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| www.oriens-extremus.de > OE 35 > Rezensionen |
Hier wird ein klassisches Reisebuch, das für die Kenntnis Südafrikas wie Japans von großer Bedeutung ist, in handlicher Form und gutem Druck unverändert reproduziert. Eine solide Einführung über Verfasser und Werk erleichtert dem heutigen Leser Rezeption und Evaluation des wichtigen Textes. Wenn etwas zu wünschen übrig bliebe, dann allenfalls Anmerkungen (oder ein Glossar) zu japanischen Wörtern und Besonderheiten; hier ist in Ansätzen Yamada Tamakis auszugsweise japanische Übersetzung vorliegenden Werkes (Tsunberugu Nihon kikô. Tôkyô 1928) hilfreich. Mancher mag auch einem Antiqua-Neusatz älterer Texte den Vorzug einräumen. Allerdings entfällt dann auch jegliche Kontrolle über die Texttreue bzw. Bearbeitung - und leider sind in Deutschland gut editierte Reiseberichte nach dem Vorbild der Publikationen der Hakluyt Society eher die Ausnahme.
Thunberg (1743-1828), Schüler Carl von Linnés, Arzt und Botaniker, übernahm 1783 den Lehrstuhl der beiden Linnés und wurde Präsident der schwedischen Akademie der Wissenschaften. Zuvor hatte er die Jahre 1772-1775 auf Reisen und Studien in Südafrika verbracht. Von dort ging es weiter nach Japan, wo er vom 13.8.1775 bis zum 3.12.1776 als Arzt bei der holländischen Handelsniederlassung auf Deshima vor Nagasaki zubrachte. Vom 4.3.-30.6.1776 durfte er den Gesandten Willem Arend Feith auf der Hofreise nach Edo begleiten. 1778 war er wieder in Europa, sah in London den Nachlaß seines großen Vorgängers, des bedeutenden Japanreisenden Engelbert Kaempfer (1651-1716) durch und kehrte dann nach Schweden zurück. Er gilt als der Vater der Botanik Südafrikas (vgl. seine mit J.A. Schultes bearbeitete Flora Capensis. 1823) und Japans. Thunbergs Flora japonica (Leipzig: Müller 1784; Neudruck: New York: Oriole 1975) ist zwar nicht die erste westliche Darstellung der Flora Japans - Kaempfer hatte bereits im Buch 5 seiner Amoenitates exoticae (Lemgo 1712) eine Vielzahl von Pflanzen beschrieben und sogar die japanischen Namen (samt Zeichen) mitgeteilt. Die Bedeutung von Thunbergs Werk liegt dagegen in einer einheitlichen, genaueren Beschreibung und der Anwendung des Linnéschen Klassifikationssystems (hier freilich in einer Adaptation, die die 24 Klassen auf 20 reduziert). Durch Itô Keisukes, auf Siebolds Anregung erfolgte japanische Bearbeitung des Werks wurde Japan früh mit dem Linnéschen System bekanntgemacht.[1] Ein Anhang "Kaempferus illustratus" erschließt überdies die Beschreibungen der Amoenitates, wie auch im Text selbst auf Kaempfer hingewiesen wird. Indizes erschließen die botanischen wie die japanischen Namen. Japanische Schriftzeichen fehlen allerdings. Da der Band nur wenige Tafeln enthielt, publizierte Thunberg in der Folge weitere Icones plantarum japonicarum (Uppsala 1794-1805). 1822-1823 folgte der Flora dann eine Fauna japonica.
1788-1793 erschien Thunbergs Reisewerk unter dem Titel Resa uti Europa, Africa, Asia, förrättad åren 1770-1779 in Uppsala in vier Bänden. Es wurde sogleich in mehrere Sprachen übersetzt, wovon ein deutscher Auszug von Sprengel (Berlin: Voß 1792; mit Anmerkungen von J.R. Forster) und die vorliegende Übersetzung von C.H. Groskurd (Haude & Spener 1792) besonders zu nennen sind. Letztere diente als Vorlage für eine von Langlès und Lamarck bearbeitete französische Ausgabe, die wiederum von Yamada für seinen japanischen Auszug (1928) genutzt wurde. Nachdem 1777-1779 endlich Kaempfers Reisewerk über Japan posthum erschienen und damit der Boden gewissermaßen vorbereitet war, wurde Thunbergs Buch ein großer Erfolg. Dazu trug sicherlich auch der flüssige Stil des Autors bei, der keineswegs nur trockene medizinische und botanische Beobachtungen wiedergab, sondern alle Gebiete des japanischen Lebens und der Kultur behandelte. Sogar ein längeres japanisches Vokabular teilte er mit, denn: "Anfangs bildete ich mir ein, die hiesigen Holländer würden mir hiebey [beim Erlernen der Anfangsgründe des Japanischen] sehr zu Statten kommen können, zumahl da verschiedne von ihnen doch so viel sprechen konnten, daß sie im Stande waren, sich von Dingen, die am meisten vorkommen, verständlich auszudrücken. Aber leider war keinem von ihnen je eingefallen, ein Wort aufzuschreiben, noch weniger, sich eine Art Wörter-Verzeichniß zu machen, oder über das Eigenthümliche der Sprache nachzudenken. Mir deucht, in einer Zeit von zwey hundert Jahren hätte wohl, wäre es auch nicht zum Gebrauch der Sprachforscher, sondern bloß zum Nutzen derer, die sich hier einige Jahre aufhalten müssen, ein Japanisches Wörterbuch geliefert werden können, wären nicht Mangel an Geschicklichkeit bey einigen, und Unthätigkeit bey andern, das Hinderniß gewesen. Einige halten sich hier nur eine kurze Zeit auf; andre denken nichts als Geld und Gewinn; den meisten schmeckt die Tobakspfeife so schön, daß sie die edle Zeit, über deren Langweiligkeit sie doch so oft klagen, mit keiner bessern Beschäfftigung, als dem Rauchen, auszufüllen wissen." (II,215) Wenn man die Kürze des Aufenthalts Thunbergs in Japan bedenkt und die Abgeschlossenheit auf Deshima, so ist die Materialfülle erstaunlich. Zwar hatte er Kontakt zu zwei japanischen Gelehrten, die an der Übersetzung der Tabulae anatomicae von Johann Adam Kulmus (Kaitai shinsho) mitgearbeitet hatten, nämlich Katsuragawa Hoshû (1751-1809) und Nakagawa Jun'an (1739-1786), aber doch nur für wenige Wochen. Es gab übrigens auch schriftliche Verbindung mit ihnen, wie erhaltene Korrespondenz belegt[2]
Die Vorrede des Verfassers zum zweiten Band erweckt den Eindruck, als sähe er alles Japanische in idealer Verklärung. Er zählt die Vorzüge auf und schließt: "Eine unzählige Menge von Einwohnern lebt dort ohne Partheyen, ohne Zwiespalt und Uneinigkeit, ohne Misvergnügen, Elend und Auswanderung; der Ackerbau ist im blühendsten Zustande; die Erde gebauet und benutzt wie in keinem andern Lande der Welt; alle Bedürfnisse sind, im Lande selbst, in solchem Überfluß vorhanden, daß kein auswärtiger Handel nöthig ist; doch fast möchte ich sagen: wer kann die Vorzüge und Vortheile dieses glücklichen Landes alle zählen?" (S. IV) Dann zählt er auf, welche Mißstände oder welche Luxusgegenstände in Japan fehlen: "Land und Einwohner sind glücklicher, als wo man dies alles hat und thut:" (V). Im Text selbst verschweigt Thunberg indes nicht, was ihm - neben all den positiven Zügen - mißfällt. Die Darstellung ist sicherlich wohlwollend, aber nicht unkritisch. Ausgiebig geht er auf "Beschaffenheit und Charakter der Japaner" ein, wovon hier nur die Liste der Eigenschaften zitiert sei: "Die Schilderung des Charakters der Nation enthält im allgemeinen folgende Züge: Verständig und vorsichtig, frey, gehorsam und höflich, neugierig, fleißig und in Handarbeit geschickt, sparsam und nüchtern, reinlich, gut gesinnt und freundschaftlich, aufrichtig und gerecht, ehrlich und treu, argwöhnisch, abergläubig, hochmüthig und stolz, unversöhnlich, tapfer und unüberwindlich." (II,155)
Ein besonderer Schwerpunkt liegt natürlich auf des Autors Spezialgebiet, nämlich der Medizin und den Naturwissenschaften. Aber er entschuldigt sich fast dafür, daß er diese Dinge ausführlich behandelt.
An einigen Stellen geht Thunberg auf schriftliche Quellen ein, die ihm zu Gebote standen. I,26-27 erwähnt er ein dreisprachiges Lexikon ohne Titelblatt, das unschwer als Dictionarium Latino-Lusitanicum ac Japonicum, ein Jesuitendruck aus Amakusa (1595), bearbeitet nach dem lateinischen Wörterbuch von Ambrosio Calepino, zu identifizieren ist.[3] II,2, S. 44 erwähnt er ein weiteres Wörterbuch, das Racvyoxu (Rakuyôshû. Nagasaki 1598)[4], wodurch immerhin belegt ist, daß zumindest einige Exemplare der Jesuitenpublikationen die Zerstörungen überlebten.
An botanischen Werken nennt Thunberg vier Titel, von denen allerdings nur einer, das Morokoshi kimmô zui eindeutig zu identifizieren ist. Im "Chimenso" erkennt Richard Rudolph das Chikenshô, während ein Sôka ensô (?) und Hyôgo no yama gusa (?) fraglich bleiben.[5] Diese vier Titel sind übrigens auch in Thunbergs Flora in der Einleitung genannt.
Es bleibt nur noch auf die engen Beziehungen hinzuweisen, die Thunberg mit der übrigen europäischen, speziell auch mit der deutschen Gelehrtenwelt verbanden und auf die Friese in seiner Einleitung näher eingeht. Hier seien nur die Namen J.R. Forster, Alexander von Humboldt und Ph. Fr. von Siebold genannt.
Schillers Bemerkung in einem Brief an Friedrich Cotta vom Juni 1795 ist bis heute nicht überholt: "Die Thunbergische Reise nach dem Cap. Java und Japan habe ich dieser Tage mit ungemeinem Interesse gelesen. Ich danke Ihnen noch einmal recht schön für diese Schrift, die für mich ebenso belehrend als unterhaltsam gewesen ist. Sie hat das Interesse eines Romans und bey diesem noch den großen Werth der Geschichte."
Hartmut Walravens, Berlin
Fußnoten
[1] Taisei honzô meiso - Naamlyst van gewassen door den beroemden natuuronderzoeker C.P. Thunberg. M.D., op Japan gevonden. Nagoja 1828.

[2] Tsunberî kenkyû shiryô. Tôkyô 1953.
[3] Johannes Laures: Kirishitan Bunko. 1957, Nr 15.
[4] Kirishitan Bunko, S.58.
[5] Rudolph: Thunberg in Japan and
his Flora japonica in Japanese. Monumenta
Nipponica.29.1974,163-179.
Latest update: 2005-08-18 Impressum