Oriens Extremus
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Peterburgskoe vostokovedenie. Sheng-Podebao dongfangxue tongbao. St. Petersbourg Journal of Oriental Studies. Vol.1. Sankt-Petersburg: Vodolej 1992. 394 S.

Rußland hat nicht nur eine beachtliche orientalistische Tradition, die im Falle Chinas auf Larion Rossochin zurückgeht, sondern auch ein enormes Potential an tüchtigen Fachleuten. Dies liegt zweifellos daran, daß Rußland (und auch die Sowjetunion) ein Vielvölkerstaat war und ist; insofern ist Orientalistik eben nicht eine vom gewöhnlichen Leben weit entfernte Disziplin. Gab es in der Vergangenheit das Problem, daß nur offiziell sanktionierte Arbeiten publiziert werden konnten, so ist es heute der prohibitive Kostenfaktor für wissenschaftliche Spezialpublikationen, ein Schrumpfen des traditionellen Kundenkreises und der Zusammenbruch der bisherigen Distributionsstrukturen des Buchhandels. Damit werden orientalistische Veröffentlichungen sowohl für Verleger (geringe Absatzchancen, hohe Kosten) wie auch für Kunden (hohe Preise) immer weniger interessant. Dabei liegt eine Fülle von wichtigen Arbeiten vor, die großenteils aber in Westeuropa nicht publiziert werden können, da auch hier der Markt fehlt: Leider gilt das alte "Rossica non leguntur" weitgehend immer noch.

Das St. Petersburger Zentrum für Orientalistik hat nun eine erste Ausgabe einer neuen Zeitschrift vorgelegt und hofft, diese als Forum für weitere Publikationen halten zu können. Dafür ist aber eine bestimmte Zahl von Abonnements aus Hartwährungsländern erforderlich, da sonst die Druckkosten nicht getragen werden können.

Die Zeitschrift, deren erster Band sich fast ausschließlich Ostasien widmet, besteht aus drei Abteilungen: 1. Aufsätze und Übersetzungen, 2. Quellenkunde und Historiographie, 3. Archiv. Damit ein umfassender Eindruck entsteht, wird hier der Inhalt des vorliegenden Bandes mitgeteilt:

I.V. Mel'nikova berichtet über "Stilisierung und 'hohen Stil' " (das Nishiyama monogatari, (eine japanische Erzählung des 18. Jh.) und übersetzt dann auch diese (Erzählung von den Westbergen von Takebe Ayatari). I.A. Alimov übersetzt und kommentiert die Shihua des Anachoreten Liuyi von Ouyang Xiu. Es handelt sich um eines der ersten Gespräche über Dichtung. M. Rodionov berichtet als Ergebnis einer Expedition über die Ibex-Jagd in Hadramaut heute (in englischer Sprache). M.E. Kravcova behandelt das Genre liezhuan, die Biographie, unter dem Aspekt: handelt es sich um künstlerische Geschichte oder historische Prosa? Dabei stützt sie sich auf die entsprechenden Teile der Dynastiegeschichten. Vier Biographien aus den Annalen der Liang, Jin und Nan-Qi sind übersetzt und analysiert: Zhang Hua, Shen Yue, Wang Rong und Xie Tiao. V.M. Rybakov beschäftigt sich mit der Tang-Gesetzgebung über Vermögensdelikte. E. A. Torcinov übersetzt Aus der klassischen chinesischen Poesie: Gedichte von Jia Yi, Zhang Heng, Sun Cho, Tao Qian. In der Sektion Quellenkunde und Historiographie gibt L.V. Storcevoj eine Einführung in das Studium des Yanzi chunqiu. Als Anhang ist eine Inhaltsangabe des Werkes beigefügt. K. Alekseev und K. Jachontov geben in englischer Sprache eine Beschreibung der chinesischen, mandjurischen, mongolischen und tibetischen Bücher in Vilnius (Litauen), eine Sammlung, die auf Józef Kowalewski, den vielseitigen polnischen Orientalisten (1801-1878) zurückgehen dürfte, der einen so entscheidenden Einfluß auf die Entwicklung der Orientalistik in Rußland gehabt hat. Während Wladyslaw Kotwicz in seiner exzellenten Biographie seines Landsmanns dessen eigene Schriften und die Manuskripte verzeichnet, sind die Bücher in orientalischen Sprachen bislang nicht vollständig erfaßt worden. Der Katalog ist nach Sprachen geordnet und durch Register erschlossen. Ein Hinweis auf die ungehobenen Schätze russischer Bibliotheken und Archive ist N.I. Konrads Bericht über Aleksandr Nikolaevic Vinogradov (1845-1919), besser bekannt unter seinem Klosternamen Aleksij, der sich mit der Geschichte der Bibel und der Russischen Geistlichen Mission in Peking, besonders ihrer Bibliothek, befaßt hat. Letztere Studie ist von besonderer Bedeutung, da sich die genannte Bibliothek nicht erhalten hat. Der Sinologe aus der Einsiedelei Optina hinterließ Manuskripte, Bücher und Bilder im Umfang von 27 Kisten, die sich unbearbeitet in der Russischen Staatsbibliothek (früher: Leninbibliothek) befinden. Einen Anhang - mit zahlreichen Referaten zu einer Vielzahl von Themen bildet ein Newsletter des Leningrader (Petersburger) Laboratoriums für Theorie und Geschichte der Kultur.

Die Ankündigung von Band 2 der Petersburger Orientalistik weist Beiträge über Hadramaut, China und Japan aus. Besonders bedeutsam sind zwei Bereiche: Beiträge zum Gedenken an die große Kennerin der chinesischen Literatur, Ol'ga Fisman, sowie zwei Artikel über Taoismus in China.

Die Zeitschrift umfaßt ein breites Spektrum von Artikeln, Übersetzungen und dokumentarischem Material. In den Anmerkungen sind vielfach Zeichen gegeben. Das Niveau ist beachtlich. Einige Artikel werden in englischer Sprache (manchmal etwas holperig) gebracht. Selbst wenn die Zahl der westlichen Orientalisten gering ist, die Russisch lesen können, so sollte man doch nicht zögern, den russischen Kollegen dieses wertvolle und wichtige Publikationsforum mit Hilfe einiger Abonnements zu erhalten.

Hartmut Walravens, Berlin



Latest update: 2005-08-18  Impressum

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