Oriens Extremus
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Zwei chinesische Singspiele der Qing-Dynastie (Li Yu und Jiang Shiquan) übersetzt von Alfred FORKE. Mit einer Ergänzung: Ein anonymes Singspiel der Yuan-Zeit in der Fassung von John HEFTER. Bearbeitet und ergänzt von Martin GIMM.
Stuttgart: Franz Steiner Verlag 1993. 508 S. (Sinologica Coloniensia, 16; Übersetzungen chinesischer Dramentexte, 2.)

Martin Gimm hat bereits früher in derselben Reihe einen stattlichen Band nachgelassener Dramenübersetzungen von Alfred Forke (1867-1944) herausgegeben,1 und es ist sehr erfreulich, daß neben der vorliegenden Publikation auch bereits der dritte und abschließende Band der Edition angekündigt wird. Forke galt bei seinen Hörern, zumal in den späteren Jahren, als außerordentlich trocken, er war aber auch höchst kenntnisreich und fleißig, wovon nicht nur seine umfangreichen philosophiehistorischen Arbeiten zeugen, sondern auch seine Nachdichtungen chinesischer Poesie. Seine Briefe aus China2 geben ein sympathisches Bild des jungen Mannes im auswärtigen Dienst und seiner ernsten und erfolgreichen Bemühungen um die Sinologie.

Der Herausgeber leitet den Band mit Informationen über die Übersetzer und Autoren ein, wobei er seine enorme Literaturkenntnis und seinen Spürsinn unter Beweis stellt. Dies zeigt sich besonders an der skurrilen Gestalt von Jonny Hefter (1890-1953), ursprünglich Harfenist im sondershäusischen Hoforchester, der mittels einer bei Arthur Collignon erworbenen chinesischen Grammatik und Privatunterricht beim Lektor Hsüeh Shen vom Orientalischen Seminar sich so vorzüglich in das Chinesische einarbeitete, daß Walter Fuchs ihn als einen der wenigen Ausländer in China nannte, die ganz exzellent Chinesisch konnten. Der Mangel an akademischer Ausbildung, aber auch die Neigung zur Boheme ließen ihn beruflich nicht reüssieren, und so war er meist als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter tätig. So half er dem Architekten Ernst Boerschmann bei seinen Arbeiten, übernahm Werkverträge im Museum für Völkerkunde und unterstand eine Weile Ferdinand Lessing. Seine persönlichen Ansprüche waren denkbar gering und sich in den Vordergrund zu drängen, lag ihm gar nicht. Zwei Zeugnisse - ein gedrucktes von Wolf Schenke und ein unveröffentlichtes des Hobby-Sinologen Möbius - sind als Anhang des Buches gegeben. Das Drama Ting-ting tang-tang P'en-erh kuei ist zwar in neuerer Zeit zweimal übersetzt worden,3 doch ist die (leicht gekürzte) Übersetzung Hefters hier als Erinnerung an den genialen Sonderling abgedruckt.

Das erste Stück der vorliegenden Sammlung stammt von Li Yü (1610-1680), einem vielseitigen Dramatiker und Schriftsteller, der besonders im Gefolge der exzellenten Dissertation von Helmut Martin4 im Ausland Aufmerksamkeit gefunden hat. Das Stück Pi-mu yü ("Die Schollen") ist bislang im Westen im wesentlichen durch eine neuere Arbeit von Eric Henry bekannt geworden5. Gimm weist in einer Note noch auf Li Yüs notorisch "unzüchtiges" (Klaproth) Werk hin, dessen mandjurische Manuskriptübersetzung sich lange in der Berliner Staatsbibliothek befand und nach Kriegsende nach Krakau verlagert wurde. Rezensent hat das Werk in einem Vortrag bei der PIAC 1992 in Taipei vorgestellt.6 Der Autor des zweiten Stückes, Ts'ai-shih chi, ist Chiang Shih-ch'üan (1725-1785), ein Freund Yüan Meis. Es ist etwa 1770 zu datieren.

Gimm verwendet mit Absicht nicht das Wort Drama, sondern, wie z.B. schon Vincenz Hundhausen, das Wort Singspiel, das die in Frage stehenden Stücke wesentlich besser charakterisiert. Zum Abschluß der Einleitung ist eine Liste der chinesischen Rollen gegeben, die allerdings in den Übersetzungen durch die jeweiligen Personen ersetzt sind, was den europäischen Lesern entgegenkommt. Dazu kommen einige Illustrationen, von denen die beiden, die Hefter zeigen, Seltenheitswert besitzen.

Die Bearbeitung darf als behutsam bezeichnet werden. Sie schließt die Umstellung der Umschrift "auf das heute leider üblich gewordene Pinyin-Verfahren der Volksrepublik China" (S. 21) ein. Hier nur zwei Anmerkungen zu Anmerkungen:

Nr 30: Ein weiteres Indiz für Paul Wegeners Ostasieninteresse ist der Katalog, der von Otto Kümmel bearbeitet wurde: Möbel, Orientteppiche, Antiquitäten, Gemälde, Graphik [...]. Sammlung des verstorbenen Schauspielers Paul Wegener. Berlin: Ernst Karl Becker 1950.

Nr 31: Die Richter Di [Ti Jen-chieh] Romane von Robert van Gulik sind hier vielleicht zu nahe in Beziehung zu Richter Pao gebracht, so daß der Leser annehmen könnte, sie hätten etwas miteinander zu tun. Guliks Interesse an chinesischer Kriminalliteratur wurde dagegen durch den Roman Ti kung an angeregt, den er dann 1949 unter dem Titel Dee Gong An in Übersetzung herausgab. Zu Richter Pao wäre als Neuerscheinung nachzutragen: Die Leiche im Strom. Die seltsamen Kriminalfälle des Meisters Bao. Übersetzt [...] v. Wolfgang Bauer. Freiburg, Basel, Wien: Herder 1992.

Den Hauptteil des Buches nehmen die Übersetzungen ein, die gut lesbar sind und in einer angenehmen Typographie mit doppelzeiligem Durchschuß präsentiert werden. Die Prosa ist direkt und unumwunden, z.B. in einer Gerichtsszene (S. 219, aus Pi-mu yü):

Hallo, ihr Hunde habt auch keine Menschenkenntnis. Ihr seht, daß ich gerecht wie der Himmel meines Amtes walte, und doch seid ihr so aufsässig. Es soll euch nicht gelingen, das auf unrechtmäßige Weise erworbene Gut, das ihr bei euch tragt, zu verbergen, und wenn ihr etwas heruntergeschluckt und im Magen habt, dann werde ich euch ein Brechmittel verabreichen lassen, damit ihr alles wieder ausspeit. Diener, untersucht sie sofort!

Die Gesangspartien hat der Übersetzer in Knittelverse (Forke) gebracht, z.B. S. 226:

Wenn Wasser du erhitzest,
Es leicht auf den Leib dir spritzt.

Etwas lyrischer z.B. S. 244:

Wir traten ein in des Todes Tor
Und stiegen zum Ufer des Lebens empor.
Es half uns dabei der heilige Altar
Und der Zauber, der unsere Rettung war.
Die einsamen Seelen wurden gefunden
Und fest zu einem Paare verbunden.

Forkes Verse wurden früher schon gelegentlich belächelt, indes steht außer Frage, daß eine integrale Prosawiedergabe eines Singspiels nur ein Notbehelf sein kann. Da sind Reime, auch wenn nicht immer vollkommen, durchaus vorzuziehen.

Der Herausgeber hat dankenswerter Weise am Schluß noch eine Liste der Melodien und sonstiger Fachausdrücke in einer Liste (mit Zeichen) verzeichnet. Am Ende finden sich auch Forkes ursprüngliche Einleitungen zu den Stücken sowie Hefters kurze Inhaltsangabe zum "Töpfchengespenst". Das war sicherlich gut gemeint, doch bieten diese Einleitungen auch eine Menge Information, und ein Vorspann ist allemal am besten vor dem jeweiligen Stück untergebracht.

Es ist außerordentlich zu begrüßen, daß Forkes fleißige Übersetzungen der Vergessenheit und damit dem Schicksal so manchen Nachlasses entrissen und von der kundigen Hand des Herausgebers nun in so adäquater Form der Wissenschaft wie dem Amateur zugänglich gemacht worden sind. Dem abschließenden Band kann man mit Vergnügen entgegen sehen.

Hartmut Walravens, Berlin



Latest update: 2005-08-18  Impressum

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