Oriens Extremus
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V.M. ALEKSEEV: China im Jahre 1908. Ein Reisebuch.
Leipzig, Weimar: Gustav Kiepenheuer 1989. 431 S. 8°

Vasilij Michajlovic Alekseev (1881-1951) darf als der bedeutendste russische Sinologe nach seinem Lehrer V.P. Vasil'ev gelten. Im Westen ist er immer noch relativ wenig bekannt, trotz seines umfangreichen Oeuvres und seiner soliden Arbeitsmethoden. Am ehesten hat man noch von seinen Vorlesungen am Collège de France und am Musée Guimet zur chinesischen Literatur aus dem Jahre 1926 gehört ( La littérature chinoise. Paris 1937), dagegen ist seine stupende Doktorarbeit über Szu-k'ung T'u (1000 Seiten !) selbst Spezialisten auf dem Gebiet der chinesischen Literatur kaum in Erinnerung. Zu Alekseevs großen Leistungen gehören seine Beschäftigung mit chinesischer Volkskunde und -kunst, und da besonders dem populären Bild, dem nien-hua, wie es zu Neujahr oder zu bestimmten Festtagen beliebt ist. Auf seinen Chinareisen hat er eine enorme Sammlung (etwa 3000) dieser damals von der Wissenschaft mit Verachtung gestraften Stücke zusammengebracht, deren größter Teil sich heute in der staatlichen Eremitage in St.~Petersburg befindet. Aus seinem Nachlaß ist eine Monographie zum Thema zusammengestellt worden ( Kitajskaja narodnaja kartinka. Moskau 1966), die immer noch zu den Standardwerken gehört. Einen schönen Querschnitt durch die Sammlung gibt der Band Chinesische Neujahrsbilder (Leningrad 1988). Darüber hinaus hat sich Alekseev intensiv mit den Erzählungen des Liao-chai chih-i befaßt, die ja nicht nur literarisch, sondern auch aus volkskundlicher Sicht großes Interesse verdienen. Seine vierbändige Auswahlübersetzung ist mehrfach aufgelegt worden und bis heute geschätzt; sie war Grundlage für eine Reihe von Nachübersetzungen in andere Sprachen. Eine Übersicht über Alekseevs Veröffentlichungen findet sich in Oriens extremus. 21.1974, 67-95.

Alekseev hatte in Paris, u.a. bei Édouard Chavannes studiert. Und als er 1906 Chavannes zufällig wiedertraf, der eine archäologische Studienreise unternahm, bat er spontan, sich anschließen zu dürfen. Das vorliegende Buch ist das Tagebuch dieser Reise, die vieles nicht nur über Land und Leute, sondern auch über Alekseevs Mentalität, seine Ziele, seine Arbeitsweise, und auch über Chavannes bringt. Das Original ist 1958 in Moskau unter dem Titel V starom Kitae erschienen und nun sachkundig von Siegfried Behrsing, dem Sinologen und Majakovskij-Übersetzer, ins Deutsche gebracht worden. Die deutsche Ausgabe ist der russischen (ohnehin lange vergriffenen) durchaus vorzuziehen: Sie ist auf besserem Papier gedruckt und reichhaltiger illustriert, sogar mit Farbtafeln. Hier einige Bemerkungen über Chavannes, den zeitlebens hochgeschätzten Lehrer: "An den Abenden philosophieren wir. Ich erzähle Chavannes viel von russischer Literatur (besonders von Leonid Andreev). Nur in Rußland kann man so schreiben. Ich bin stolz auf meine herrliche Sprache, ich bin glücklich, daß in meinem Lande etwas unwahrscheinlich Großes in den Köpfen seiner besten Söhne heranwächst ... Bald kommt die Umwertung aller Werte. Schon sind die Wogen der Brandung zu hören, der Wellenschlag des neuen Lebens! Chavannes verhält sich solchen Themen gegenüber recht gleichgültig. Geschichte wird seiner Ansicht nach von bedeutenden Persönlichkeiten gemacht (zu denen er, wie es scheint, auch sich selbst zählt). 2. August. Ich habe erneut festgestellt, daß man mit Chavannes nur über China sprechen darf. Hier ist er einfach großartig. Unsere langen Unterhaltungen über buchstäblich alle die Erforschung Chinas betreffenden Fragen sind die Glanzlichter unserer Reise. Jetzt da wir in der Falle sitzen, machen wir überhaupt nichts anderes als Lesen und Reden. Das Hauptthema ist natürlich Longmen und die Geschichte des Buddhismus in China." (S. 228). An anderer Stelle, und man spürt die Unmittelbarkeit der Äußerungen des temperamentvollen jungen Sinologen, bedauert er, kein Verständnis bei Chavannes für seine folkloristischen Neigungen zu finden. Indes hat auch Chavannes, sicherlich angeregt durch Alekseev, eine Sammlung von Neujahrsbildern mit nach Hause gebracht (vgl. Danielle Eliasberg: Imagerie populaire chinoise du nouvel an. Arts asiatiques.35.1978). S. 236-237 bringen einen Exkurs zu Fragen der Übersetzung, aus dem nur eine Probe gegeben sei: "Beim Streben nach exakter, wissenschaftlicher Wiedergabe des Sinnes darf aber die Ausarbeitung der Nuancen nicht vergessen werden. Jede Übersetzung eines alten chinesischen Literaturtextes ist sowieso insofern zum Scheitern verurteilt, als das nach der Natur der Dinge nicht zu vereinfachende Original in der Übersetzung unvermeidlich vereinfacht wird. Deshalb wäre es umso unverzeihlicher, auch noch den Rhythmus, den Stil des Werkes zu verlieren. Der Rhythmus der Rede ist ihr Innenleben, ihre Musik, die von der Grammatik her nicht zu erklären ist und den Nerv, die Grundlage des Stils, bildet. Für das Chinesische gewinnen diese Feststellungen erhöhte Bedeutung, denn mit Hilfe des Rhythmusgefühls lassen sich Anfang und Ende des Satzes erraten, und der Rhythmus ist es, der die Bedeutung des Wortes im Satz bestimmt. Sprache ist Leben. Sie ist kompliziert und schwierig wie das Leben und mit der Lösung grammatischer Probleme allein ist ihr nicht beizukommen." Das Buch bringt aber nicht nur, in lockerer Tagebuchform, viele bedenkenswerte Erkenntnisse, es läßt auch, unterstützt durch die Photographien, das alte China vor dem geistigen Auge wiedererstehen. Den Abschluß bildet ein Artikel aus der Feder von Frau Bankovskaja, der Tochter des Gelehrten, und des auch in Deutschland wohlbekannten Literaturspezialisten Boris Riftin, worin Leben und Werk Alekseevs gewürdigt werden. Ein schönes, ein interessantes Buch!

Hartmut Walravens, Berlin



Latest update: 2005-08-18  Impressum

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