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Sabine WERNER: Die Belagerung von K'ai-feng im Winter 1126/27. Nach Kapitel 64-69 des SAN-CH'AO PEI MENG HUI PIEN, kompiliert von Hsü Meng-hsin.
Stuttgart: Franz Steiner. 1992. 201 S., 3 Karten. DM (Münchener Ostasiatische Studien, Bd. 61.)

Das Buch setzt sich aus einer Übersetzung der im Titel genannten Kapitel (S. 71-161) und einer Auswertung (S. 1-66) der gesamten Schrift des Hsü Meng-hsin zusammen. Die Bibliographie (S. 164-168), ein Ortsnamenverzeichnis, einschließlich der ürtlichkeiten von K'ai-feng (S. 169-174), ein ausführliches und annotiertes Register der im Buch vorkommenden Personen (S. 175-192) und ein Zeichenglossar (S. 193-196) runden die Arbeit ab.

Wie im Titel schon angedeutet, geht es um das Thema der Nordverträge (pei-meng) unter den drei Herrschern (san-ch'ao) Hui-tsung (1101), Chin-tsung (1126) und Kao-tsung (1127), im besonderen aber um die politischen und militärischen Ereignisse unmittelbar bevor die Hauptstadt der Nördlichen Sung-Dynastie den Jurchen bzw. der bereits etablierten Chin-Dynastie in die Hände fiel, also um den schmalen Zeitraum zwischen dem 4. Dez. 1126 und dem 9. Jan. 1127. Absicht des chinesischen Autors Hsü Meng-hsin, der genau in dem Jahr, als die Katastrophe ihren Lauf nahm, geboren wurde und 1207 starb, war es, deren Ursachen zu ergründen. So stellte er das gesamte vorhandene Material aus privater und offizieller Hand zusammen, nicht nur, um es vor dem Verschwinden zu bewahren, sondern auch aus dem Wunsch heraus, nachfolgende Sung-Herrscher könnten daraus Lehren ziehen - denn das Kaiserreich war zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Manuskriptes im Jahre 1196 immer noch geteilt.

Ausdrücklich bemerkt Hsü, daß seine disparate Materialsammlung aus insgesamt 138 verschiedenen Schriftstücken ganz stark von den Aufzeichnungen zweier offizieller Historiographen der Sung-Zeit zehrt: erstens von Li T'ao (1115-1184), dessen Hsü tzu-chih t'ung-chien ch'ang-pien 1174 dem Kaiser präsentiert worden war; und zweitens von Hung Mai (1123-1202), der die von Li T'ao begonnene "Reichsgeschichte" (Guo-shi) vollendete. Auch Li T'aos Szu hsi lu wird von Hsü ausführlich zitiert.

Da Textstellen aus den genannten Werken nicht unbedingt ausdrücklich als solche ausgewiesen sind, geht die Autorin im ersten Kapitel ihres Kommentars "Einführung in das Werk Hsü Meng-hsins" (S. 1-15) textanalytisch vor, um zugleich mit einer sorgfältigen Inhaltsangabe der übersetzten Kapitel diese Zitate herauszuarbeiten. Dies erscheint umso sinnvoller, als eine Bemerkung Hsüs im Vorwort bisher offenbar dahingehend - und damit falsch - interpretiert wurde, daß "die genannten Herren (Li und Hung) nicht noch einmal zitiert würden" (S. 1).

Im zweiten Kapitel "Beistandspakt zwischen Sung und Chin und erste Konflikte 1123-1125" (S. 16-19) steht das Dreiecksverhältnis zwischen den Khitan-Liao, den Chin und den Sung im Mittelpunkt der Betrachtung. Leichtfertig setzten die Sung den Friedensvertrag mit den Khitan-Liao aufs Spiel, weil sie sich von dem Bündnis mit den Chin eine Wiedereroberung der verlorenen Gebiete, insbesondere von Yen, der Südprovinz des Liao-Reiches, erhofften.

"Die innenpolitische Entwicklung im Sung-Reich 1125-1126 angesichts der außenpolitischen Bedrohung", die im dritten Kapitel (S. 20-33) nachgezeichnet ist, kreisen um die Erkenntnis, daß China von seiten der Jurchen-Chin eine Schande bevorstehen könnte, die den im Jahre 1005 mit den Liao vereinbarten Frieden von Shan-yüan noch übertreffen würde. Indem Hui-tsung abdankte - nicht bevor er die üffentlichkeit zur offenen Kritik (chih-yen) aufgefordert hatte - und in der Folge verschiedene hohe Beamte aus dem Staatsrat ausgetauscht wurden, allen voran der verhaßte Minister Ts'ai Ching (1046-1126), versuchte der Sung-Hof, die Bedrohung abzuwenden.

Das vierte Kapitel "Entscheidungen zwischen Krieg und Frieden am Sung-Hof" (S. 34-36) zeigt die Zögerlichkeit der Verantwortlichen, die sich in grundsätzlichen Debatten verloren, wo konkrete Aktionen wie die Verlegung der Hauptstadt oder Verhandlungen bzw. militärische Vorkehrungen möglicherweise zu einer besseren Position geführt hätten.

Das fünfte Kapitel "Reguläre und außerordentliche Vorkehrungen für den Verteidigungsfall in den Gebieten nördlich des Huang-ho" (S. 37-47) bietet wertvolle Einblicke in die vielfältigen Probleme der Zivil- und Militärverwaltung, die den Entwicklungen offenbar nicht gewachsen war. Eine kampfuntaugliche Kavallerie und eine disziplinlose Armee, verbunden mit Unklarheit in Strategie und Taktik, konnten dann auch nicht verhindern, daß im Herbst 1126 die Städte im Norden, allen voran T'ai-yüan, fielen und die Chin-Truppen auf die Hauptstadt zumarschierten.

Im sechsten Kapitel "Die Einschätzung des Gegners bei den Sung" (S. 49-52) wird deutlich, wie sehr sich der Sung-Hof in der Einschätzung des anfänglichen Bündnispartners und späteren Gegners verkalkuliert hatte. Insbesondere rechnete man nicht mit der Entschlossenheit der Chin, den Gelben Fluss zur Grenze zu machen. Dahinter stand nicht zuletzt die Verachtung der Chinesen den "Barbaren" gegenüber, die ihnen militärisch und diplomatisch nicht nur gewachsen, sondern sehr wohl überlegen waren.

Das siebte Kapitel "Mobilmachung" (S. 53-56) schildert die militärischen Vorkehrungen in den Jahren 1125-26, die wieder äußerst halbherzig in Angriff genommen wurden: Selbst nachdem Ende Januar 1126 die Belagerung der Hauptstadt begonnen hatte, wurde dreimal innerhalb eines Jahres die Mobilmachung angeordnet und wieder zurückgenommen.

Das letzte und achte Kapitel "Die Verteidigung der Hauptstadt" (S. 57-68) veranschaulicht die Vorgänge im belagerten K'ai-feng, die allgemeine Fluchtbewegung, die Not der Bevölkerung, die Hoffnung auf Heilserwartung und Magie, militärtechnische Einzelheiten und Pannen bei der Verteidigung, Ausschreitungen und Rebellionen, aber auch Aufopferungsbereitschaft und Heldenmut und nicht zuletzt die verzweifelten Versuche des Kaisers Chin-tsung, durch persönliche Anwesenheit auf der Stadtmauer und populistisches Verhalten Mut und Ausdauer der Soldaten anzuspornen. Am 9. Januar 1127 erfolgte die Kapitulation.

Als Münchener Dissertation, zumal von Herbert Franke angeregt und betreut, ist das Buch ein weiterer Beitrag zu den politisch-militärischen Beziehungen Chinas mit seinen nördlichen Nachbarn zu einem Zeitpunkt, als seine Überlegenheit in höchstem Maße infrage gestellt war. Das Werk des Hsü wurde zuvor schon von Dagmar Thiele (Der Abschluß eines Vertrages: Diplomatie zwischen Sung und Chin 1117-1123, München 1971) und von Herbert Franke selbst (Übersetzung der in Kap. 3 enthaltenen Monographie über die Jurchen, in Zentralasiatische Studien 9, 1975) ausgewertet. Nunmehr liegen neben den aufschlußreichen Erläuterungen der Autorin auch die Kapitel 64 bis 69 in Übersetzung vor.

Die unvoreingenommene Lektüre der übersetzten Teile läßt erkennen, daß die Materialsammlung des Hsü für die Sozialgeschichte der Sung-Zeit im weitesten Sinne des Wortes wertvolle Informationen enthält: angefangen von jahreszeitlichen Sitten und Festen über Korruption und institutionalisierter öffentlicher Kritik daran bis hin zu der für die Sung-Gesellschaft so charakteristischen Mischung aus Aufklärung und dem von der Elite als Kinderspiel und Blendwerk belächelten Aberglauben. Der alte Antagonismus zwischen Eunuchen und Beamten wird ebenso sichtbar wie die Wahrnehmung der Fremden. Redensarten, verknüpft mit dem Witz und Humor des Hsü Meng-hsin selbst und Hinweise auf den Ausdruck von Gefühlen beim Kaiser wie bei den einfachen Soldaten entwerfen ein lebendiges Bild von einem Ausschnitt der chinesischen Gesellschaft der Epoche.

Gudula Linck, Kiel



Latest update: 2005-08-18  Impressum

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