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Universität - Seminar für Sprache und Kultur Japans - NOAG

Jürgen OSTERHAMMEL: China und die Weltgesellschaft. Vom 18. Jahrhundert bis in unsere Zeit. München: C.H. Beck 1989. xvi, 607 S., 2 Karten, 7 Tabellen.

Dieses Buch wird nicht nur China-Experten, sondern jeden interessieren, der sich einmal die Frage stellte: Wie kommt es zu Armut und Rückständigkeit in einem Land, dem die Menschheit zahlreiche Erfindungen verdankt, das im 13. Jahrhundert die fortgeschrittenste Zivilisation der Welt darstellte und noch im 18. Jahrhundert für die europäischen Aufklärer Inbegriff einer vorbildlichen Gesellschafts- und Staatsordnung war. Osterhammel zeigt die eine Seite der Entwicklung, nämlich Fakten und Strukturen, die nicht den innerchinesischen Prozeß charakterisieren, sondern die gewaltsam verlaufene Einbindung Chinas in die Weltgesellschaft. Dabei verfährt er zweigleisig: "Die beiden 'Geschichten', die machtpolitische und wirtschaftliche, können ... unabhängig voneinander erzählt werden, bedürfen aber immer wieder der polyphonen Engführung". Daneben dient ihm "der geschmeidige Wechsel zwischen 'sinozentrischer' und 'eurozentrischer' Perspektive als Darstellungsprinzip" (S. 16).

Das Buch gliedert sich in fünf Teile. Auf ein Vorwort folgt die Einleitung (S. 1-20), die Grundsätzliches zur Stellung Chinas in der Welt enthält: Hier geht es z.B. um das Verhältnis von Kontinuität und Wandel der chinesischen Zivilisation oder um die Frage, ob sich China im Verhältnis zu seiner Umwelt stets in Zyklen von Abschottung und Öffnung bewegte. Der erste Teil "Annäherungen" (S. 23-40) befaßt sich zunächst mit den Augenzeugenberichten der europäischen Missionare und Gesandtschaften vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, wobei die Etappen der europäischen China-Wahrnehmung deutlich werden. Der folgende Abschnitt dreht sich ausschließlich um bevölkerungspolitische und wirtschaftliche Besonderheiten während derselben Epoche. Fazit: "Die Kluft zwischen dem Westen und den übrigen Erdteilen hat sich erst spät aufgetan ... " (S. 40), und die geläufigen Gleichsetzungen östlich = unterentwickelt = statisch = traditional und westlich = entwickelt = dynamisch = modern gelten vor dem 19. Jahrhundert nur mit erheblichen Einschränkungen, wenn überhaupt.

Der zweite Teil "Die Spätblüte des alten China: Das Qing-Reich im 18. Jahrhundert" (S. 41-124) setzt sich aus 7 Kapiteln zusammen. Hier erscheint China noch auf dem Höhepunkt seiner Machtentfaltung und größten territorialen Ausdehnung, in seinen wirtschaftlichen und politischen Grundlagen. Hier zeichnen sich aber auch bereits die Spannungen ab zwischen dem traditionell-chinesischen Selbstverständnis als Mittelpunkt und Spitze der Welt auf der einen und den Interessen des europäischen Asienhandels.

Der dritte Teil "Das 19. Jahrhundert. China im Zeichen des Freihandelsimperialismus" (S. 125-201) führt uns in die Epoche, in der chinesischer Niedergang und koloniale Expansion des Westens nach Ostasien, insbesondere Großbritanniens, zusammenfallen. Osterhammel hat recht, wenn er Opiumkrise und Opiumkrieg in den 30er und 40er Jahren bereits als Folge einer Einbindung des Reiches der Mitte in die Weltwirtschaft betrachtet und nicht als den Nullpunkt der Öffnung Chinas. Dennoch bewirkte der Opiumkrieg eine entscheidende Wende und scheint mir nach wie vor den Beginn der Neuen Geschichte Chinas zu markieren: Im Rahmen des vorangegangenen Kanton-Systems hatte China nämlich noch souverän seine Handels- und Kontaktbedingungen diktieren können. Die Ungleichen Verträge jedoch, die dem Friedensvertrag von Nanjing 1842 und allen weiteren - oft aus nichtigem Anlaß seitens der Westmächte provozierten - militärischen Aktionen bis 1860 folgen sollten, erlegten China eine Reihe gravierender Souveränitätsbeschränkungen auf: "Die weltweite Hegemonie der Freihandelsmacht Großbritannien ohne ernsthafte Interessengegensätze zwischen den Großmächten im chinesischen Kernland ermöglichte nach 1860 eine Politik der 'Open Door' (der 'Offenen Tür'): der einvernehmlichen und gleichberechtigten politischen Kontrolle und wirtschaftlichen Durchdringung Chinas" (S. 153). Daß China in den 60er bis 80er Jahren aus verschiedenen Gründen eine Atempause vergönnt war, verhinderte jedoch nicht die Entwicklung zu einem "fremdgesteuerten Ergänzungsraum des metropolitanen Kapitalismus" (S. 201). Damit wurden auch die Grenzen des Chinamarktes offenkundig: "Nach der erfolgreichen politischen Öffnung hatte man sich die wirtschaftliche Erschließung des angeblich größten Kaufkraftreservoirs der Welt anders vorgestellt." (S. 200)

Der vierte Teil bezieht sich auf "Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts: China zwischen Unterwerfung und Widerstand" (S. 202-342). Charakteristisch für diese Epoche der Demütigung und Unterwerfung Chinas war der berüchtigte Satz am Eingang des Huangpu-Parkes in Shanghai: "No Chinese or Dogs" (S. 245). Dieser vierte Teil schildert dann auch die Umstellung des Warenexports auf die Bedürfnisse des europäischen (bzw. des amerikanischen sowie des japanischen) Kapitalexports. Das dazu passende Ereignis war die Niederlage Chinas im Chinesisch-Japanischen Krieg bzw. der Friedensvertrag von Shimonoseki 1895. Nunmehr begann der Wettlauf um Konzessionen für Fabriken, Werften, Eisenbahnen und um Einflußsphären, denn China war unkolonisierbar. Dieser umfangreichste Teil des Buches schildert die komplexen Vorgänge des Boxeraufstandes des Jahres 1900, die astronomischen Sühneforderungen nach dem Sieg der alliierten Armee und die Geschäfte der internationalen Hochfinanz; beschreibt die Anfänge des chinesischen Nationalismus, die Aktivitäten und Persönlichkeit Sun Yatsens, die Ausrufung der Republik 1911/12, die nur "ein Sturm im Wasserglas war". Es folgt eine Analyse der Vierten-Mai-Bewegung 1919, mit der die Chinesen ihre Moderne Geschichte beginnen lassen. Die Darstellung der Kommunistischen Revolution in den 20er und 30er Jahren bewegt sich dann zwischen der Konferenz von Washington 1923 und der Zersplitterung Chinas in Einflußsphären von Kriegsherren; zwischen dem aggressiven japanischen Imperialismus und der Errichtung ihres Marionettenregimes in der Mandschurei 1931/32; zwischen der Kuomintang unter Chiang Kaishek und der Kommunistischen Partei, bis zum Sieg der KP 1949. Während dieser verwirrenden Zeiten war es den westlichen Firmen, insbesondere amerikanischen, sehr wohl gelungen, neue Formen der wirtschaftlichen Durchdringung Chinas zu entwickeln: "Viele Bauern wissen nicht, wer Sun Yatsen war, aber nur wenige kennen die Zigaretten der British-American-Tobacco-Corporation nicht" (S. 255). Dieser Satz aus einer chinesischen Tageszeitung des Jahres 1934 illustriert den tiefen Vorstoß der Fremdmächte in die einheimische chinesische Wirtschaft.

Die von Osterhammel so kenntnisreich geschilderte Entwicklung der Einbindung Chinas in Weltgesellschaft und Weltwirtschaft wird von Historikern östlicher wie westlicher Herkunft im allgemeinen unter drei Deutungsperspektiven gesehen, die durch die folgenden Stichpunkte gekennzeichnet sind: 1. Marginalität, d.h. die Behauptung, die Intervention der Fremdmächte blieb bloß marginal; 2. Modernisierung, d.h. sie leitete immerhin die Modernisierung Chinas ein; 3. Abhängigkeit, d.h. in China, wie überall in der Dritten Welt, führte die Entwicklung zur Unterentwicklung. Aufgrund von Osterhammels Analysen haben alle Deutungen etwas für sich, ihr jeweiliger Ausschlag läßt sich nur konkret und differenziert bestimmen.

Der fünfte Teil des Buches ist als "Ausblick" (S. 343-405) gedacht. Vor Schluß und Zusammenfassung in Form von "Einigen Leitmotiven" stehen hier die Anfänge der Volkskrepublik, Korea-Krieg und Kalter Krieg, Chinas Verhältnis zur Dritten Welt und vor allem die chinesisch-russischen Beziehungen im Mittelpunkt. Die neue Öffnung Chinas seit dem Ende der 70er Jahre interpretiert Osterhammel als den chinesischen Versuch, "Unabhängigkeit ohne Isolation" (S. 389) zu erreichen: "Die Volksrepublik fügt sich in eine Weltgesellschaft ein, von der sie sich teils zurückgestoßen sah, teils aus eigenem Antrieb absonderte. Diese Integration ist nicht einfach ein freudiger Empfang des verloren Sohnes in der 'Familie der Völker'. Sie ist ein widersprüchlicher, ein risikoreicher Prozeß." (S. 389)

Bei über 2000 Anmerkungen und einem 15 Seiten umfassenden Literaturverzeichnis, das nur die abgekürzt zitierte Literatur enthält, liegt auf der Hand, welche Mengen von Material Osterhammel ausgewertet hat. Dabei handelt es sich vor allem um westlichsprachige Literatur, da das Buch nicht als eine sinologische Studie konzipiert ist, sondern als Beitrag zu dem "belebenden Gespräch zwischen 'allgemeiner' Geschichtswissenschaft und den orientalistischen Fächern" (S. XV-XVI). Osterhammel gelingt es, auf jener Gratwanderung zwischen der Fülle der historischen Details auf der einen und sozialwissenschaftlichen Erklärungsmodellen auf der anderen Seite, bis auf wenige Strecken und gelegentliche Wiederholungen, die Spannung des Lesers aufrechtzuerhalten und bei aller Distanz Partei zu ergreifen in dieser "Geschichte, der internationalen Politik der letzten zwei Jahrhunderte", die uns - im Westen wie im Osten - noch immer an den Fersen klebt.

Bei aller Hochachtung für die Breite des Materials, der Erklärungsansätze und der Stringenz der Ausführungen auf 600 Seiten, bei aller Begeisterung für die Demontage zahlreicher China-Mythen, seien zum Schluß noch zwei kritische Anmerkungen erlaubt:

1. Auf S. 105 sollte es nicht heißen: "Zur Zeit der holländischen Invasion konnte von einer tatsächlichen Kontrolle Taiwans durch die Ming-Dynastie nicht mehr (Hervorhebung: G.L.) die Rede sein", denn die Ming-Dynastie (1368-1644) hatte Taiwan nie kontrolliert. Selbst die nachfolgende Mandschu-Dynastie (1644-1911/12) hatte stets nur zögerlich im Gefolge der chinesischen Aussiedler eine Verwaltung aufgebaut; erst die Aggression der Westmächte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bewegte die Regierung in Peking dazu, Taiwan zu einem festen Bestandtteil des chinesischen Reiches zu machen. (Analog handelt es sich S. 107 nicht um eine "Wiederherstellung einer starken Staatsmacht".) Noch eine Anmerkung zu Taiwan: Die kompakte Insel Taiwan war m.E. nicht leichter zu kontrollieren als der Nordosten. (S. 282) Wie erklärt sich sonst der fünf Jahre anhaltende Widerstandskampf der Taiwanesen gegen die japanischen Besatzer nach 1895 und vor allem der noch hartnäckigere Guerillakampf der nichtchinesischen Bergstämme Taiwans, die erst in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts "befriedet" wurden?

2. Auch das von Osterhammel zitierte Mißverhältnis zwischen den zahlreichen Forschungen über die christliche Missionstätigkeit einerseits und der "relativ geringen tatsächlichen Bedeutung christlicher Einflüsse in China" (S. 14) scheint nicht ganz zutreffend zu sein, wenn man sich der Einschätzung des amerikanischen Sinologen John Fairbank anschließen kann: "In den Beziehungen zwischen China und dem Westen im 19. Jahrhundert sind die protestantischen Missionare noch heute die am wenigsten untersuchten und gleichwohl wichtigsten Akteure vor Ort ... Sie waren es, die am tiefsten in das chinesische Leben eindrangen, und unter allen ausländischen Invasoren waren sie es, die am meisten mit der örtlichen Szene zu tun hatten."[1] Auch ist nicht bloß zwischen protestantischer und katholischer Missionstätigkeit zu unterscheiden: Die protestantische Erweckungsbewegung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfolgte durchaus andere Ziele (sie kritisierte z.B. heftig den Opiumhandel) und bediente sich anderer Methoden als die neue Generation von Missionaren, die seit der Mitte der 40er Jahre ins Land gekommen war.

Gudula Linck, Kiel


Fußnoten

[1] J.K. Fairbank, "Introduction: The Place of Protestant Writings in China's Cultural History", in: S. Wilson Barnett/J.K. Fairbank (Hg.), Christianity in China. Early Protestant Missionary Writings. Cambridge 1985, S. 2.


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