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| www.oriens-extremus.de > OE 35 > Rezensionen |
Pax Mongolica lautet eine gängige Bezeichnung für die Zeit, während der sich das mongolische Weltreich über weite Gebiete Eurasiens erstreckte. Doch für den "Frieden", der einen bis dato ungekannten transkontinentalen Handel nicht weniger als diplomatische Begegnungen und missionarische Unternehmen ermöglichte, mußte viel Blut fließen - während der Eroberung großer Teile Nord- und Mittelchinas in den 30er Jahren des 13. Jahrhunderts nicht weniger als beispielsweise bei der Eroberung Kievs im Jahre 1240 und den anschließenden Zügen mongolischer Reiter nach Polen, Schlesien und Ungarn.
Bei einem ersten Durchblättern von Folker E. Reicherts Begegnungen mit China stößt man rasch auf vieles, was zum sinologischen Allgemeingut gehört, wenigstens gehören sollte: Daß die Mongolen häufig Ta(r)taren genannt wurden und man dieses Wort von Tartaros ableiten wollte, oder daß in mancher bildlicher Darstellung mongolische Krieger gar finster dreinblickende Burschen sind. Auch mag man sich an chinesische Gemälde mongolischer Herren oder Gemeinen erinnern oder an pejorative chinesische Urteile über Barbaren. Man versucht vielleicht sogar, sich die erschreckten Mienen europäischer Händler, Herrscher oder Kirchenfürsten, denen doch die Idee vom fern im Osten gelegenen Reich des Priesters Johannes so teuer war, vorzustellen, hätten sie solch martialische Selbstbeschreibungen vernommen, wie sie die Geheime Geschichte der Mongolen überliefert. Folgendes etwa soll einem neu eingesetzten Khan versprochen worden sein: "Wenn wir am Tag des Kampfes nicht / Folge leisten deinem Befehl, reiß uns / Von unseren Lehen, / Von Gattin und Weibern und / Wirf unsere schwarzen Köpfe / Auf den Erdboden. / Wenn wir an Tagen des Friedens / Verletzen deinen Bund, trenn uns / Von unseren Frauen und Kindern und / Verbanne uns / Fort in herrenloses Land!" Und mit folgenden Worten übergab ein Vater seine Söhne in die Gefolgschaft des Tschingis Khan: "Sie wollen Knechte / An deiner Schwelle sein. / Wenn sie von deiner Schwelle weichen, / Hackt ihnen die Fersen durch! / Sie sollen Erbsklaven / An deiner Tür sein. / Wenn sie sich von deiner Tür entfernen, / Schneidet ihnen die Leber ab / Und werft sie fort!" (Übersetzung von Erich Haenisch, zitiert in Die Mongolen und ihr Weltreich, herausgegeben von Arne Eggebrecht. Mainz: Philipp von Zabern [1989], S. 146)
Zweifellos ist über Begegnungen des Westens mit China schon viel gearbeitet worden, doch wird man Reichert zustimmen, wenn er, leise kritisierend, von "populären Präsentationen der jüngeren Vergangenheit" (S. 12) spricht und bemängelt, daß oftmals der Eindruck erweckt werde, die Begegnungen hätten erst in der frühen Neuzeit begonnen und die Asienreisenden des Mittelalters samt ihren Berichten stellten eine nicht weiter zu beachtende historische Episode dar. Andererseits ist besonders von altphilologischer Seite aus "das Beziehungsgeflecht zwischen Orient und Okzident" der Antike gut aufgearbeitet. So kann es Reichert denn auch als erstes Ziel seiner Arbeit bezeichnen, "die Lücke zwischen dem breit erarbeiteten Ostasienbild der antiken Autoren und der Darstellung des frühneuzeitlichen Chinawissens wenigstens teilweise zu schließen" (S. 12). Stoff dafür hat er in Fülle - "eine ebenso umfangreiche wie verstreute biographische, philologische, missions- und wirtschaftsgeschichtliche Literatur zu den Reisenden selbst, ihrem sozialen und politischen Umfeld sowie zu den Berichten, die sie hinterließen" (S. 12). Wer aber aus diesen bescheiden formulierten Worten folgert, Reicherts Anliegen sei eine Zusammenschau älterer Forschungsarbeit, der wird eines anderen belehrt. Ältere Forschungsarbeit bildet nur die Grundlage. "Was sie [= die vorliegende Arbeit; R.E.] ihr hinzufügt, sind die Fragen nach den Sehweisen, dem Vorwissen und den Vorurteilen der Augenzeugen, nach dem Textverständnis der Leser und ihren Möglichkeiten, sich einen Reim auf das Berichtete zu machen." (S. 12) Und weiter, in leichter Kritik an Grundsätzen, die Arbeiten wie Jacques Gernets Chine et christianisme, action et réaction (Paris: Édition Gallimard 1982; dt.: Christus kam bis nach China. Eine erste Begegnung und ihr Scheitern. Zürich, München: Artemis 1984) das Fundament gaben und die die "Erfahrung neuer Welten und das Staunen vor der jeweils erlebten Fremde" zum "Mittelpunkt ihrer Fragen" machten (S. 13): "Die vorliegende Untersuchung ... ist skeptisch, ob denn wirklich die Neugierde ihren gesicherten Platz in der Begegnung der Kulturen habe und die Wahrnehmung des Anderen ihre begründete Folge sei. Rousseau hat wohl übertrieben, als er den Europäern vorwarf, unter den Völkern immer nur sich selber vorgefunden zu haben. Aber der Vorgang ist bekannt und vor allem anhand des sich formenden Amerika-Bildes beschrieben worden: In die Betrachtung anderer Gesellschaften mischt sich notwendig das Vorurteil, Maßstäbe und Deutungsmuster der eigenen Kultur werden auf die beobachtete übertragen, Fremdes wird zum Déjà-vu. Am Ende steht das Konstrukt eines Bildes, wie es sich aus der Verquickung neuer Erfahrungen und alten Wissens ergibt." (S. 13) Worte, die jedem, der sehenden Auges schon selbst in die Welt reiste, unmittelbar einleuchtend klingen müssen, vielleicht sogar als wohl gesetzte Formulierung altvertrauter eigener Gedanken erscheinen. Zu den Gereisten gehört aber auch der Autor selbst, und mir kommt es vor, als atme sein Werk eine ganz persönliche Mischung aus Belesenheit, Akribie und Welterfahrung. Und zwar ab den ersten Zeilen des Vorwortes: "Dieses Buch ist weniger aus der theoretischen Einsicht als aus der persönlichen Erfahrung hervorgegangen, daß das Verständnis ferner Lebenswelten durch die Vorurteile und das Vorwissen des Betrachters vielfach behindert wird. Es mag als der Versuch des Verfassers angesehen werden, seine Mißverständnisse mit ihren historischen Vorlagen zu begründen und seine gedanklichen Fehlleistungen als allgemeine Erfahrungen auszugeben." (S. 6)
In seiner Darstellung der intellektuellen Tradition, in der sich die Reisenden des 13./14. Jahrhunderts ebenso wie die Leser ihrer Berichte befanden, geht Reichert weit zurück - Aristeas von Prokonnesos ist der erste, der in Teil "I. Grundlagen: Das Ostasienbild der Antike" (S. 15-64) vorgestellt wird. Dieser legendenumwobene Reisende und Autor des Epos Arimaspeia dürfte als erster Berichte über Ostasien nach Europa gebracht haben. Aber auch wenn sein Werk bald bis auf wenige Fragmente aus der Überlieferung ausschied, auch wenn Aristeas selbst schon in klassischer Zeit der Legendenbildung anheimfiel und sogar seine Lebenszeit nur vage in die zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts v.Chr. bestimmt werden kann, ungeachtet auch der Tatsache, daß Aristeas niemals bis nach China gekommen sein konnte, ließ sein Epos doch schon Motive anklingen, die in späteren Beschreibungen des Fernen Ostens wiederkehren sollten: "Die Vorstellung eines idealen Ortes am Rande der Ökumene, von dessen möglicher Existenz die griechischen Autoren grundsätzlich ausgingen, zusammen mit der Wahrnehmung schreckenerregender Völker und Erscheinungen, die den Zugang zu jener Welt des Friedens, der Heiterkeit und der humanen Gesittung erschwerten. Der Osten Asiens schien von beidem etwas bereitzuhalten; es kam nur darauf an, welcher Aspekt jeweils überwog." (S. 20)
Den Ausführungen über Aristeas folgt eine Zusammenschau antiker Berichte über "die Wunder Indiens" (S. 22-36) - "von jeher ein Land der Fabel, des Wunderbaren und der Seltsamkeiten" (S. 23). Antike Anschauungen sind insbesondere im 7. Buch der Naturalis historiae des älteren Plinius gesammelt, doch wurden sie vielfach überhöht, ausgeschmückt, konkretisiert. Sehr anschaulich nachweisbar ist dies in der während Antike und Mittelalter weit verbreiteten Alexandersage (S. 30-34), wo unter anderem von einem Besuch Alexanders bei den Serern, "dem gerechtesten aller Völker, das im Osten der Inder lebe" (S. 35), gesprochen wird: "Mord, Ehebruch Meineid und Trunkenheit kämen dort nicht vor; sie seien freundlich und lebten vegetarisch." (S. 35) über "Serer und serische Stoffe", von denen griechische und römische Quellen seit Mitte des 1. Jahrhunderts v.Chr. regelmäßig wissen, spricht Reichert sodann (S. 36-53), bevor er auf "das Land Thin" (53-64) eingeht. Folgende Sätze dürfen vielleicht als Summa der detailreichen Ausführungen gelten: "Das Bild, das sich Europa [in der Antike; R.E.] von den Serern machte, hatte mit China so gut wie nichts, mit Zentralasien kaum etwas zu tun. Es war gespeist aus den Vorstellungen, die über die Randvölker in Umlauf waren, und getragen von den utopischen Konzepten idealer Gesellschaftsordnungen, die nicht nur in ferner Vergangenheit gedacht, sondern auch bei den Barbaren weitab von der antiken Zivilisation vermutet wurden." (S. 52)
Ein großer Sprung bringt Reichert von der Antike in das späte Mittelalter, zum umfangreichen Teil "II. Begegnungen: Die Ostasienreisen des 13. und 14. Jahrhunderts" (S. 65-134). Aber der Sprung ist berechtigt, müssen doch das frühe und das hohe Mittelalter als Epoche gelten, in der das Bild Ostasiens nicht durch zusätzliche eigene Anschauungen bereichert wurde, in der vielmehr die durch Enzyklopädisten und Kartographen vermittelten Vorstellungen der Antike wirksam blieben. "Neue Informationen kamen nicht hinzu, die Vorlagen waren verpflichtend. Wenn sie abgewandelt wurden, dann durch Kürzungen." (S. 67f.) Das änderte sich in der Mongolenzeit. Fast hundert Namen von Europäern sind bekannt, die zwischen der ersten Begegnung Europas mit den Mongolen und deren Vertreibung aus China Asien besuchten. Gottesmänner zogen aus in missionarischer, mitunter auch sehr praktischer macht- und kirchenpolitischer Absicht, Gesandte gingen in diplomatischem Auftrag, Kaufleute ließen sich treiben von der Aussicht auf hohe Gewinne. Daneben aber wurden immer wieder Kriegsgefangene verschleppt, fanden Zwangsarbeiter unfreiwillig den Weg nach Ostasien. Insbesondere franziskanischen Missionaren, die bis 1371 eine rege Chinamission betrieben, sind zahlreiche Berichte zu verdanken, während Händler doch weit zurückhaltender mit ihren Informationen waren. Aus guten Gründen, stellten doch schon Auskünfte über halbwegs sichere Reiserouten ein wichtiges Kapital dar.
Einer nüchternen, wenngleich niemals langweilenden, Zusammenschau der nach Anlage und Beobachtungsgabe divergierenden Berichte eines Wilhelm von Rubruck und eines Plano Carpini, eines Odorico da Pordenone, eines Marco Polo und anderer (S. 88-111: "Das Wissen der Augenzeugen") folgt ein Abschnitt (S. 111-134: "Die Grenzen der Wahrnehmung"), in dem der Autor vier wichtige Berichterstatter und ihren intellektuellen Hintergrund vorstellt: Wilhelm von Rubruck, den bescheidenen, doch hoch gebildeten Franziskaner, dem in der Fremde die Gastgeschenke ausgingen, der an einer europäischen Universität das Fragen und das Argumentieren bis zu einem Maße gelernt hatte, daß ihm ein moderner Autor "dialektische Routine" (S. 89) bescheinigte, der sich das aus der Antike überlieferte Asienwissen seiner Zeit angelesen hatte. Dann Marco Polo, den früh aufgebrochenen und durch keine literarische Tradition verbildeten Kaufmannssohn, über den Paul Demiéville sagte, er habe sich ganz die Sichtweise eines mongolischen Herren angeeignet: "sprachlich gewandt und sachlich beschlagen, solange Mongolisches sein Gegenstand war; was dagegen den chinesischen Süden betrifft, eher ein Tourist als mit den Dingen vertraut" (S. 117). Schließlich Odorico da Pordenone, den die Neugierde nach den Wundern der Welt viele Jahre umtrieb, der ähnlich wie Marco Polo aus Venedig wenig literarische Bildung im Gepäck hatte und postum Gegenstand der Hagiographen wurde. Zuletzt Johannes von Marignola, der von sich sagte, eher wißbegierig denn tugendhaft zu sein (S. 90) und den Reichert den Bibelfesten unter den Ostasienfahrern nennt (S. 126).
So unterschiedlich diese vier Reisenden in ihrer Individualität gewesen sein mögen, war ihnen - und anderen Reisenden ihrer Zeit - doch Wesentliches gemeinsam: "Mangelnde Sprachkenntnisse, die übertriebenen Erwartungen der Zeitgenossen und ein Vorwissen, das sich aus individuellen Erfahrungen und den Bildungsgütern des tradierten Asienwissens zusammensetzte, waren die mentalen Bedingungen, unter denen sich die Reisenden aus Europa mit den Äußerungen einer auch ihnen zunächst einmal sehr fremden Welt auseinanderzusetzen hatten. Es liegt auf der Hand, daß ihre Beobachtungen nicht immer das Richtige trafen, sondern auch eine Reihe charakteristischer und daher sich wiederholender Verzeichnungen in sich schlossen." (S. 133) Mit anderen Worten: Wie auch immer die mentale Verfassung und die Vorbildung der Ostasienfahrer gewesen sein mag, so trafen sie doch alle eine ihnen mehr oder weniger fremde Welt, vor der sie nicht zuletzt Sprachbarrieren trennten - "Chinesisch sprach oder schrieb keiner von ihnen, auch Marco Polo nicht" (S. 127). Um Ordnung in dieses Wirrwarr von persönlicher Erfahrung und mitgebrachtem Wissen zu bringen, hätten die Reisenden, so Reichert, "eines abstrakteren Wissens" bedurft, das ihre "Beobachtungen ergänzte oder dem von Vorurteilen und Erfahrung gezeichneten Bild einen Rahmen gab" (S. 134). Der Reisende hätte dessen bedurft, aber auch der Leser, und der ist Mittelpunkt des Teiles "III. Beschreibungen: Entstehung und Verbreitung der Augenzeugenberichte" (S. 135-196).
Wenngleich nur die wenigsten Reisenden des 13. und 14. Jahrhunderts über ihre Erlebnisse schriftlich Bericht erstatteten, so blieb den Aufgeschlossenen und Neugierigen in Europa doch neben den Berichten manches andere zeitgenössische Medium, woraus sich ihnen ein Bild vom Fernen Osten formen konnte. Handelsware zählte ebenso dazu wie seltene Geschenke, die nie auf den Markt kommen sollten, mündliche Berichte der Reisenden und die Ausschmückungen, die von Mund zu Mund hinzukamen, taten das Ihrige. Freilich war hier der Individualität in der Rezeption die Tür offen. Wer aber meint, ein Reisebericht sei, einmal formuliert, unumstößlich und enthalte den einen autorisierten Report des Heimgekehrten, der lasse sich in Reicherts Ausführungen über "Versionen und Überlieferungen" von Reiseberichten (S. 151-170) belehren. Es schwindelt einem, die Geschichte der verschiedenen Bearbeitungen von Marco Polos Divisament dou monde zu lesen, eines Lehrstücks "für die verworrene Überlieferung eines Reiseberichts" (S. 154). Alles andere als gering sind die Abweichungen der einzelnen Vorlagen: "Sämtliche Bearbeiter hatten das eine gemeinsam, daß sie den Text nicht zur Ruhe kommen ließen, ihn vielmehr kürzten, ergänzten, veränderten, bewerteten, kommentierten und erläuterten, wann und wo immer es ihnen aus stilistischen, sprachlichen oder sachlichen Gründen geboten schien. Hier wurde die Vorlage umgestellt und erweitert, dort gekürzt und gestrafft, an anderer Stelle fielen ganze Kapitel fort, aus Rücksicht auf die Leser oder auch, weil nicht glaublich schien, was sie enthielten." (S. 163)
Daß die Berichte eines Marco Polo und anderer im 13./14. Jahrhundert viel gelesen wurden und mitunter gar zu "Bestsellern" avancierten, ist bekannt und läßt sich rasch an der Anzahl der überlieferten Manuskripte ablesen. Viel schwerer ist hingegen die Beantwortung der Frage, wie diese Erzählungen auf ihre Leser wirkten. Daß aber auch hier der Forscher nicht resignieren muß, zeigt der Abschnitt "Die Überlieferung der Berichte" (S. 170-196). Man darf nur Handschriftenreisen nicht scheuen, und man muß zu fragen wissen: Nach dem Kontext etwa, in den die Berichte gestellt wurden, aber auch nach solchen Marginalien, wie sie Unterstreichungen, Hervorhebungen, Fragen und Anmerkungen der Leser in den Manuskripten hinterließen. Und wenn man so geschickt ist wie Reichert und überdies eine so große Anzahl von Handschriften zur Verfügung stehen wie im Falle des Marco Polo und des Odorico da Pordenone, gelingen mit dieser Methode sogar Ansätze zu einer Geschichte der Leserinteressen. Freilich von Lesern, die anonym bleiben.
Im Mittelpunkt des Teiles "IV. Wirkungen: Die Rezeption der Reiseberichte" (S. 197-253) stehen hingegen keine Anonymi. Der Abschnitt "Epos, Roman und Novelle" (S. 197-212) berichtet darüber, wie Literaten des späten Mittelalters sich das "narrative Potential" (S. 197) der Ostasienberichte für ihre eigenen Zwecke dienstbar machten. Bekannte und weniger bekannte Namen findet man hier versammelt, Philippus von Ferrara, der in einer Art Handbuch der Konversation (1. Hälfte des 14. Jahrhunderts) mehrmals auf Marco Polo zurückgriff, neben Petrarca oder Boccaccio; in einiger Ausführlichkeit wird auch auf die "Reisen" des Johann von Mandeville eingegangen, die "ebenso erdichtet wie auch das Ergebnis gelehrten Sammelns" (S. 203) waren. Der folgende Abschnitt (S. 212-225) beschreibt analog zum vorausgehenden, wie Reiseberichte des 13. und 14. Jahrhunderts auf "Hagiographie, Ethnographie und Geschichtsschreibung" derselben Zeit wirkten, während ihre Wirkungen auf "Geographie und Karten" (S. 226-236) sowie bildliche Darstellungen (S. 236-253: "Bild und Abbild") in den beiden folgenden Abschnitten im Mittelpunkt sind.
Mit dem Teil "V. Standpunkte: Die Kenntnis Ostasiens und die Entdeckung Amerikas" verläßt Reichert das 13. und 14. Jahrhundert, um Ausblicke auf das darauf folgende Säkulum zu geben, während dessen Ostasienhandel und Ostasienreisen nahezu völlig zum Erliegen kamen. "Das 15. Jahrhundert gehört somit zu jenen Abschnitten in der Geschichte der Ost-West-Kontakte, in denen sich das Abendland mit dem erworbenen Wissen zufriedengeben mußte und daneben auch ältere Traditionen zu ihrem Recht kommen ließ." (S. 257) Mit anderen Worten, das Ostasienbild des 15. Jahrhunderts war eine Mischung aus dem, was den Berichten der früheren Ostasienfahrer entnommen werden konnte sowie dem, was antike Autoren, die während der vorausgegangenen Jahrhunderte nahezu unbeachtet geblieben waren, zu vermelden hatten. "Antiqui und moderni" betitelt Reichert denn auch einen Abschnitt (254-269), in dem er Versuche der "humanistisch inspirierten Erdkunde und Enzyklopädik" (S. 257f.) des 15. Jahrhunderts dartut, die Überlieferungen der Antike ("antiqui") mit den Erfahrungen der Reisenden ("moderni") in Übereinstimmung zu bringen. Auch in Christoph Columbus, dem die abschließenden Seiten (269-275) gewidmet sind, vereinten sich antikes und modernes Wissen: Plinius und Plutarch hatte Columbus vor seiner Abreise ebenso gelesen wie Marco Polo. Gelesen und so sehr in sich aufgesogen, daß ihm nach seiner Ankunft in Amerika, wo er doch den Osten Asiens gefunden zu haben glaubte, "das Wissen der Bücher als ein Leitfaden der Wahrnehmung und des Verständnisses der Dinge" (272) diente. Columbus, dem Reichert durchaus einen kritischen Blick bescheinigt, "endeckte" auf seinen Reisen folglich vieles, wovon er bei Marco Polo gelesen hatte. "Was der Admiral auf vier großen Reisen erforscht hatte, war ihm selbst nur eine Variante und bestenfalls Ergänzung älteren Wissens. Ptolemäisches Weltbild, das Wissen der mittelalterlichen Reisenden und die neuen Entdeckungen gingen nahtlos ineinander über; Bücherwissen und Erfahrung blieben im Denken des Columbus eine untrennbare Einheit." (S. 273)
Ein vorzügliches Buch, in dem sich von akribischer Gelehrsamkeit bis zur Geschliffenheit im Ausdruck vieles aufs trefflichste vereint. Sein Autor schrieb sich damit zurecht in die Liste der Preisträger für hervorragende Arbeiten des wissenschaftlichen Nachwuchses, die der Verband der Historiker Deutschlands führt. Zu beglückwünschen ist er aber auch zu der sorgfältigen Arbeit seines Verlages: Das Verdienst, daß das Buch nahezu keine Schreibfehler enthält (ich konnte nur einen notieren, S. 29, Z. 8 "auszufüllen" statt "ausfüllen"), mögen sich Autor und Lektor teilen - und bitte auch den Tadel, daß nicht alle der in der Übersicht "Reisende in Ost- und Zentralasien 1242-1448" (S. 287-293) mit Kurztitel genannten Quellen im Literaturverzeichnis nachgewiesen werden.
Daß Historiker und Mädievisten dieses Buch mit Gewinn lesen, ist außer Frage. Ich wünsche es mir aber auch in die Hände von Sinologen, weil es nämlich neben vielen anderen Verdiensten den Vorzug hat, klare Fragen zu formulieren und Wege zu ihrer Beantwortung aufzuzeigen; Fragen, die das mitunter doch recht oberflächliche historische Arbeiten in der Sinologie und unseren oft so leichtfertigen Umgang mit Texten bereichern können; Fragen, die nicht nur derjenige sinnvoll stellen kann, der das bei Reichert (S. 8) zitierte anonyme Wort aus der Mitte des 14. Jahrhunderts in chinesischen Quellen verifizieren will: "diese lude dunckent uns as seltzen as wir sy".
Reinhard Emmerich, Hamburg
Latest update: 2005-08-18 Impressum