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Basilia FANG: Aodili guojia tushuguan zhongwen tushu mulu. Sinica-Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Wien: 1992. iv,509, iii S. 4°

Die Österreichische Nationalbibliothek, früher K.K. Hofbibliothek, besitzt eine ansehnliche traditionelle Sammlung chinesischer Bücher, die in der Frühzeit der europäischen Beschäftigung mit China eine gewisse Rolle gespielt hat. Es sei hier nur an Christian Mentzel, Leibarzt und Bibliothekar des Großen Kurfürsten erinnert, der eine Ausgabe der konfuzianischen Vier Bücher aus Matteo Riccis Besitz (Sin. 175) samt einer eigenhändigen Abschrift (Sin. 290) Kaiser Leopold I. 1688 zum Geschenk machte, mit der Absicht, den Kaiser für seine gesamte chinesische Bibliothek und seine eigenen Chinakenntnisse zu interessieren.[1] Mentzel hatte vorher bereits einmal ein chinesisches Buch aus Wien ausleihen können. Jedoch kamen weitere Kontakte nicht zustande, und Mentzels chinesische Bücher fanden nicht den Weg in die heutige Österreichische Nationalbibliothek. Eine erste Notiz über die Bestände an Sinica finden wir bei Daniel von Nessel: Breviarum & Supplementum commentariorum Lambecianorum, sive catalogus, aut recensio specialis codicum mstorum. Bd 2. Wien, Nürnberg 1690, wo immerhin 13 Stücke (Bücher und Bilder) erwähnt sind. Eine brauchbare Beschreibung (mit Zeichen und Literaturangaben) hat der geniale Botaniker Stephan Ladislaus Endlicher bereits 1837 geliefert: Verzeichnis der chinesischen und japanischen Münzen des K.K. Münz- und Antiken Cabinetes in Wien nebst einer Übersicht der chinesischen, mandschouischen, japanischen und koreanischen Bücher der K.K. Hof-Bibliothek in Wien. Dazu verfaßte der Karlsbader Orientalist und Mitglied der K. Akademie der Wissenschaften in Wien, August Pfizmaier, ein Supplement.[2] Der österreichische Konsul in China Joseph Haas schickte in der Folge chinesische Bücher, und so sah sich auch der Wiener Astronom und Sinologe Franz Kühnert genötigt, ein weiteres Supplement zum Katalog anzufertigen, das gleichfalls nicht gedruckt wurde. Eine sehr große Bereicherung erfuhr die Sammlung durch die Bibliothek des ehemaligen österr.-ungarischen Gesandten in Peking, Arthur von Rosthorn. An einem Zettelkatalog arbeiteten dann Benno Greiser wie auch Rosthorns Schülerin Anna von Rottauscher, die ansonsten als Übersetzerin und Astrologiefachfrau hervorgetreten ist. In neuerer Zeit, und wohl parallel zur erneuten akademischen Vertretung der Sinologie in Wien, hat die Bibliothek dann eine Reihe von modernen Büchern, sowohl aus der Volksrepublik China wie Taiwan angeschafft. Von besonderem Interesse sind aber freilich die alte Sammlung und der Schwerpunkt chinesische Linguistik und Lexikographie, der wohl zum nicht geringen Teil auf Rosthorn zurückgeht, obwohl schon Pfizmaier, Haas und Kühnert ähnliche Neigungen hatten.

Wenngleich die genannten Kataloge das wichtigste Material erschließen, ist doch die Publikation eines handlichen neuen Katalogs (2020 Nummern "Sin.", dazu eine Reihe von Titeln unter anderen Signaturen) mit Registern und Zeichen sehr angenehm. Die einzelnen Aufnahmen enthalten die üblichen bibliographischen Daten, dazu die Verweisungsform des Titels in Hanyu Pinyin. Wer den bisherigen Zettelkatalog benutzt hat, kennt seine Mängel; allerdings ist auch das vorliegende Verzeichnis nicht sehr verläßlich, und gelegentlich bleibt nur der Blick in den Endlicher-Katalog, auf den Frau Fang jeweils dankenswerterweise verweist.

Schauen wir uns einige Aufnahmen (in der Reihenfolge der Signaturen) an:

1. Verbiests Ephemerides Tartaricae für das Jahr 1679. Zunächst wundern Tippfehler wie appallati für appellati, Cam-Hsi statt Cam-Hy; dann die Verlagsangabe "Soc. Jesu, Astronomiae in Regia Pekinensis Praefecto", bis ein Vergleich mit dem Originaltitel lehrt, daß hier die Verfasserangabe mißverstanden ist: "auctore P. Ferdinando Verbiest, Societatis Jesu ... Praefecto". Da es sich um die Ephemeriden für 1679 handelt, wundert die Angabe des Erscheinungsjahrs 1686. Es müßte ja wohl 1678 heißen. Ob hier Pfisters[3] (S. 356-357) Angabe Pate gestanden hat, der Ausgaben für 1684 und 1686 kennt? Dann wird noch vermerkt, der chinesische Text finde sich unter Sin. 17. Hier wird der Text, mit gleichermaßen verballhornter Verlagsangabe, 1680 datiert. Auch in der Folge sind lateinische Titel besonders fehleranfällig, da offenbar unverstanden geblieben; bei Endlicher dagegen sind sie durchweg korrekt.
2. Bei den auf den Arzt Hua Shou zurückgehenden Akupunkturtafeln wird schlicht auf "Cleyer medic. sinic. t.1-4. 1682" hingewiesen. Wer bei Endlicher nachschaut, ersieht, daß die kryptische Angabe hier (bis auf die Jahresangabe) abgeschrieben ist. Wäre es nicht besser, die früher ja so übliche Zitierweise modernen Gepflogenheiten anzupassen und zu sagen, daß hier Andreas Cleyer: Specimen medicinae sinicae. Frankfurt/M.: Zubrodt 1682, Tafel 1-4, gemeint ist?
3. Compendium Astronomiae Organicae. Compendium latinum proponens XII posteriores figuras libri obervationum ... von Verbiest. Hier sollte man vielleicht deutlich machen, daß es sich um zwei Titel handelt, von denen nach der Umfangsangabe (10 Blatt) zu urteilen, wohl nur der 2. Titel vorhanden ist. Die Autorin sagt lediglich: "unvollständige Dublette".
4. Verbiest: Liber organicus. Hier wäre der chinesische Titel Yixiang tu zu ergänzen.
5. Hier taucht als Verlag gar "Flandro-Belga Brugensi e Soc. Jesu Academiae ... Praefecto" auf!
7. Ein mandjurischer Kalender für 1682. Als Erscheinungsjahr wird 1683 gegeben, während doch 1681 zu erwarten wäre.
12. Ein mandjurisches "handschriftliches Manuskript": "Darstellung der Beziehungen und rassischen Verwandtschaftsverhältnisse der verschiedenen mandschurischen Stämme". Wenn es sich hier um keine neue Trouvaille handelt, gilt wohl eher die Beschreibung aus dem Jahre 1977, wonach es sich um einen Brief des einfachen roten Banners bezüglich der Ausweisung katholischer Missionare handelt. Als Jahr ist 1736 zu ergänzen. Vgl. H. Walravens: Übersicht über die Mandjurica der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Zentralasiatische Studien.11.1977,555-.
18. Die Dynastiegeschichten werden als "Geschichteschreibungen" bezeichnet; das ist nun freilich ganz in Pfizmaiers Tradition.
43. Die biblische Geschichte, datiert um 1700. Das ist allerdings ein Lapsus, denn das Opus stammt von Karl Friedrich August Gützlaff (gest. 1851) und erschien ca. 1845-1847. Das gleich gilt für
44. Geschichte der christlichen Kirche in China, gleichfalls um 1700 datiert. Es ist auch ein Werk Gützlaffs, zur gleichen Zeit erschienen.
46-47. nennen die Vorhersagen der Sonnenfinsternis von 1669 und der Mondfinsternis 1671 von Verbiest "Astronomische Beobachtungen". Vorhersagen sind nun allerdings kaum als Beobachtungen zu werten. Die mandjurischen Titel usw. s. H. Walravens: Vorhersagen von Sonnen- und Mondfinsternissen in chinesischer und mandjurischer Sprache. Monumenta Serica.35.1981/83,431-484.
48. Der bei Endlicher gegebene Titel der Arte de la lengua mandarina von Varo wird abgekürzt, so daß man nicht erfährt, daß Pedro de Piñuela das Werk herausgegeben hat.
49. Die berühmte Innocentia Victrix wird als "Rehabilitation der Missionsreligionen" bezeichnet.
54. Zhongyong. Hier ist eher Endlicher zu trauen, von dem wir erfahren, daß es sich um Intorcettas Sinarum scientia politico-moralis handelt. Fang gibt als Erscheinungsdaten: "Nanking: Siculo Societatis Jesu 1669". Nun ist nicht Nanking nach Sizilien versetzt, sondern hier ist P. Intorcettas Herkunft "der Sizilianer" mißverstanden. Endlicher vermerkt Goa und Nanking als Erscheinungs- bzw. Druckorte, was nach seiner ausführlichen Beschreibung auch einleuchtet.
55. Tianzhu jiangsheng chuxiang jing jie, das illustrierte Leben Jesu von Giulio Aleni, ist eine Bearbeitung von Jeronimo Nadals Adnotationes et meditationes in Evangelia quae in sacrosancto missae sacrificio toto anno leguntur. Antwerpen 1594. Alenis Werk ist 1637 erschienen, hier finden wir als Jahr 1680. Handelt es sich um einen unbekannten Nachdruck? Wohl kaum, denn Endlicher gibt 1640, was ein entschuldbarer Irrtum für 1637 wäre.
56-59. Die Diplome und Ehrungen für Johann Adam Schall von Bell zeigen wiederum fehlerhaftes Latein und ungewöhnliche Datumsangaben wie "Shun Chih 1653".
61. "Spiegel der mandschurischen Sprache". Hier ist der mandjurische Titel, unter dem das Werk besser bekannt ist, zu ergänzen: Han-i araha nonggime toktobuha Manju gisun-i buleku bithe. Das Erscheinungsjahr ist in 1772 zu berichtigen.
71. Yuzhi shuli jingyun. Die Logarithmentafeln werden "Thomas Pereyra u.a. Missionare(n)" zugeschrieben. Da Tomé Pereira Musiker war, ist das zumindest unwahrscheinlich; Pfister (S. 648) verzeichnet das Werk denn auch bei P. Ignaz Kögler. Demgegenüber werden für das musikalische Werk
72. Lülü zhengyi xubian die Patres Pereira und Pedrini von Pfister als Verfasser angegeben. Bei Fang fehlt ein Hinweis auf diese Autoren, so daß möglicherweise eine Verwechslung mit Sin. 71 vorliegt.
73. Das Yuzhi lixiang kaocheng wird von Pfister unter Ignaz Kögler aufgeführt (Herausgeber), obwohl natürlich eine Anzahl anderer Missionare mitgearbeitet haben.
75. Tituli honorifici ... contulit Patri Gabrieli Magelhans [Magalhães] ist sinnentstellend abgekürzt. In der Lücke sollte zumindest noch "quos Imperator Sinarum" eingeschoben werden, da sonst das Ganze keinen Sinn ergibt.
77. Beim Wanbing huichun ist der Verfasser zu ergänzen: der Arzt Gong Tingxian.
78. Die von Endlicher gegebene Datierung: "Ms. 1608" wird hier ausgelassen. Vielleicht mit gutem Grund??
80. Verbiest: "Richtigstellungen der astronomischen Verfälschungen durch Yang Kuang Hsien". Wer würde da sofort auf den Titel Astronomia europaea kommen? Zum Glück beschreibt Endlicher den Band auch (Nr 85).
96-100. folgen Teile des Alten Testaments und das Neue Testament in den Druckausgaben aus Serampore. Hier wäre es hilfreich zu erfahren, daß es sich um die Übersetzungen von Johannes Lassar und Joshua Marshman handelt.
96. erläutert Pentateuch, The mit "5 teilig, wichtigster Teil d. Alten Testamentes".
97. Hagiographa, The wird gar mit "Lebensbeschreibung der Heiligen" wiedergegeben. Jedes Konversationslexikon sagt dem Leser aber, daß damit die Ketubim der hebräischen Bibel, also Psalmen bis Chronica, gemeint sind.
99. Historical Books, The werden erläutert als "Alte israel. Bücher ins Chines. übertr."
103. "Mathaeus Evangelium [Mandsch.]" ist Enduringge ewangelium Mattai-i ulaha songkoi. Der Name des Übersetzers "Lipotzow" ist in Stepan Lipovcov zu berichtigen.
110. "Unterricht in der christlichen Lehre" ist das Abkai ejen-i enduringge tacihiyan-i oyonggo gisun von Joao Soeiro.

Aber es soll nicht an jeder Aufnahme gemäkelt werden; ein genauer Vergleich der Originale mit den Aufnahmen könnte zweifellos wesentliche Verbesserungen bringen.

Generell fällt auf, daß die transkribierten Zeichen unverbunden nebeneinander gestellt werden, wie es früher in der angelsächsischen Sinologie üblich war - es werden keine Wörter gebildet, und damit das schnelle Verständnis beim Überfliegen erschwert. Auch die Vornamen könnten, dem allgemeinen Usus folgend, unschwer zusammen geschrieben werden, also Hsü Kuang-ch'i [Xu Guangqi] statt Hsü Kuang Ch'i.

Versucht man ein Fazit zu ziehen, dann kann man eigentlich nur vermuten, daß ein unredigierter und unkorrigierter Entwurf der zweifellos fleißigen und engagierten Verfasserin hier versehentlich in die Druckerei geraten ist und hier auch noch mit einem Vorwort der Generaldirektion versehen wurde, die das Druckmanuskript wohl keines Blickes gewürdigt hat. Sonst wären ihr sicherlich die lateinischen Irrtümer schon auf der ersten Seite aufgefallen, für deren Wahrnehmung keine Kenntnis des Chinesischen erforderlich ist.

Dies sollte nicht als harscher Verriß genommen werden - Bibliothekare, und um solche handelt es sich hier ja, betonen immer wieder die Notwendigkeit der absoluten Genauigkeit von bibliographischen Angaben. Mit Recht. Denn Irrtümer und Ungenauigkeiten wirken ja bei den Lesern weiter, machen bibliographische Recherchen in anderen Bibliotheken mühsam und aufwendig. Dies gilt um so mehr, wenn es um "exotisches" Material geht. - So kommt der Botaniker Endlicher zu unerwartetem Nachruhm, denn dem Benutzer des Sinica-Altbestandes ist nach wie vor sein Katalog dringend zu empfehlen.

Hartmut Walravens, Berlin


Fußnoten

[1] Eva Kraft: Christian Mentzels chinesische Geschenke für Kaiser Leopold I. Schloß Charlottenburg, Berlin, Preußen. Festschrift für Margarete Kühn. Berlin 1975,191-202.
[2] Abgedruckt in H. Walravens: August Pfizmaier - Sinologe, Japanologe und Sprachwissenschaftler. Hamburg 1984. (Han-pao tung-Ya shu-chi mu-lu.2.).101-105.
[3] Aloys Pfister: Notices biographiques et bibliographiques sur les jésuites de l'ancienne mission de Chine. Shanghai 1932-1934.



Latest update: 2005-08-18  Impressum

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