Japanese Town: Or is it?" ist demgegenüber Ergebnis empirischer Feldstudien in Japan, bei denen der Autor der Frage nachgegangen ist, welche Mechanismen der Begrenzung, Regulierung und Streuung von religiösen Konflikten dienen. Die Fragestellung mag erstaunen, sind doch religiöse Konflikte in einem Land, in dem die Zugehörigkeit zu verschiedenen Religionsgemeinschaften üblich ist, kaum zu erwarten. Gemessen an den Erwartungen des Lesers erscheint das Ergebnis dann auch wenig überraschend: Der Autor stellt fest, daß Konflikte zwischen Religionsgemeinschaften ebenso wie religiös motivierte Konflikte zwischen der regionalen und der nationalen Ebene rar sind. Die Fallstudien beziehen sich dann auf Konflikte innerhalb von religiösen Gruppen. Sie zeigen, daß es sich hier häufig weniger um ideologische Differenzen handelt, sondern die Konfliktursache außerhalb des religiösen Bereichs im engeren Sinne zu finden ist und ökonomische oder politische Fragen betrifft. Religion dient hier als "Vorwand", um Konflikte subtil, versteckt oder begrenzt stattfinden zu lassen. Die Austragung der Konflikte erfolgt verdeckt, der offene, frontale Konflikt wird vermieden. Diese besondere Rolle der Religion erklärt Ashkenazi historisch mit der gewaltvollen Unterdrückung des Volkes, die die Entwicklung von Konfliktvermeidungsstrategien begünstigt habe, dem nicht-exklusiven Charakter der japanischen Religionsgemeinschaften sowie der herrschenden Norm der Konfliktfreiheit und Harmonie als gesellschaftlichem Ziel.

In dem letzten Beitrag stellt Harumi Befu unter dem Titel "Four Models of Japanese Society and the Relevance to Conflict" vier Modelle zur Erklärung der japanischen Gesellschaft vor und diskutiert ihren Erklärungswert für die unterschiedlichen Formen von Konfliktentstehung und -austragung. Zunächst geht er auf das Gruppenmodell, das seit Jahren im Zentrum sozialwissenschaftlicher und anthropologischer Studien stand, ein und diskutiert es auf der Grundlage realer Konflikte, etwa der Auseinandersetzung um die Verantwortung für die Quecksilbervergiftungen in Minamata. Anschließend geht er in gleicher Weise auf das Stratifikationsmodell, das Modell des sozialen Austauschs sowie das Modell der symbolischen Interaktion ein. Ihm geht es dabei um die Verknüpfung von allgemein gültigen theoretischen Annahmen über die Funktionsweise moderner Gesellschaften mit kulturellen Besonderheiten der japanischen Gesellschaft. Seine Schlußfolgerungen sollten zu weiterem Nachdenken anregen: Alle vier Ansätze sind nach Befu nicht alternativ zu sehen. Vielmehr erfordere die Komplexität moderner Gesellschaften einen "Theoriemix". Die Entscheidung für ein Modell bedeute immer auch eine Eingrenzung der Wahrnehmung der japanischen Gesellschaft und damit einen Verlust an Differenziertheit.

Welchen Eindruck hinterläßt die Lektüre des Buchs? Zum einen ist der Anspruch, über bisherige Publikationen zum Thema hinausgehend die komparatistische Perspektive einzubeziehen, erfüllt worden. In allen Beiträgen zeigt sich, wie fruchtbar sich der komparatistische Ansatz - sei es in zeitlicher (Eisenstadt), räumlicher (Johnson) oder theoretischer (Shalev, Befu) Hinsicht - für eine differenzierte Interpretation von Konfliktregulierung in Japan auswirkt. Positiv zu vermerken ist auch, daß sich die meisten Beiträge sinnvoll aufeinander beziehen lassen und so beim Leser eine Verdichtung und Differenzierung des Verständnisses von Konfliktregelungsmustern ermöglichen. Dies gilt insbesondere für die Beiträge von Shalev, Johnson, Ben-Ari und Harari, die sich alle explizit oder implizit auf die Grundannahmen der Neo-Korporatismusforschung beziehen und ihre Gültigkeit im Zusammenhang mit der Bedeutung politischer Institutionen diskutieren. Die breite Berücksichtigung der wichtigsten Beiträge zu diesem Thema in der deutschen und amerikanischen Diskussion, die Einbindung und die sorgfältige Berücksichtigung spezifischer historischer Bedingungen Japans machen diese Beiträge zu einer lohnenswerten Lektüre für Sozialwissenschaftler und Japanologen mit Interesse an soziokulturellen bis soziopolitischen Fragestellungen. Anzumerken ist nur, daß gerade aufgrund der Verzahnung der Beiträge untereinander ein Index hilfreich gewesen wäre.

Nach der Lektüre des Buchs läßt sich als Fazit ziehen: Es handelt sich um ein Buch, das sich an Experten wendet. Grundwissen über Japan wird ebenso vorausgesetzt wie Kenntnis soziologischer bzw. politikwissenschaftlicher Fachterminologie. Wer mit Begriffen wie Korporatismus, Stratifikationsmodell oder Webers Modell bürokratischer Herrschaft nicht vertraut ist, dem sei als Einstieg in die Thematik sicherlich eher der eingangs erwähnte Band von Krauss/Rohlen/Steinhoff zu empfehlen. Für den jedoch, der sich mit Fragen der Anwendbarkeit westlicher Erklärungsansätze auf Japan auseinandersetzt, bieten die Beiträge eine Fülle von kreativen Ansätzen, die zum Weiterdenken anregen. Angesichts des hohen Preises des Buchs fällt die Empfehlung, es sich anzuschaffen, nicht leicht. Auf der Wunschliste für japanologische und sozialwissenschaftliche Fachbibliotheken sollte es jedoch auf keinen Fall fehlen.

Gesine Foljanty-Jost, Trier


Fußnoten

[1] Tetsuo Najita, Victor J. Koschmann (ed.): Conflict in Modern Japanese History. Princeton 1982.
[2] Ross Mour, Yoshio Sugimoto: Images of Japanese Society. London, New York 1986.
[3] Ellis S. Krauss, Thomas P. Rohlen, Patricia G. Steinhoff (ed.): Conflict in Japan. Honolulu 1986.
[4] Shmuel N. Eisenstadt: The Origins and Diversity of Axial-Age Civilizations. Albany 1986.
[5] Takeshi Ishida: Conflict and Its Accomodation: Omote-Ura and Uchi-Soto Relations, in: Ellis S. Krauss, Thomas P. Rohlen, Patricia G. Steinhoff (ed.): Conflict in Japan. Honolulu 1986, S. 16-38.
[6] Takeshi Ishida: A Culture of Love and Hate, in: Japan Quarterly, Nr. 8, 1961, S. 394-402.
[7] So: Sato, Hidetake: Shingi-kai seido kaikaku no kokumin-teki kadai (Aufgaben einer Reform der administrativen Beratungsgremien aus der Sicht des Volkes), in: Keizai, Nr. 174, Juni 1978, S. 123-150.



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