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| www.oriens-extremus.de > OE 35 > Rezensionen |
Das neue Jahrbuch, herausgegeben vom Staatlichen Museum für Völkerkunde München und vom Institut für Völkerkunde und Afrikanistik der Ludwig-Maximilians-Universität München besticht durch soliden Druck, festen Leineneinband und gute Illustrationen. Der erste Band ist eine Festschrift für den ungarischen, in München wirkenden Völkerkundler László Vajda, dessen Porträt als Frontispiz beigegeben ist; das Schriftenverzeichnis findet sich auf S. 319-324 (bearbeitet von H.-J. Paproth). Der zweite Band ist zwar nicht als Festschrift bezeichnet, aber mit Porträt und Würdigung (von W. Bauer) sowie einem ergänzenden Schriftenverzeichnis des früher in München tätigen Sinologen und vielseitigen Orientalisten Herbert Franke versehen. Seine Publikationen bis 1978 sind in der Festschrift Studia Sino-Mongolica verzeichnet. Desgleichen ist Otto Zerries zum 75. Geburtstag gewürdigt. Der Inhalt des neuen Jahrbuchs ist außerordentlich vielfältig - er umfaßt die ganze Welt. Hier sollen indes nur einige Beiträge besprochen werden, die für den Ost- und Zentralasienwissenschaftler besonders interessant sind: Band 1 enthält einen Artikel von Herbert Franke: Ein Druckstock der mongolischen Version des "Weißen Nâga-Hunderttausend" von 1766 im Staatlichen Museum für Völkerkunde München (79-92). Franke lokalisiert ein Exemplar des seltenen Werkes in der British Library und kann nachweisen, daß es von dem vorliegenden Druckstock abgezogen wurde. Bevor er die beiden entsprechenden Textseiten aus dem Mongolischen transkribiert und übersetzt, bespricht er die verschiedenen teils stark vom Buddhismus beeinflußten Redaktionen des Werkes, durch die die tibetische vorbuddhistische Bon-Religion zuerst in Europa bekannt wurde (Übersetzung einer Version von Anton Schiefner). Hans-Joachim Paproth beschreibt eine Lappische Schamanentrommel (269-318). Wenn dabei naturgemäß der Schwerpunkt auf Lappland liegt, werden doch tungusische Parallelen besprochen, wie es bei des Autors Interessengebiet - man denke nur an seine monumentale Arbeit über das Bärenzeremoniell - nicht verwundern wird.
Band 2 bringt einen Beitrag von Jürgen W. Frembgen: Hunza und Shangri-la. Ein Bergvolk in der Tourismuswerbung (51-68). Der Autor hat die Werbung für Reisen nach Hunza (im Norden Pakistans) von 13 deutschen Reiseunternehmen wie auch Reiseführer und ähnliches Material untersucht und kommt zu dem Schluß, daß die romantische Glorifizierung einer Region zu einem Paradies auf Erden, wo die Menschen lachen und fröhlich sind, die Reisenden mit dem Naturerlebnis und der (vermeintlichen) Bestätigung der Stereotypen zufrieden sein lassen. Ein näherer Kontakt zu den Menschen und ihrer Kultur wird durch die Voreinstellungen durch die Tourismus-Propaganda erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht. Eine moderne Mythenbildung setzt ein: Hunza wird zu einem himmlischen Shangri-la stilisiert (in Anlehnung an James Hiltons bekannten Roman Lost Horizons).
Veronika Ronge: Die Leichenzerstückler von Sera (105-116). Die Autorin hatte 1986 Gelegenheit, die stobs-ldan ("Menschen mit großer Kraft") bei der Arbeit zu beobachten. Auf der steinigen Hochebene ist ein Begräbnis kaum möglich, und so erfüllt dieses traditionelle Ritual eine wichtige hygienische Funktion. Der Artikel beschreibt die Arbeit im Detail samt der Verfütterung der Leichenreste an die Geier.
Bruno J. Richtsfeld: Die Mandschu-Erzählung "Nisan saman-i bithe" bei den Hezhe (117-156). Die Hezhe, in Rußland besser als Golden oder Nanai bekannt, sind den Mandjuren nahe verwandt und kennen auch das Epos von der Nisan Schamanin, das durch mehrere von A.V. Grebenscikov vermittelte Versionen und die Ausgabe von M.P. Volkova bekannt und diskutiert ist. Eine Hezhe-Version wurde von Ling Shunsheng in chinesischer Übersetzung in seinem Buch Songhuajiang xiahoude Hezhe zu (Nanking 1935) wiedergegeben und wird hier in deutscher Fassung präsentiert. Es ergeben sich mehrere Unterschiede im Vergleich zu den bekannten mandjurischen Versionen. Zum einen handelt es sich hier um zwei Söhne - Zwillinge - des reichen Mannes, die sterben, aber die Schamanin kann nur eine Seele aus der Unterwelt wieder zum Leben bringen; der Erstgeborene muß im Totenland bleiben. Neben weiteren Verschiedenheiten fehlt der Besuch der Schamanin in der Hölle, woraus der Autor schließt, daß die vorliegende Hezhe-Version eine ältere, weitgehend von buddhistischem Einfluß freie ist.
Achim Hildebrand: Der fangxiangshi und das danuo-Ritual in der Han-Zeit (157-176). Der Autor behandelt das Danuo-Ritual, das am Vorabend des La-(Neujahrs-)Festes in der Hauptstadt gefeiert wurde; dabei wurde eine Prozession von einem Beamten, dem fangxiangshi in Tierverkleidung und, gefolgt von 12 weiteren "Tieren" (wohl Beamten in Tierverkleidung), angeführt. Dabei wurden zwei Türgottdarstellungen aus Pfirsichholz aufgestellt und Türen mit Tigern bemalt. Der fangxiangshi führte die kaiserlichen Trauerzüge und hatte die Grabkammer vor gefährlichen Einflüssen zu schützen. Der Autor untersucht bildliche Darstellungen auf Reliefs und in Grabmalereien und findet mythologische Bezüge zur Auseinandersetzung zwischen dem Kriegsgott Chiyou und weisen Herrscher Huangdi, wobei dämonenhafte Tiergestalten eine Rolle spielen.
Wichtig ist auch die Würdigung des Kunsthistorikers Max Loehr (1903-1988) [283-290] von Helmut Brinker. Loehr verbrachte die Jahre 1940-1949 in China, zeitweise als Direktor des Deutschland-Instituts. Seine Spezialität waren chinesische Bronzen, und da ist besonders seine Beschreibung der Sammlung Werner Jannings zu erwähnen: Chinese Bronze Age weapons. 1956. Nach kurzer Tätigkeit in München wechselte er nach Ann Arbor (Michigan), von wo er 1960 an die Harvard Universität ging, wo er dann 1974 emeritiert wurde. Er widmete sich auch der chinesischen Malerei und der Jade (Ancient Chinese jades. Cambridge 1975, mit L.G.F. Huber). Beachtlich ist auch seine Studie über die bildlichen Darstellungen einer Tripitaka-Ausgabe des 10. Jahrhunderts (Chinese landscape woodcuts. Cambridge 1968.) Loehr besaß enormes, auch bibliographisches Wissen. Seine beachtliche Bibliothek wurde von der Firma Hanshan-tang in London verkauft.
Hartmut Walravens, Berlin
Latest update: 2005-08-18 Impressum