Oriens Extremus
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Dieter KUHN: Status und Ritus. Das China der Aristokraten von den Anfängen bis zum 10. Jahrhundert nach Christus. Heidelberg: edition forum 1991. 753 S., 28 Karten, 53 Abb. (Würzburger Sinologische Schriften) DM 128.

Das Buch hält mehr als es verspricht. Es behandelt nicht nur die chinesische Oberschicht, die sich und ihre soziale Umwelt "von den Anfängen bis ins 10. Jahrhundert nach Christus" in der Tat durch Status und Ritus definierte. Neben Kaisern und Kaiserinnen, Aristokraten, Generälen, Usurpatoren, Beamten, Gelehrten, Dichtern und Kaufleuten dreht es sich auch um Bauern, Handwerker, Mönche, Einsiedler und Sklaven. Das Buch ist vielmehr, um es mit den einleitenden Worten des Autors zu sagen, "ein Entwurf für eine Geschichte Chinas, in dem die politischen Ereignisse, die gesellschaftlichen Veränderungen, die wirtschaftliche Entwicklung und die geistesgeschichtlichen Strömungen im Rahmen ihrer für das Gesamtverständnis der Geschichte Chinas bedeutungsvollen Wechselwirkung ... dargestellt werden" (S. 15). Ein anspruchsvolles Unterfangen - und es gelingt! Die Abhandlung eines so langen Zeitraumes von zwei Jahrtausenden - in der längst mit Detailfragen befaßten Sinologie immer äußerst kritisch beäugt - hat den Vorteil, daß durch den Epochenvergleich strukturgeschichtliche Einschnitte markant hervortreten, d.h. zugleich die Besonderheit der jeweiligen Epoche besonders augenfällig wird. Außerdem entpuppen sich im Überblick langsame und zunächst unauffällige Wandlungen unter Umständen als gesamtgeschichtlich relevante und tiefgreifende Veränderung.

Der dem Buch zugrundegelegte Ansatz bedingt verschiedene Perspektiven, die dem Werk eine gewisse Mehrdimensionalität verleihen: Indem Kuhn immer wieder zentrale bzw. strittige Fragen der Sinologie anschneidet und mehrere Interpretationen diskutiert, ist das Buch zugleich eine kleine Einführung in die Geschichte der mit China befaßten Wissenschaften. Darüber hinaus hält es sich durchaus nicht bloß in längst vergangenen Zeiten auf, sondern stellt immer wieder den Bezug zur Gegenwart her, sei es z.B. über politisch hochaktuelle Geschichtsbetrachtungen in der Volksrepublik oder auch über die sensationelle Entdeckungsgeschichte der mit China befaßten Archäologie.

Ein weiteres Charakteristikum des von Kuhn gewählten Ansatzes ist die - innerhalb der Sinologie durchaus noch nicht überall selbstverständliche - Absage an eine Darstellung von Geschichte "wie sie wirklich war": So gilt grundsätzlich, was S. 437 auf eine bestimmte Epoche gemünzt ist: "Deswegen verwirrt uns die Geschichte jener Epoche und läßt in unserem Kopf ein Chaos zurück, das wir in unserem Streben nach Verständnis, Wissen und Erkenntnis zu strukturieren versuchen und in eine Ordnung überführen wollen, die aber ebenfalls eine Fiktion bleiben muß, da die geschichtliche Vergangenheit so wenig reproduzierbar ist wie die Zeit."

Nun ist Kuhns Buch nicht die erste durchgängige (ich hoffe auf den Fortsetzungsband) Geschichtsdarstellung zu China. Auch weniger umfangreiche und deshalb handlichere Klassiker, wie Das Chinesische Kaiserreich (Frankfurt: Fischer 1968) von Herbert Franke und Rolf Trauzettel oder Jacques Gernet, Die Chinesische Welt (Frankfurt: Insel 1979) dürften zweifellos den Studenten der Sinologie wie auch dem allgemein interessierten Leser nach wie vor hervorragende Dienste leisten; sie werden von Kuhn übrigens auch ausgiebig gewürdigt und zitiert. Doch das hier zur Debatte stehende Buch hat neben dem Vorzug der Aktualität den Vorteil, daß es aus einer Geschichtsvorlesung heraus entstanden ist. Letzteres schlägt sich nicht nur auf die umgangssprachliche, zuweilen ironisch-distanzierte und immer wieder amüsant-witzige Darstellungsweise nieder. Die Herausnahme der chinesischen Zeichen aus dem Text macht das Lesen flüssiger, bietet aber zugleich neben dem - dem Kenner stets willkommenen - chinesischen Glossar so nebenbei für Anfänger einen Einstieg "am Rande" (im wahrsten Sinne des Wortes) in markante Sätze und Ausdrücke des sogenannten Klassischen Chinesisch. Die in Fußnoten und in der 77 Seiten umfassenden Bibliographie (sowohl nach Sachgebieten wie nach Dynastien gegliedert) zitierte Literatur erlaubt darüber hinaus eine rasche Orientierung in Quellen- und Sekundärmaterial. Die Nützlichkeit des 58 Seiten starken Namens- und Sachregisters versteht sich von selbst.

Noch ein Wort zum Vorteil der Aktualität. Kuhns besonderer Zugang zur Geschichte Chinas, belegt durch das Studium der Kunstgeschichte Ostasiens sowie durch einige beeindruckende Werke zur Kunstgeschichte bzw. Geschichte des (Kunst-)Handwerks, prädestiniert ihn geradezu, zwei bislang in der Sinologie überhaupt sträflich vernachlässigte Bereiche in die Betrachtung mit einzubeziehen: erstens die Geschichte der Entdeckungen und Erfindungen wissenschaftlicher und technischer Art, von denen die chinesische Kultur bekanntlich einige bemerkenswerte aufzuweisen hat. Entsprechende Erläuterungen und Erklärungen (z.B. auch warum sie lange vor analogen Entdeckungen in Europa stattfanden) überzeugen, weil sie aus wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Überlegungen heraus angestellt werden und nicht irgendwo im luftleeren Raum historischer Zufälle oder gar eines abstrakten chinesischen Erfindungsgeistes angesiedelt sind.

Zweitens - und damit setzt die historische Erzählung ein - findet sich in Kuhns Buch die m.W. überhaupt erste Gesamtübersicht der archäologischen Entdeckungen der letzten 40 Jahre, die unsere Kenntnisse von der Vor- und Frühgeschichte Chinas entscheidend korrigiert und immens erweitert haben. Der grundsätzliche Wert dieser archäologischen Bilanz hilft dann auch über die manchmal etwas detailverliebten Ausführungen hinweg, die übrigens nur an dieser Stelle strapazieren - in einem ansonsten sehr lesefreundlichen, ja spannenden Buch.

Auf die Vor- und Frühgeschichte beziehen sich auch die beiden kritischen Anmerkungen, die ich zu dem Buch zu äußern hätte: Erstens scheint mir die - nicht nur in Kuhns Ausführungen übliche - Gleichsetzung von neolithischen Kulturen mit der Xia-"Dynastie" (S. 94ff.) fragwürdig zu sein, denn sie vermengt archäologische Befunde mit einem Konstrukt der traditionellen chinesischen Historiographie. Die Xia-"Dynastie", wie sie uns in den frühen schriftlichen Quellen geschildert wird, projiziert später entwickelte Verhältnisse auf eine Frühzeit, die es nicht annähernd so gegeben haben kann und die sich auch nicht annähernd so aus archäologischen Befunden herauskristallisieren läßt. Vielleicht wäre es beim jetzigen Stand der Forschung wissenschaftlich sauberer, neolithische Kulturen aus sich heraus zu charakterisieren bzw. zu benennen und die sogenannte Xia-Dynastie in der Welt der Legende zu belassen.

Zweitens scheint auch Kuhn dem Mythos vom Matriarchat als einer Epoche in der Menschheitsgeschichte und damit auch in China aufzusitzen (S. 102-103). Der Verweis auf das Zeichenelement "Frau" in dem Schriftzeichen für "Familienname" in diesem Zusammenhang ist von Vandermeersch schon ad absurdum geführt worden. Daß ein chinesischer Text aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert sozusagen Morgansche oder Bachofensche Argumentationen vorwegzunehmen scheint, spricht weder für Bachofen noch für das "Matriarchat" als allgemeinmenschliches Durchgangsstadium, auf das überall das Patriarchat gefolgt wäre. Dies alles schließt nicht aus, daß es auch in China, insbesondere im Süden und Südwesten, matrilinear organisierte Populationen gab, deren Reflexe wir in vielen Kulturmerkmalen, Mythen und Legenden, aber auch in den Schriften von Angehörigen einer gegensätzlich strukturierten Gesellschaft wie der chinesischen vielfach ausmachen können.

Nun bleibt nicht einmal mehr Raum, den Inhalt des Buches systematisch vorzustellen. Nur soviel: Daß es sich, bedingt durch das Interesse an der Ereignisgeschichte, nach der Abhandlung von Vor- und Frühgeschichte an das traditionelle Dynastienschema hält, schließt nicht die grundsätzlich strukturgeschichtliche Herangehensweise aus. Im Gegenteil, umso deutlicher treten die eigentlichen sozialgeschichtlichen Einschnitte zutage.

Da Kuhn seine Studenten nicht im 10. Jahrhundert im Stich lassen kann, wird möglicherweise die o.a. Fortsetzung folgen. Darauf freue ich mich!

Gudula Linck, Kiel



Latest update: 2005-08-18  Impressum

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