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| www.oriens-extremus.de > OE 36 > Rezensionen |
Franz Kuhn ist, neben Richard Wilhelm, der einflußreichste und produktivste deutsche Übersetzer chinesischer Literatur in diesem Jahrhundert. Zwölf Romane und 34 Novellen, zumeist aus der Blütezeit der klassischen Erzählliteratur, der Ming- und Qing-Dynastie, hat er zwischen 1926 und 1961 dem Lesepublikum vorgelegt; die großen Romanwerke des alten China sind auf deutsch bis heute fast ausschließlich in Kuhnschen Übersetzungen erhältlich. Zweitübersetzungen seiner Werke erschienen in nicht weniger als 18 Sprachen.
Dem großen Publikumserfolg Kuhns steht eine durchaus kontroverse Bewertung in Fachkreisen gegenüber. Für ihn haben sich nicht nur fachunkundige Publizisten, sondern auch gestandene Sinologen ausgesprochen; man hat ihn den "gewandteste[n] deutsche[n] Übersetzer chinesischer Erzählliteratur" genannt (E.H. v. Tscharner), ja sogar "einen der fähigsten Übersetzer der Moderne" (J.R. Hightower). Eine andere Gruppe von Rezensenten (J. Prusek, H. Kogelschatz, C.T. Hsia) steht Kuhns Arbeit dagegen eher kritisch gegenüber, da sie mit zahlreichen Fehlern und Verfälschungen belastet sei: ein "warnendes Beispiel für philologisch ungedecktes Variet," (T. Spengler).
Die vorliegende Arbeit Peng Changs möchte die Diskussion um Franz Kuhn auf eine systematische literaturwissenschaftliche Grundlage stellen; sie bietet eine kritische Untersuchung Kuhnscher Übersetzungstechniken mit dem Ziel einer "Typologie der sprachlichen Bewältigung" (S. 168). Die durch Kuhn erfolgte "Modernisierung" und "Europäisierung" alter chinesischer Erzählliteratur betrachtet sie als wesentliche Ursache seines Erfolges.
Die Untersuchung beginnt mit einer kurzen Übersicht über ältere westliche Übersetzungen chinesischer Erzählliteratur und Kuhns eigene Arbeiten. Da fällt zunächst auf, daß Kuhn sich nicht selten auf ausgetretenen Übersetzerpfaden bewegt hat. Alle 17 von ihm übersetzten Novellen des Jingu qiguan beispielsweise lagen bereits früher in deutscher Sprache vor (S. 20), und er scheint sich dieser älteren Texte auch bedient zu haben; jedenfalls weist Kuhns Übersetzung eines Gedichtes aus der 27. Novelle mehr Ähnlichkeiten mit einer älteren deutschen Fassung auf als mit dem Original selbst (S.~134-136). Die Vorlage zu Kuhns Erstlingswerk "Eisherz und Edeljaspis" (1926), das Haoqiuzhuan, war sogar bereits 1766 verdeutscht worden, als erster chinesischer Roman überhaupt.
Der zweite Abschnitt behandelt zwei grundlegende Antinomien des Übersetzens. Jede Übersetzung bewegt sich zwischen den Polen der "Verfremdung" und "Eindeutschung"; jene versucht, strukturelle und stilistische Merkmale des Originaltextes möglichst unbeschadet und bis an die Grenze der Verständlichkeit zu übernehmen, diese folgt eher dem "Geist" als den "Buchstaben" des Originals, um es der Erfahrungswelt des Lesers anzugleichen. In der Praxis wird keines der beiden Extreme zu einem sinnvollen Ergebnis führen, entscheidend und nur im Einzelfall zu klären ist, welchen "Grad der Annäherung" (S. 35) sich der Übersetzer erlaubt.
Die zweite Antinomie betrifft die beabsichtigte Wirkung der Übersetzung auf den Leser: soll sie vorrangig ein leicht konsumierbares "Leseerlebnis" bieten ("dichterisches" Übersetzen), oder dient sie der Wissensvermittlung ("gelehrtes" Übersetzen)? Dieser Gegensatz spielt im Selbstverständnis Franz Kuhns eine entscheidende Rolle. Er hat sich wiederholt für eine "freie Behandlung" der Originaltexte eingesetzt; Auslassungen, Straffungen und Erweiterungen (letztere zur Vermeidung der den Lesefluß hemmenden Kommentare) müßten dem Übersetzer erlaubt sein. Jedoch sei dieser verpflichtet, "den eigentümlichen Charakter des Originals zu wahren und auf keinen Fall Wesentliches zu verwischen" (S. 40).
Wie Kuhn "das Eigentümliche" und "das Wesentliche" eines Textes definiert - ein zentrales Problem seiner Arbeit -, wird in den beiden folgenden Abschnitten deutlich, die sich anhand konkreter Beispiele mit seiner Übersetzungstechnik befassen.
Auslassung, Raffung und Paraphrase sind häufige strukturelle Merkmale Kuhnscher Übersetzungen. In seiner Version des Shuihuzhuan streicht er ganze Kapitelfolgen "aus dem Geist des Originals" (S. 51), von Sanguo yanyi und Ernü yingxiong zhuan übersetzt er jeweils nur den ersten Teil und zerstört damit den für alte chinesische Romane typischen, weiten Spannungsbogen. Die universelle Vision von Aufstieg und Verfall in Hongloumeng reduziert Kuhn auf eine "Haupthandlung", das Dreierverhältnis zwischen Jia Baoyu, Xue Baochai und Lin Daiyu.
Mikrostrukturell sind vor allem die Erzähleingänge (und -schlüsse) sowie lyrische Einschübe von Auslassung betroffen. Völlig zu Recht hat bereits H. Kogelschatz darauf hingewiesen, daß Kuhn seine Texte damit der "Ober- und Untertöne" beraubt; die wichtige Funktion lyrischer Passagen - Charakterisierung, Vorausschau, Verdichtung eines entscheidenden Erzählmomentes - wird mißachtet.
Eine ähnlicher Effekt wird durch die Raffung von Textpassagen erzielt, besonders auffallend in Kuhns Version des Shuihuzhuan, die mit dem 57. Kapitel des Originals abbricht und den ganzen Rest der Erzählung in Form einer stark verkürzten Nacherzählung wiedergibt. Die Kapitel 41 bis 46 des Jinpingmei faßt Kuhn auf einer Seite zusammen. Häufig verzichtet er auf die wörtliche Wiedergabe von Dialogen und lyrischen Passagen und gibt statt dessen ihren Inhalt verkürzt in indirekter Rede wieder; auch dies ist eine Form der Raffung.
Das dritte wichtige Strukturmittel Kuhns ist die Paraphrase. Nur in seinen frühesten Übersetzungen hat er zu Erläuterungen in Form eines philologischen Kommentars gegriffen; später versuchte er stets, diesen in die Erzählung selbst zu integrieren. Dies führt stellenweise zu einer erheblichen Ausweitung des Originals: Die Kuhnschen Figuren sind von "orientalischer" Redseligkeit, denn wo im Original eine kurz hingeworfene Anspielung genügt, setzt man sich bei ihm erst einmal gemütlich zusammen, um die dazugehörige Geschichte zu erzählen.
Auf stilistischem Gebiet ist Kuhns Behandlung des Wortschatzes von besonderer Bedeutung. Im Zweifelsfall wählt er eine wortgetreue, das heißt: exotisierende Übersetzung. So wird aus dem "makellosen Körper" (yuti) ein "Jaspisleib", aus dem "Liebesspiel" (yunyu) stets das "Wolken-und-Regen-Spiel" und so fort.
Was ist nun über die Ursachen und Folgen der Kuhnschen Übersetzungstechnik zu sagen? Peng Chang weist darauf hin, daß die angebliche Reduktion der Originale auf den "wesentlichen" Kern keinem chinesischen Gestaltungsprinzip entspricht, sondern sich vielmehr aus dem "realistischen Programm" der deutschen bürgerlichen Literatur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erklären läßt. Hier findet sich die Forderung nach einem geschlossenen Roman mit gestraffter Haupthandlung und ohne rhetorische Abweichungen, die Kuhn in seinen Übersetzungen zu verwirklichen sucht. Er verdankt seinen Publikumserfolg also zunächst der Modernisierung seiner Vorlagen. Zugleich bedient er durch seine exotisierende Wortwahl die Leseerwartung des westlichen Publikums, ein Vorgang, den Peng Chang als Europäisierung beschreibt.
Als Leitprinzip des Kuhnschen Exotismus könnte man formulieren: Das unbequeme, problematische Fremde seiner Vorlagen wird als "unwesentlich" unterdrückt, das erwartete Fremde dagegen hervorgehoben oder künstlich erzeugt.
Zwei praktische Aspekte der Arbeit Franz Kuhns seien abschließend hervorgehoben, sie werden von Peng Chang nur am Rande erwähnt: Zeitdruck und verlegerische Vorgaben. Zwischen 1926 und 1940 hat Kuhn ziemlich regelmäßig alle zwei Jahre einen chinesischen Roman vorgelegt, darunter mit Jinpingmei ("Kin Ping Meh", 1930), Hongloumeng ("Der Traum der roten Kammer", 1932), Shuihuzhuan ("Die Räuber vom Liang Schan Moor", 1934) und Sanguo yanyi ("Die Drei Reiche", 1940) vier schwergewichtige Hauptwerke der klassischen Erzähltradition. Dieses ungeheure Pensum verlangte nach einer kraftsparenden Arbeitstechnik, und so darf man wohl darauf hinweisen, daß Auslassungen und Paraphrasen nicht nur die Arbeit des Lesers, sondern auch die des Übersetzers wesentlich erleichtern. Da Gedichteinschübe und theoretische Dialoge besonders häufig paraphrasiert werden, liegt der Verdacht nahe, daß Kuhns Kenntnisse des Schriftchinesischen einfach nicht ausreichten, um eine größere Zahl literarischer Anspielungen mit vertretbarem Zeitaufwand zu bewältigen. Darüber hinaus mußte er mit den strikten Umfangsbegrenzungen seiner Verleger leben; abgebrochene oder zum Ende hin waghalsig geraffte Übersetzungstexte sind auch hierdurch zu erklären.
Trotz allem ist Franz Kuhn noch längst kein erledigter Fall. Solange mit Ausnahme des Kibatschen "Djin Ping Meh" keine Romanübersetzung vorliegt, die ihn durch größere Texttreue widerlegt, werden sicher noch einige Generationen von Sinologiestudenten über seine Arbeit die ersten Schritte im weiten Feld der alten chinesischen Erzählliteratur machen. Die Lektüre von Peng Changs nützlicher und erfreulich knapper Untersuchung sollte deshalb nicht den Literaturwissenschaftlern vorbehalten bleiben.
Kai Nieper, Hamburg
Latest update: 2005-08-18 Impressum