Oriens Extremus
OE-Titel
OE-Logo
     
www.oriens-extremus.de > OE 34 > Rezensionen  

Robert van GULIK: Mord im Labyrinth. Kriminalfälle des Richters Di, alten chinesischen Originalquellen entnommen. Deutsch von Roland Schacht. Mit 20 Illustrationen des Autors in chinesischem Holzschnittstil.
Zürich: Diogenes 1985. 311 S. 8° (detebe 21381.)

Robert van GULIK: Wunder in Pu-yang? Kriminalfälle des Richters Di, alten chinesischen Originalquellen entnommen. Deutsch von Roland Schacht. Mit 15 Illustrationen des Autors in chinesischem Holzschnittstil.
Zürich: Diogenes 1985. 285 S. 8° (detebe 21382.)

Robert van GULIK: Tod im Roten Pavillon. Kriminalfälle des Richters Di, alten chinesischen Originalquellen entnommen. Deutsch von Gretel und Kurt Kuhn. Mit 6 Illustrationen des Autors in chinesischem Holzschnittstil.
Zürich: Diogenes 1986. 194 S. 8° (detebe 21383.)

Robert Hans van Gulik (1910-1967), zuletzt holländischer Botschafter in Japan, gehört nicht nur zu den bedeutenden Sinologen seiner Zeit, dem wir eine Fülle von wichtigen wissenschaftlichen Arbeiten verdanken, wie über die chinesische Zither (ch'in)[1], Chinese pictorial art as viewed by the connoisseur[2] und den Gibbonaffen in China (Leiden 1967); er hat auch das Feld der Sexualität und Erotik Chinas in der Sinologie durch seine bahnbrechenden Bücher Pi-hsi t'u-k'ao. Erotic colour prints of the Ming period (Tôkyô 1951)[3] und Sexual life in ancient China (Leiden 1961) gewissermaßen "hoffähig" gemacht. Dem Sammler van Gulik, dessen umfangreiche chinesische Bibliothek jetzt dem Sinologisch Instituut in Leiden gehört[4] verdanken wir eine Übersetzung des Shu-hua shuo-ling (Beyrouth 1958)[5], dem Kenner der chinesischen Buchillustration einen kleinen grundlegenden Beitrag über De boek illustratie in het Ming tijdperk (The Hague 1955) und dem Juristen die Übersetzung des T'ang-yin pi-shih, eines kriminalistischen Handbuchs der Sungzeit.[6] Die Vielseitigkeit van Guliks, die in einem Nachruf in T'oung Pao[7] und in einer selbständig erschienenen Bibliography of Dr. R.H. van Gulik (Boston University Libraries - Mugar Memorial Library o.J.) sowie neuerdings in einer Biographie von Janwillem van de Wetering (Amsterdam 1989)[8] gewürdigt wird, ist noch erstaunlicher, wenn man seine schriftstellerischen Arbeiten, besonders seine Richter Ti-Romane, in Betracht zieht. 1949 hatte van Gulik einen chinesischen Kriminalroman, Ti kung-an, Kriminalfälle des Richters Ti[9], übersetzt und veröffentlicht. Bei allem literarhistorischen und kulturgeschichtlichen Interesse, das diese Pionierarbeit verdient, schien es dem Übersetzer, daß dem heutigen westlichen Leser, besonders dem Liebhaber von Kriminalromanen, manches bei der Lektüre störend erscheinen würde - wie zum Beispiel die Funktion übersinnlicher Mächte als Deus ex machina. Die Gestalt des chinesischen Meisterdetektivs und Richters Ti Jen-chieh (übrigens einer historischen Person (630-700 n. Chr.)), der auch als Staatsmann bedeutend war, reizte van Gulik, auf Grund seiner eigenen historischen Expertise, seiner Kenntnis des T'ang-yin pi-shih, dem er Original-"Plots" entnahm, und seiner zeichnerischen Begabung, dank derer er Illustrationen im Stil der Ming-Holzschnitte beisteuern konnte, eigene Richter Ti-Romane zu verfassen. Um es gleich zu sagen, sie sind so gut gelungen, daß sie nicht nur von Sinologen, sondern von einem breiten Publikum verschlungen wurden. Ursprünglich in englischer Sprache verfaßt, hat der Autor selbst Übersetzungen ins Holländische vorgenommen; weitere Übersetzungen - ins Schwedische, Französische, Chinesische, Japanische und Deutsche - folgten rasch. Im angelsächsischen Bereich machten Fernsehfilme Richter Ti populär. Der große internationale Erfolg dieser chinesischen Kriminalromane drang aber nicht nach Deutschland, obwohl der Verlag Die Waage die hier genannten drei Titel bereits in den Jahren 1963-1965 in solider Ausstattung veröffentlicht hatte. Trotz des enormen Marktes für Kriminalliteratur schienen die Taschenbuchverlage nicht interessiert. 1976 brachte Rowohlt Mord im Labyrinth[10] heraus, setzte die Reihe aber nicht fort. Fehlte es dem deutschsprachigen Publikum einfach an Interesse? Wohl kaum - gab es doch eine gar nicht so kleine Gemeinde von Anhängern, die alle 17 Romane besaßen und in englischer Sprache gelesen hatten. Nun endlich hat der Diogenes Verlag die Lücke geschlossen und bringt Richter Tis Abenteuer in schöner Ausstattung als Taschenbücher heraus - hoffentlich im Laufe der Zeit alle 17!

Die Bände sind so spannend, so informativ, so gut illustriert, daß die Lektüre einem mühelos ein größeres Wissen und Verständnis des alten China vermittelt als die anstrengende Verarbeitung sinologischer Monographien. So sind diese Romane nicht nur ein höchst erfreuliches "Muß" für den Sinologiestudenten, sondern eine Quelle der Entspannung und des Vergnügens für alle Liebhaber der Kriminalliteratur[11] und der chinesischen Kultur. Kurz, Richter Ti kann gar nicht genug empfohlen werden ...

Eine kleine kritische Anmerkung gilt den deutschen Übersetzungen, die von verschiedenen Übersetzern stammen. Wer die Originale gelesen hat, stutzt gelegentlich, so wenn 'armchair' allzu wörtlich als 'Armstuhl'{[12] (gemeint ist Lehnstuhl) wiedergegeben wird, oder wenn der renitente Verbrecher den Richter anschreit: 'You dog-official!' und man liest im Deutschen: 'Sie Hundebeamter'! Gemeint ist keineswegs der Einnehmer der Hundesteuer, und so wäre die Stimmung mit "Du Hund von einem Beamten" oder "Beamtenschwein" etwas korrekter charakterisiert. Doch sind dies Kleinigkeiten, die eine redaktionelle Durchsicht sicherlich schnell beseitigen könnte.

Hartmut Walravens, Berlin


Fußnoten

[1] The lore of the Chinese lute. Tôkyô 1940; Hsi K'ang and his poetical essay on the lute. Tôkyô 1941.
[2] Rom 1958, erschienen in 950 Exemplaren.
[3] Als Privatdruck in 50 Exemplaren erschienen, die vom Autor an ausgewählte Bibliotheken verteilt wurden. Das dreiteilige Werk, das chinesische Texte, eine englische Übersetzung und den Farbdruck eines erotischen Albums von den Originalholzstöcken enthält, ist inzwischen in Taiwan sous le manteau (bereits in 2. Auflage!) nachgedruckt. Dieses epochale Werk ist u.a. analysiert von H. Franke in ZDMG 105.1952, 380-387, und Rolf Stein in Journal asiatique 240.1952, 532-536.
[4] Eine Reihe von Titeln daraus sind von IDC auf Mikrofiche veröffentlicht worden.
[5] Eine deutschsprachige Ausgabe verdanken wir Hans-Jürgen Cwik.
[6] Parallel cases from under the pear tree. Leiden 1956.
[7] 54.1968, 120-124 (A. Hulsewé).
[8] Robert van Gulik, zijn leven, zijn werk.
[9] Dee gong an. Tôkyô 1949. Deutsche Übersetzung: Merkwürdige Kriminalfälle des Richters Ti. Zürich 1960. 1964 als Taschenbuch bei Knaur (Nr 46) erschienen.
[10] Originaltitel: The Chinese maze murders bzw. Labyrinth in Lan-Fang 1956. Die Originaltitel der beiden anderen hier vorgestellten Romane sind The Chinese bell murders (Klokken van Kao-yang) 1958; The Red Pavilion (Het Rode Paviljoen.) 1961.
[11] In der chinesischen Literatur ist bislang den Kriminalfällen des Richters Pao Cheng (999-1062) am meisten Aufmerksamkeit geschenkt worden. Das Lung-t'u kung-an vom Ende der Mingzeit hat bereits im 19. Jahrhundert das Interesse europäischer Sinologen geweckt. Wichtige neuere Arbeiten sind: W. Bauer: The tradition of the Criminal Cases of Master Pao, Pao-kung-an (Lung-t'u k'ung-an). Oriens. 23/24.1970/71, 433-449; Y.W. Ma: Themes and characterization in the Lung-t'u kung-an. T'oung Pao 59.1973, 179-202; Y.W. Ma: The textual tradition of Ming kung-an fiction: A study of the Lung-t'u kung-an. HJAS 35.1975, 190-220; Zwei Erzählungen über Fälle des Richters Pao sind übersetzt in Y.W. Ma, J. M. Lau: Traditional Chinese stories. New York 1978, 456ff., 469ff. Peter Hüngsberg hat unter dem Titel Richter und Retter. Roman aus der Sungzeit (mir liegt die Ausg. Luzern 1967 vor) einen Fall des Richters Pao übersetzt. Von den Fällen des Richters P'eng, P'eng kung-an liegt mir eine vierbändige illustrierte Ausgabe des Verlags Kuang-i shu-chü, Shanghai vor (3.Aufl. 1948).
[12] Übrigens hat die Fachzeitschrift Armchair Detective vor einigen Jahren Richter Ti auch einen Beitrag gewidmet - dies nur nebenbei!



Latest update: 2005-08-18  Impressum

OE-Logo