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| www.oriens-extremus.de > OE 34 > Rezensionen |
P. Matteo Ricci (1552-1610), der Begründer der modernen Chinamission, hat mit seiner Apologetik T'ien-chu shih-i ein für das Christentum grundlegendes Werk geschaffen, das sich guter Akzeptanz erfreute, wie die zahlreichen Auflagen und Übersetzungen[1] bis ins 20. Jahrhundert hinein belegen.[2] Die chinesische Resonanz auf das Werk war von Anfang an ermutigend: Als Ricci im Oktober 1596 die erste Fassung fertiggestellt hatte, schickte er mehrere Exemplare zur Begutachtung herum. Der einflußreiche Gelehrte und Staatsmann Hsü Kuang-ch'i (1562-1633) wurde nach der Lektüre Christ (getauft wurde er von Joao da Rocha in Nanking); der Gelehrte Li Chih-tsao (?-1630) schrieb sich sofort ein Kapitel ab, und der Gelehrte Feng Ying-ching (1555-1606) schrieb ein Vorwort dazu und erklärte seine Bereitschaft, die Druckkosten mitzutragen. 1603 erschien das Werk in Peking in 200 Exemplaren, nachdem Ricci eine Reihe von Korrekturen eingebracht und sogar noch Änderungen an den Druckstöcken vorgenommen hatte. Auf Anregung von Alessandro Valignano S.J. (1539-1606) erschien 1605 eine 2. Ausgabe in Canton, und zwei Jahre später bereits erschien die 3. Ausgabe in Hang-chou, herausgegeben vom Yen-i Pavillon, mit Vorwort von Li Chih-tsao.
Ausgangspunkt des Werkes war ein von Ricci und Michele Ruggieri 1584 in Chao-ch'ing verfaßter Katechismus gewesen, von dem sich ein Exemplar im Jesuitenarchiv in Rom erhalten hat. Riccis praktische Missionserfahrung ging dahin, daß er als buddhistischer Mönch keine Erfolgsaussichten hatte, sondern daß er sich an die konfuzianischen Gelehrten und Beamten wenden mußte. So studierte er die Klassiker, übersetzte u.a. die Vier Bücher, und durchforschte sie nach christlichem Gedankengut. Im T'ien-chu shih-i werden die Ergebnisse in eine Art prä-evangelischen Dialog gebracht, die Offenbarung bleibt unberücksichtigt, wenn sie nicht durch die Klassiker zu stützen ist. Dies erklärt zugleich den Erfolg des Buches - die Gelehrten fanden hier ihnen vertrautes Gedankengut. Ricci stellte sich zugleich gegen die nihilistischen Tendenzen im Taoismus und die pantheistischen Gedanken im Buddhismus und im Neokonfuzianismus. Ricci folgte auch den Exercitia spiritualia des Ordensgründers Ignatius von Loyola: ''Die Geistlichen Übungen müssen der Natur derer, die sich ihnen unterziehen wollen, angepaßt werden, nämlich ihrem Alter, ihrer Bildung oder Fähigkeit". Hier liegt sicherlich eine der Wurzeln der ''Anpassungsmethode" P. Riccis.
Eine große Leistung Riccis ist die Schaffung einer christlichen chinesischen Nomenklatur. Wenngleich seine Wortprägungen keineswegs unwidersprochen blieben, bildeten sie doch die Basis einer eigenständigen, von den Klassikern hergeleiteten, aber von den chinesischen Religionen auch wieder abgegrenzten, Terminologie. Die vorliegende, sorgfältige Übersetzung erlaubt erstmals eine durchgehende Analyse von Riccis Rezeption chinesischen Gedankengutes und von seiner missionarischen Methode. Es fällt auf, daß Ricci keineswegs chinesisches philosophisches Gedankengut jeweils korrekt verstand; und natürlich war er dem theologischen Stand und den Strömungen seiner Zeit verhaftet. Dies ist aber geradezu selbstverständlich und tut einem solchen hervorragenden Pionierwerk keinen Abbruch.
Während das Werk in China großes Aufsehen erregte, blieb die Resonanz in Europa vergleichsweise gering - immerhin erschien eine französische Übersetzung in den Lettres édifiantes et curieuses[3] und im 19. Jahrhundert gar eine russische Fassung.[4]
Hartmut Walravens, Berlin
Fußnoten
[1] Bekannt geworden sind Übersetzungen ins Koreanische (vgl. Courant: Bibliographie coréenne, Nr 2701), Japanische (1684; neueste Ausg. Tôkyô 1971; Übersetzung: Goto Motoomi) und Mandjurische: Abkai ejen-i unenggi jurgan (o.J.; mit dem Vorw. von 1607). Darüberhinaus erschien eine von P. Baldinotti veranstaltete Ausgabe in Tonking. Vgl. H. Cordier: L'imprimerie sino-européenne en Chine. Paris 1901, 225-1.
[2] Letzte chinesische Ausgabe: Taichung 1966 (Originaltext und Übersetzung ins moderne Chinesisch von Liu Shun-te); Nachdruck Taipei 1967.
[3] Entretiens d'un lettré chinois et d'un docteur européen sur la vraie idée de dieu, in Lettres ... , ed. 1781, Bd 25: Mémoires des Indes et de la Chine, S. 143-385. Die Übersetzung stammt von P. Ch. J. B. Jacques, S.J.
[4] St. Petersburg 1889: Missionerskie dialogi M. Ricci s kitajskim ucenym o christianstve i jazycestve i obzor kitajsko-cerkovnoj rimsko-katoliceskoj literatury. Die Übersetzung stammt vom Ieromonach Aleksij (Vinogradov).
Latest update: 2005-08-18 Impressum