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| www.oriens-extremus.de > OE 35 > Rezensionen |
Studien über den Neutext-Konfuzianismus der Qing-Zeit hingen bislang vorwiegend mit einem Interesse an Fakten zusammen, durch die das Experiment der Hundert-Tage-Reform besser verständlich wird. Benjamin A. Elman interessieren andere Zusammenhänge. Er untersucht den Ursprung von Ideen, die diesem vielbeachteten Erneuerungsversuch den Weg bereitet haben. Seine Studie zeigt, daß Reformideen des späten 19. Jahrhunderts in der Tradition von geistesgeschichtlichen Prozessen stehen, deren Ausgangspunkte im 17. und 18. Jahrhundert zu suchen sind. Um dies zu belegen, entwickelt er ein Bild vom Yangzi-Delta als Zentrum des Qing-zeitlichen Widerstandes gegen autokratische Machthaber. Hierbei ist seine zentrale These, daß Verwandtschaftsbeziehungen im traditionellen China entscheidend zur Ausgestaltung von Lehr- und Protesttraditionen beigetragen haben. Diese Deutung ist sein Ergebnis einer Analyse der Schriften einzelner Gelehrten-Familien aus Changzhou. Im Mittelpunkt seiner Studie stehen dabei Vorfahren, Nachkommen und Schüler Zhuang Cunyus (1719-1788), eines einflußreichen Beamten der Hanlin-Akademie, der bis zur Niederlegung seines Amtes im Jahre 1786 in einer wichtigen Phase der Qianlong-Ära großen Anteil an Entscheidungen der Tagespolitik gehabt hat.
Elman erklärt bereits auf den ersten Seiten der Einleitung, weshalb gerade Zhuang Cunyu ihm so wichtig erscheint. Seiner Meinung nach begehen alle Historiker einen Irrtum, wenn sie als Epizentrum für das politische Beben des Jahres 1898 Gelehrtenkreise im Umfeld der bekannten Reformer Kang Youwei oder Liang Qichao bestimmen. Für ihn kommt den Gedanken von Persönlichkeiten wie Zhuang Cunyu oder dessen Enkel Liu Fenglu (1776-1829) so große Bedeutung zu, daß dagegen die ideengeschichtlichen Leistungen eines Kang Youwei eher als marginale intellektuelle Nachbeben einer viel stärkeren Erschütterung erscheinen müssen. Um diese Einschätzung zu begründen, nimmt Elman eine Zusammenfassung der Geschichte des Neutext-Konfuzianismus von den Anfängen bis zur Ming-Zeit in seine Einleitung auf. Daran anknüpfend weist er auf die Bedeutung der Donglin-Aktivisten für das wiederaufkommende Interesse an Neutext-Studien in der Qing-Zeit hin. (In der Wanli-Ära hatten loyale Gelehrte der Donglin-Akademie gegen die Usurpation der kaiserlichen Macht durch eine Clique um den Eunuchen Wei Zhongxian (1568-1627) protestiert - und dies mit dem Kopf bezahlt.) Der Verfasser betont nun die Tatsache, daß es Parallelen zwischen dem Donglin-Protest und dem Verhalten von Gelehrten aus Changzhou gibt, die gegen den Machtmißbrauch des kometenhaft emporgestiegenen Heshen (1750-1799) ankämpften. Heshen, der es von 1775 bis zum Tode des zunehmend debil regierenden Kaisers Gaozong im Jahre 1799 unglaublich gut verstand, sich sagenhaft zu bereichern und alle politischen Gegner erbarmungslos zu vernichten, wurde zum unabsichtlichen Katalysator beharrlichen Widerstands von Gelehrten, die in ihm einen neuen Wei Zhongxian sahen. Ein Exponent der Oppositionellen, die sich den diktatorischen Entgleisungen dieses Potentaten entgegenstellten, war Zhuang Cunyu. Zhuang war zu der Einsicht gekommen, daß Kritik am korrumpierten Beamtenapparat, der auch die Kontrolle über die Ausdeutung der Klassiker an sich gerissen hatte, nur durch neue Argumente zu leisten sei und begab sich in vernachlässigten Neutext-Fassungen der Klassiker auf die Suche danach. Elman dringt darauf, in den Neutext-Lehren der Generation Kang Youweis nur die Fortführung dessen zu sehen, was im Rahmen der Auflehnung gegen Heshen durch die epochale Umorientierung der Studieninteressen von der Generation Zhuang Cunyus bereits eingeleitet wurde - die Wiederentdeckung Han-zeitlicher Neutext-Positionen zur erfolgreichen Auflehnung gegen selbstherrliche Regierungsinstanzen.
Nachdem er in der Einleitung den Kontext umrissen hat, aus dem heraus seiner Meinung nach der Neutext-Konfuzianismus der Qing-Zeit verstanden werden sollte, widmet sich der Verfasser im ersten Kapitel der übergreifenden Darstellung der sozio-politischen Rahmenbedingungen, die im Yangzi-Delta zu Beginn des 17. Jahrhunderts herrschten, wobei die Bedingungen in der Präfektur Changzhou - dem Herkunftsort Zhuang Cunyus - besonders genau beschrieben werden.
Das zweite Kapitel dient der Klärung von Familienverhältnissen. Die hier vorgestellten Ergebnisse konnte der Verfasser nur durch aufwendige Recherchen erarbeiten, die er in Archiven Japans, Taiwans und der Volksrepublik China durchgeführt hat. Diese Archivarbeit ermöglichte es ihm, singuläre Familien-Beschreibungen auszuwerten, um den genealogischen Ursprung der Sippen zu rekonstruieren, denen er besondere Bedeutung beimißt. Die Präsentation der verwickelten Familienbeziehungen wird durch sieben graphisch klar konturierte Stammbäume und zwei Ahnenlisten um einiges übersichtlicher.
Im dritten Kapitel kommt es dann zur Vorstellung der Verbindungen, die zwischen einzelnen Persönlichkeiten der Changzhouer Gelehrtenkreise, Protesttraditionen der Ming- und Qing-Zeit, sowie der Zhuang-Sippe und anderen einflußreichen Familien bestehen.
Der Inhalt des nächsten Kapitels präzisiert das, was in Changzhou als oppositionelle 'Han-Gelehrsamkeit' galt. Dieser Teil enthält die Beschreibung dominierender Gelehrtenkreise jenes Ortes und eine Auseinandersetzung mit Zhuang Cunyus Stellung innerhalb dieser Zirkel.
Im fünften Kapitel beschäftigt sich der Verfasser mit Zhuangs Hinwendung zum Gongyang-Kommentar. Allgemeine Bemerkungen über den politischen Gebrauch des Chunqiu sowie dessen Kommentare Gongyang, Zuo und Guliang schaffen einen Bezugsrahmen, der es dem Leser ermöglicht, Zhuangs eigenes Werk zum Gongyang-Kommentar als Bestandteil einer langen Tradition der politisch motivierten Klassiker-Exegese zu verstehen.
In den beiden darauf folgenden Kapiteln wird nachgezeichnet, wie Lehrmeinungen, die Zhuang Cunyu zu gewissen Klassikern entwickelt hat, von seinen Nachfahren in deren Interpretationen genau der gleichen Texte bewahrt und weiterentwickelt wurden. Das siebente Kapitel ist ganz dem berühmtesten Schüler und Nachfahren Zhuang Cunyus, Liu Fenglu, gewidmet. Liu Fenglus virtuose Auslegung des Lunyu und des Zuozhuan zu politischen Zwecken wertet Elman als Beispiel der kreativen Fortführung familiärer Lehrtraditionen.
Bei dem achten und neunten Kapitel handelt es sich um Abschnitte, in denen der Verfasser versucht, den Aufstieg des Changzhouer Neutext-Konfuzianismus in Verbindung mit den Erneuerungstendenzen zu bringen, die gegen Ende des Kaiserreiches überall in China wahrzunehmen waren. Auf der einen Seite stellt er dabei systemkritische Äußerungen von Qing-zeitlichen Neutext-Gelehrten in Beziehung zu Protesten der Donglin-Aktivisten. Auf der anderen Seite unterstreicht er die augenfälligen Ähnlichkeiten, die zwischen Changzhouer Argumenten für politische Veränderungen und den Kritikpunkten bestehen, mit denen im Vorfeld der Reformen von 1898 so vehement Attacken gegen die etablierten Politiker am Kaiserhof geführt wurden.
Elman rundet seine Studie mit einem instruktiven Nachwort ab. Ein Anhang, in dem er einen historischen Abriß der Verwaltungsinstanzen Changzhous gibt und Stammbäume der Familie Zhuang (über 14 Generationen) und Liu (über 17 Generationen), die auch für nahezu jedes Familienmitglied das Geburts- und Todesjahr enthalten, beschließen den Analyseteil. Darauf folgen ein makelloses Zeichenglossar, ein umfangreiches Literaturverzeichnis und ein vorzüglicher Index.
Die vielleicht größte Leistung dieses Buches ist die überzeugende Rekonstruktion der genealogischen Dimension von Lehrer-Schüler-Beziehungen. Durch die Bearbeitung dieses Phänomens der chinesischen Lehrtradition gelingt es dem Verfasser, Aspekte der Politik und Philosophie in die Darstellung von Details der Sozialgeschichte einzubeziehen. So zeigt die Überprüfung der Anzahl von Examenskandidaten aus der Familie Zhuang, daß zur Qing-Zeit nicht weniger als 97 Mitglieder dieses Klans Beamtenprüfungen bestanden, 29 davon das Jinshi-Examen. Unter den insgesamt 34 Kandidaten, die in den Jahren 1644-1795 die Prüfung zum Eintritt in die politisch bedeutsame Hanlin-Akademie bestanden, waren nicht weniger als 11 Mitglieder aus der Zhuang-Sippe. Als leitender Beamter des Ritenministeriums an der Durchführung und Überwachung von Beamtenprüfungen beteiligt, prägte Zhuang Cunyu nicht nur Inhalte der Staatsexamina. Er bestimmte auch das Lernverhalten seiner Sippe. Nach seinen Vorgaben wurden alle talentierten Sprößlinge der Familie erzogen und ausgebildet. Die außerordentlichen Prüfungserfolge seiner Nachkommen weisen darauf hin, wie wichtig diese Art Wissensvermittlung für den reibungslosen Beginn einer Beamtenkarriere war.
Diese Details interpretiert Elman unter ausdrücklichem Hinweis auf Pierre Bourdieus Idee des 'verdeckten ökonomischen Potentials' gesellschaftlicher Zweckgemeinschaften (dem 'symbolischen Kapital' sozialer Interessengruppen) auf eine seinem Thema angepaßte Art. Er sieht in dem von Menschen über Generationen hinweg angesammelten Bildungsgut "cultural resources". Bildungstraditionen einer Familie seien nicht als zufällige Übereinstimmung innerhalb einer abstrakten sozialen Gruppe, sondern als integraler Bestandteil der individuellen Identität seiner einzelnen Mitglieder zu verstehen. Eine Familie konnte verschiedene 'kulturelle Ressourcen' ihren Nachkommen bieten: entweder in Form des Bildungsgutes, das erfolgreiche Examenskandidaten nachfolgenden Generationen übermitteln, damit diese ihrerseits die Beamtenprüfungen meistern; durch Beziehungen, die Beamte während ihrer Karriere knüpfen und in die sie nachrückende Verwandte einbinden; oder vermittels privater Bibliotheken und Schulen, die erfolgversprechende Erziehungsziele einüben und bewahren. Diese 'Ressourcen' bestimmten dann das Denken und Handeln ganzer Sippen. Daher stellt Elman seiner Untersuchung eine wichtige Feststellung voran: "Im konfuzianischen China sprach der einzelne nicht als Individuum" (S. 15). Es sei falsch, das neuzeitliche europäische Modell von der Autonomie des Individuums auf das damalige China anzuwenden. Für ihn sprechen konfuzianische Gelehrte als Bestandteil von Klan-Organisationen und den in ihnen entwickelten Weltanschauungen.
Das Beispiel der Familie Zhuang Cunyus deutet darauf hin, daß Eigenarten bei der Interpretation kanonischer Schriften, Kommentartraditionen, Analysemethoden und Argumentationsformen entlang genealogischer Linien nachzuverfolgen sind. Denn es läßt sich ein Stammbaum der Reformideen entwerfen, die sukzessive im unteren Yangzi-Delta entstanden und die Reformen, die am Ende des 19. Jahrhunderts gewagt wurden, vorbereiteten. Die Untersuchung verschachtelter Ehebündnisse verdeutlicht, daß Zhuang Cunyus Sippe durch eine gezielte Heiratspolitik dafür sorgte, ihr Ansehen und materielles Auskommen abzusichern und zu verbessern. Bei Einheirat in andere erfolgreiche Gelehrtenfamilien kam es dann zur Synthese intellektueller Errungenschaften, die den Nachkommen der neu entstandenen Familienzweige den Aufstieg in prestigevolle Regierungspositionen erleichterten. Die Darstellung dieses Aspektes ermöglicht es, konfuzianische Tugend- und Moralvorstellungen als organisch entwickelte Konventionen innerfamiliärer Normensetzungen zu erklären. Grundlage dieser Normen waren ererbte Interpretationen konfuzianischer Klassiker. Deren Tradierung diente einerseits dem Erhalt von Machtstrukturen innerhalb des Klans, andererseits der Durchsetzung ökonomischer wie auch politischer Interessen des Klans gegenüber dem Staat. Die auf Familienbande zurückzuführende Kontinuität von Lehrmeinungen, die trotz aller Unterschiede zwischen Aussagen von Lehrern und Schülern besteht, weist auf Entwicklungslinien, die bislang kaum beachtet wurden. Wird jedoch übersehen, welche engen familiären Verbindungen zwischen Persönlichkeiten wie Liu Fenglu und den Bildungsidealen der Gelehrtenschicht von Changzhou bestanden, bleiben auch die intellektuellen Wurzeln der wichtigsten Schüler Lius, nämlich Wei Yuan und Gong Zichen, Wegbereiter späterer Reformen, völlig im dunkeln.
Die vom Verlag eingeklebte Errataliste läßt hoffen, daß künftige Auflagen oder Taschenbuchausgaben weniger Druckfehler enthalten werden. Es wäre wünschenswert, bei den anstehenden Nachbesserungen auch gleich die Zitierkonventionen zu verändern: Bei vielen Zitaten fehlt ein Quellennachweis. Dies ließe sich vielleicht bei Zitaten aus Quellen rechtfertigen, die sowohl unpaginiert als auch unerreichbar sind. Weshalb aber selbst Stellen aus den Texten nicht belegt sind, die in handlichen Nachdrucken zur Verfügung stehen, ist schwer verständlich. Beispielsweise gibt es drei lange Zitate Dong Zhongshus (S. 235-236) ohne Quellenangabe; auch im Literaturverzeichnis sucht der Leser vergeblich nach Angaben über genutzte Werke Dong Zhongshus. Ebenso stehen als Referenz für Zitate aus Kommentaren Zhuang Cunyus fortwährend lediglich die Werktitel, z.B. Chunqiu zhengci. Dem Literaturverzeichnis ist dann nur zu entnehmen, als Vorlage habe hierbei das - 1408 juan starke - Sammelwerk Huangqing jingjie in der Xuehaitang-Edition von 1860 gedient. Schon eine grobe Angabe, in welchem juan sich das Zitat aus dem Chunqiu zhengci befindet, könnte dem Leser erhebliche Mühen ersparen: Angesichts des sperrigen Umfangs dieser Kompilation wäre es schon eine Erleichterung, mitgeteilt zu bekommen, in welchem Abschnitt zwischen juan 375 und juan 385 die angeführte Textstelle steht. Noch besser wäre es aber, eine Reprintausgabe (z.B. die Ausgabe des Shanghai shudian von 1988) anzuführen. Dann könnte dem Leser eine exakte Seitenangabe (bei der hier gesuchten Passage - nach der Shanghaier Ausgabe - eine Stelle in Bd. 2, zwischen S. 781 und 821) als Zitatbeleg genannt werden. Solche Präzisierungen wären auch an anderen Stellen möglich. Aus den genannten Gründen und wegen der Tatsache, daß Elman hauptsächlich rare Quellen aus Archiven zitiert, ist die Qualität seiner Übersetzungen schwierig zu würdigen. An vielen Stellen lassen aber in Klammern nachgestellte Transkriptionen problematischer Termini ein kreatives Übersetzen erahnen; so etwa, wenn er xiaoxue mit "classical philology" (S. 82), xiang und xing mit "unchanging images" und "concrete forms" (S. 142), xin mit "mind-set" (S. 180) oder mingwu mit "names and their referents" (S. 141 und 181) überträgt.
Bei einer veränderten Neuauflage könnten neben Quellenangaben auch Arbeiten der verwendeten Sekundärliteratur nachgetragen werden. Das auffälligste Desiderat der Literaturliste - auch in den Anmerkungen fehlt ein Verweis darauf - ist eine Dissertation, bei der es um ein ähnliches Thema geht und die der Verfasser selbst begutachtet hat: Chow, Kai-wing, Ritual and ethics: classical scholarship and lineage institutions in late imperial China, 1600-1830. (Davis, Calif., Univ., Ph.D., 1988. Offensichtlich stand das etwa zeitgleich abgeschlossene Manuskript von Classicism, politics, and kinship K.W. Chow zur Verfügung, vgl. Chows Dissertation, Anm. 64, S. 50).
Diese Anregungen schmälern aber die Vorzüge dieser Studie nicht im geringsten. Elman ist es gelungen, mit seinem neuen Werk an Forschungsergebnisse anzuknüpfen, die er in zahlreichen Aufsätzen seit Publikation seines letzten Buches (From philosophy to philology, 1984) dokumentiert hat. Dabei beweist sich sein Ansatz, Strömungen der traditionellen Gelehrsamkeit durch die Untersuchung ihrer Geschichte und Entwicklung anhand der Betrachtung sozialer Rahmenbedingungen zu beschreiben, erneut als eine erfolgversprechende Vorgehensweise. Offensichtlich hat ihm Michelle Foucaults Denkfigur des 'discours' viele Impulse gegeben. Foucaults These, die Art und Weise, in der eine soziale Gruppe ihre Aussagen und Ansichten über die Welt organisiert, lege nicht nur den Gegenstandsbereich ihrer Aussagen, sondern auch alle formulierbaren Erkenntnisse dieses Bereiches fest, ist auch bei der Erklärung des Neutext-Konfuzianismus von Vorteil. Im Gegensatz zu seinem neuen Buch, führte Elman in seiner vorangegangenen Publikation noch die englische Übersetzung von Foucaults L'archéologie du savoir als Quelle der Anregung an. Foucaults Motiv des 'discours' im Sinne einer auf Konventionen beruhenden Praxis, die ein zusammenhängendes System von Aussagen und Argumentationsformen etabliert, kommt jedoch auch in Classicism, politics, and kinship an vielen Stellen zum Vorschein. Die Untersuchung der Familienstruktur der Zhuang- und Liu-Sippe verdeutlicht ausgezeichnet das Zusammenspiel von klassischer Gelehrsamkeit, Verwandtschaftsbeziehungen und konfuzianischer Staatspolitik bei der Herausbildung eines eigenen 'discours' der Changzhou-Schule des Neutext-Konfuzianismus. Dabei werden Zusammenhänge entdeckt, die es ermöglichen, die Ursprünge und Motive besser zu verstehen, die zur Renaissance dieser Variante der Interpretation kanonischer Werke geführt haben.
Mit dieser Studie wurde eine Vorarbeit geleistet, die inhaltliche Analysen jener Schriften, deren Autoren miteinander verwandt waren, wesentlich erleichtert. Die mühsame Erforschung des familiären Aspektes von Lehrtraditionen hat einer Neubewertung von ideengeschichtlichen Verbindungen einzelner Schulrichtungen den Weg geebnet. Es ist zu hoffen, daß künftige Arbeiten die Chance nutzen, die Elmans penible Ahnenforschung bietet. Denn die zwingende Schlußfolgerung, die sich aus sämtlichen genealogischen Spurensicherungen ergibt, ist, daß nun die Texte selbst in den Mittelpunkt gerückt werden sollten. Dabei wären systematische Gegenüberstellungen von Klassiker-Kommentaren verschiedener Generationen einer Familie ebenso wünschenswert wie genaue Untersuchungen, die klären helfen, in welcher politischen Situation welche Klassiker-Kommentare auf welche Art und Weise zur Formulierung politischer Interessen gedient haben.
Wie auch immer Benjamin A. Elmans Ansatz weitergeführt wird, eines steht fest: Durch dieses Buch können Kontroversen um die Kontrolle der Klassiker-Exegese zum Ende der Qing-Dynastie wesentlich differenzierter als bisher beurteilt werden.
Christoph Körbs, Hamburg
Latest update: 2005-08-18 Impressum