Oriens Extremus
OE-Titel
OE-Logo
     
www.oriens-extremus.de > OE 35 > Rezensionen  

Der seidene Faden. Gedichte der Tang. Aus dem Chinesischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Volker KLÖPSCH. (Frankfurt a.M.:) Insel Verlag (1991). 379 S.

Die Dreihundert T'ang-Gedichte (T'ang-shih san-pai shou) sind eine Standardauswahl von Gedichten aus dieser Blütezeit chinesischer Kultur, die 1763/64 von einem pseudonymen "Eremiten vom Haselwurz-Teich" (Heng-t'ang t'ui-shih), inzwischen als Sun Chu (1711-1778) identifiziert, kompiliert wurde. Die Sämtlichen T'ang-Gedichte (Ch'üan T'ang-shih), 1705-1707 auf Anordnung des K'ang-hsi-Kaisers von Ts'ao Yin zusammengestellt, enthielten nicht weniger als knapp 49000 Gedichte und waren so für praktische pädagogische Zwecke ungeeignet. Sun schwebte bei der Beschränkung auf 300 Gedichte das Buch der Lieder (Shih-ching) mit 305 Liedern vor, und so hat seine Sammlung denn 310 Gedichte. Die Auswahlkriterien sind nicht unumstritten - so fällt das gänzliche Fehlen von Li Ho auf. Immerhin haben die Dreihundert Gedichte enormen Einfluß gehabt und sind bis heute in billigsten Ausgaben und hohen Auflagen verbreitet;[1] die gängige chinesische Auffassung von der Poesie der T'ang-Zeit und die Kenntnis von Gedichten bestimmter Dichter ist stark von dieser Sammlung geprägt.

Klöpsch hat daher die Absicht, das deutsche Publikum, dem schon eine Fülle von T'ang-Gedichten in Übersetzung oder Nachdichtung geboten wurde, nun zur Abwechslung nicht mit der europäischen Sicht und Bewertung, sondern mit der chinesischen bekanntzumachen, indem er die vollständige Sammlung in deutscher Fassung vorlegt. Seine Übertragungen sind während eines Zeitraums von 15 Jahren entstanden und beweisen, daß der Übersetzer nicht nur Chinesisch, sondern auch Deutsch kann. Nehmen wir als Beispiel eines der bekanntesten Gedichte von Li Po:

Der einsame Zecher im Mondenschein

Nur Blüten rings und dieser Krug mit Wein,
alleine trink ich, kein Freund hält mit.
Ich heb den Becher, lad den Mond mir ein,
mit meinem Schatten wären wir zu dritt.

Wenn auch der Mond aufs Trinken sich nur schlecht
versteht, ein Anhängsel mein Schatten bleibt -
die zwei Kumpane sind mir heut gerad recht:
Es heißt doch lustig sein zur Frühlingszeit!

Beständig hüpft der Mond zu dem Gesang,
der Schatten zuckt unruhig zu dem Tanz.
Erst einte nüchtern uns der Überschwang,
doch mit dem Rausche schwand die Allianz.

Sind die Gefühle endlich aufgehoben,
wird eine ewge Freundschaft uns verbinden.
Dann bin ich zu den Sternen aufgeflogen,
dort wollen wir dann zueinander finden!

Wie Günther Debon folgt Klöpsch dem Grundsatz, für ein Zeichen möglichst einen deutschen Versfuß zu setzen und den Reim nicht zu vernachlässigen. Die strenge Prosodie der Originale freilich läßt sich nicht ins Deutsche übernehmen. Soviel ist inzwischen über chinesische Dichtung in Europa publiziert - es sei nur an Debons umfassendes und nützliches Nachschlagewerk: Chinesische Dichtung[2] erinnert, daß Klöpsch keinen ausgiebigen Essay zum Thema seiner Übersetzung beifügen muß, wie es noch der Marquis d'Hervey de Saint-Denys[3] und selbst noch Witter Bynner[4] taten. In seinem Nachwort geht er aber auf zwei wichtige Aspekte ein, nachdem er die T'ang-Zeit kurz als eine Zeit der kulturellen Blüte dargestellt hat: Die enge Verbindung zwischen Poesie und Politik, wie sie schon in Konfuzius' Worten angedeutet wird: "Die Lieder sind geeignet, um anzuregen, sind geeignet, um zu beobachten, sind geeignet, um miteinander umzugehen, und sind geeignet, Groll zum Ausdruck zu bringen." (Klöpsch, S. 349.) Diese soziale und politische Funktion von Dichtung wurde dadurch gefördert, daß unter den T'ang Dichtung zum Gegenstand bei den zentralen Beamtenprüfungen und Poesie ein fester Bestandteil des sozialen Lebens wurde. Daher ist das politische Element in den Dreihundert T'ang-Gedichten unübersehbar, und sei es nur als Anlaß für ein Gedicht.

Einen anderen Gesichtspunkt, der einem breiteren Leserkreis nicht offensichtlich sein dürfte, betont Klöpsch S. 357: "Ein guter Teil des ästhetischen Reizes besteht für den Leser chinesischer Dichtung im Wiedererkennen des Bekannten, in der Herstellung des gegenseitigen Einverständnisses. Niemals hat in China das uns so vertraute Streben nach Originalität im Mittelpunkt des künstlerischen Interesses gestanden. Chinesische Dichtung bricht nicht aus, sondern stellt Einvernehmen her, ist Ausdruck eines kollektiven Bewußtseins."

Übertragung chinesischer Lyrik ist eine Gratwanderung zwischen Texttreue und poetischem Ingenium. Selbst wenn das weite Feld der Mißverständnisse und hölzerner Philologendiktion außer Betracht bleibt, so zeigt sich doch immer wieder, daß selbst die vorzüglichen und originalgetreuen Übertragungen eines so hervorragenden Sinologen wie Erwin von Zach den Leser nicht ansprechen. Von Zach erhob diesen Anspruch auch gar nicht, er sah seine Versionen als Hilfe für Sinologiestudenten; gerade deswegen darf es aber auch nicht verwundern, daß er die poetischen Nachdichtungen des Nichtsinologen Hundhausen so schätzte ...

Die Dreihundert T'ang-Gedichte sind bislang in ihrer Gesamtheit kaum übersetzt worden, obwohl die meisten Anthologien eine Menge Einzelgedichte daraus enthalten wie etwa die neue schöne, von Ejdlin herausgegebene Sammlung Poezii epochi Tan VII-X vv. (Moskva 1987). Eine vollständige Ausgabe ist The jade mountain von Witter Bynner und Kiang Kang-hu[5], während die beiden Bändchen von Soame Jenyns den größten Teil der Gedichte umfassen[6] Die neueste Gesamtübersetzung ist Le trecento poesie T'ang (Torino 1961) von Martin Benedikter.

Die vorliegenden Ausgabe ist für ein breites Publikum gedacht und daher vom Übersetzer mit zahlreichen (aber nicht ausufernden) Erläuterungen versehen worden. Die Sammlung wird sicherlich viele Freunde finden und zu einem besseren Verständnis chinesischer Poesie beitragen. Der Insel-Verlag hat den Band gediegen ausgestattet.

Hartmut Walravens, Berlin


Fußnoten

[1] Mir liegen vor: Hong Kong: Ch'ung-ming ch'u-pan-she 1965. 150 S.; Taipei: Hsin-lu shu-chü 1964. 181 S. (mit moderner chinesischer Übersetzung von T'ao Yu-pai).
[2] Geschichte, Struktur, Theorie. Leiden 1989. (Handbuch der Orientalistik. 4. China, 2. Literatur, 1.)
[3] Poésies de l'époque des Thang précédé de L'art poetique et la prosodie chez les Chinois. Paris 1977 (Neuausgabe des Originals von 1862). Der Essay umfaßt in der Ausg. 1977 die S. 11-109.
[4] The jade mountain, S. XX-XXXVIII der Taschenbuchausg. von 1964 (von Kiang Kang-hu).
[5] Chinese anthology being three hundred poems of the T'ang dynasty, 618-906. New York 1929; viele Neuausgaben, z.B. New York: Anchor Books 1964.
A [6] Selections from the Three Hundred Poems of the T'ang Dynasty. London 1940; A further selection from the Three Hundred Poems of the T'ang Dynasty. London 1944; beide in der Serie Wisdom of the East und öfter nachgedruckt.



Latest update: 2005-08-18  Impressum

OE-Logo