![]() |
![]() |
|
| www.oriens-extremus.de > OE 34 > Rezensionen |
Rainer Hermann Albert HESSE: Wangma fenleifa. Ausführliche Beschreibung des Netzcodes zur Klassifizierung chinesischer Schriftzeichen.
Wiesbaden: Harrassowitz 1985. 218 S. 8°
Beide Bände befassen sich mit der chinesischen Schrift. Der erste ist ein Vorschlag zur chinesischen Schriftreform: Der Autor referiert kurz frühere Bemühungen um Vereinfachung wie Gwoyeu Romatzyh, moderne Kurzzeichen, Hanyu pinyin und Zhuyin zimu; dabei ist sein Hauptkritikpunkt, daß sie das Homophonen-Homonymenproblem nicht lösen. Insofern hat er eine eigene chinesische Schrift entworfen, die sich an der traditionellen chinesischen Schrift orientiert und zumindest ihre graphischen Eigenheiten und Strichfolgen berücksichtigt. Rein äußerlich ähnelt das Ergebnis der Zhuyin zimu-Schrift, ist aber wesentlich komplizierter, da zur Unterscheidung von Homophonen eigene graphische Elemente verwendet werden. Die dazu dienenden Ligaturen wirken etwas kompliziert für eine Volksschrift, aber vielleicht ist das ein mehr oberflächlicher Eindruck. Positiv ist zu vermerken, daß das System phonetisch auf Hanyu pinyin-Lautung aufbaut. Darüber hinaus wird jedes Quadrat, das ja traditionell für ein Schriftzeichen zur Verfügung steht, in 12 Einzelfelder aufgeteilt, die eine zufriedenstellende Kodierung erlauben, was z.B. für die Datenverarbeitung von Bedeutung ist.
Schriftzeichen dieser synthetischen Volksschrift setzen sich zusammen aus: Grundzeichen (phonetisch), Positionszeichen und Hilfslinien. Dazu kommt eine Tonkennung. Das System, das im Buch mit vielen Einzelheiten detailliert vorgestellt wird, erlaubt ohne weiteres die Konstruktion einer halben Million Schriftzeichen. Es wirkt in sich geschlossen und logisch; die Frage erhebt sich jedoch nach der möglichen Akzeptanz eines solchen Systems, und so erscheint das ganze einstweilen als ein privates intellektuelles Vergnügen, um nicht zu sagen Spielerei.
Die Übernahme eines neuen Schriftsystems bedeutet ja, im Gegensatz zu den früher genannten Hilfsschriften, den Abschied von der bisherigen literarischen Tradition samt ihrer starken ästhetischen Komponente. Der Bruch wäre also wesentlich stärker als etwa der Übergang in der Türkei von der arabischen zur lateinischen Schrift. Ein Han Minwen-Kenner wäre absoluter Analphabet in der chinesischen Literatur ...
Das zweite Buch setzt die vorher gemachten Erfahrungen bezüglich einer Kodierung von Schriftzeichen logisch fort, in dem der Autor sie auf die existierende chinesische Schrift anwendet. Dabei ist eine Einteilung des Schriftzeichen-Quadrats in 18 Felder vorgesehen. Dadurch lassen sich graphische Details kodieren: das Zeichen neng (können) hätte eine Konfiguration: 1-2/-7-8. Ähnlichkeiten zum Vierecken-System sind also da - allerdings ist Hesses Methode detaillierter und genauer. In Hinsicht auf mehrere nebeneinander liegende graphische Elemente (etwa ling "Schamane") oder Umrahmungen ( yuan "Garten") sind Teilfelder notwendig. Darüber hinaus werden Netzpunkte (mit oder ohne freien Strichfortsatz) definiert: das Zeichen tian "Feld" hat 9 Netzpunkte ohne freien Strichfortsatz, nü "Frau" hat 4 Netzpunkte mit unterschiedlicher "Wegigkeit" (2 vierwegig, 1 dreiwegig, 1 zweiwegig). Darüber hinaus wird die Anzahl von Strichfortsätzen und Hakenstrichen notiert. All das führt zur Linearnotation der Schriftzeichen, die Angaben über Feld, Konfiguration, Ebene ("die Linien und Wege, die die Netzpunkte eines Feldes von links nach rechts miteinander verbinden") und Netzpunkte enthält. Das System, das durchaus schlüssig und zweifellos funktional ist, führt im Falle des Zeichens you "Öl" etwa zur Notation: 9(1,0): 4.3.2. - + - Eine Wörterbuchanordnung für Einfeldzeichen ist beigegeben.
Das Buch steht in der historischen Tradition der europäischen Bemühungen um eine Clavis sinica, eines Schlüssels zur chinesischen Schrift, eines graphisch-philosophischen Ordnungssystems, das die historisch gewachsene Vielfalt und Unlogik der Zeichen übersichtlich macht. Andreas Müller, Dompropst zu Bernau und chinesischer Bibliothekar des Großen Kurfürsten, hatte dieser Arbeit einen Teil seines Lebens gewidmet; ihm folgte in denselben Bemühungen der Leibarzt des Kurfürsten, Christian Mentzel. Leibniz machte sich Gedanken darüber, und Gottlieb Siegfried Bayer in St. Petersburg füllte 26 Folianten mit 60.000 Zeichen seiner systematischen Zeichenanordnung ...
Kurz, während im 17. und 18. Jahrhundert eine durchschaubare Anordnung der chinesischen Zeichen für pädagogische und drucktechnische Zwecke sinnvoll erschien, hat die technische Entwicklung inzwischen so große Fortschritte gemacht, daß sich die Frage der praktischen Anwendung des sorgsam ausgearbeiteten Systems stellt: Die Dateneingabe am Computer erfolgt heute meist phonetisch, und bei der Benutzung guter Wörterbücher (als Teil des Programms) lassen sich die notwendigen Auswahlvorgänge aus der Liste der Homonyme minimieren. Die ersten Wörterbücher auf handlichen und tragbaren CD-Geräten sind nun auf dem Markt. Volltextdatenbanken mit chinesischer Literatur werden sicherlich bald folgen. Der allgemeine OCR-Einsatz für chinesische Texte ist allenfalls eine Frage der Zeit ...
Hartmut Walravens, Berlin
Latest update: 2005-08-18 Impressum