![]() |
![]() |
|
| www.oriens-extremus.de > OE 36 > Rezensionen |
PU Sung-Ling: Schmetterlinge fliegen lassen. 158 Erzählungen der Bände dreizehn bis fünfzehn aus der Sammlung Liao-dschai-dschi-yi. Deutsch von Gottfried Rösel.
PU Sung-Ling: Kontakte mit Lebenden. 109 Erzählungen der letzten beiden Bücher sechzehn und siebzehn aus der Sammlung Liao-dschai dschi-yi. Deutsch von Gottfried Rösel. Mit dem ausführlichen Überblick über die Sachthemen des Gesamtwerks.
Zürich: Verlag die Waage (1991-1992). 600, 543, 304 S.
Die beiden ersten Bände der vollständigen Übersetzung der Erzählungssammlung Liao-chai chih-i von P'u Sung-ling liegen bereits eine Weile vor unter den Titeln Umgang mit Chrysanthemen und Zwei Leben im Traum; heute können nun die drei abschließenden Bände der Edition vorgestellt werden, die wiederum mit zahlreichen Abbildungen aus der chinesischen Ausgabe von 1886 (Hsiang-chu Liao-chai chih-i t'u-yung) geschmückt sind. Zu Beginn jeder Erzählung sind Kapitel und laufende Nummer innerhalb dessen angegeben; im Inhaltsverzeichnis findet sich überdies der Hinweis auf die sonstigen vorliegenden Übersetzungen. Dies macht es dem Leser leicht, sowohl mit dem chinesischen Text als auch mit früheren Übertragungen zu vergleichen. Die jeweils dazu gehörigen bibliographischen Angaben sind jedem Band beigegeben, so daß die Benutzbarkeit nicht leidet und der Leser nicht gezwungen ist, das Gesamtwerk zu erwerben, obwohl dies zu empfehlen ist: P'u Sung-lings Erzählungen sind so bedeutsam und die deutsche Version liest sich so flüssig, daß sich hier das Lesevergnügen mit sinologischen oder literarischen Zwecken angenehm kombinieren läßt.
Die nun vorliegende Ausgabe hat nicht nur den Vorteil der Vollständigkeit in Hinsicht auf die traditionellen Werkausgaben, sondern bietet in einem 17. Kapitel 60 weitere Erzählungen, die auf Grund des Manuskriptes des Autors beziehungsweise Abschriften davon als Teile der Sammlung erkannt wurden. Dabei diente - wie auch bei den übrigen Teilen - die Pekinger Ausgabe von Chang Yu-ho als Textgrundlage.
Wurde die Geschichte des Werkes bereits im ersten Band vom Übersetzer behandelt, so geht er in der Einleitung zum letzten Band etwas detaillierter auf die Geschicke der Manuskripte ein. Während das Originalmanuskript nur teilweise erhalten ist, liegt eine Abschrift aus dem Chu-hsüeh-chai des Chang Hsi-chieh aus dem Jahre 1751 vollständig vor, einschließlich des Inhaltsverzeichnisses. Eine zweite, aus der Ch'ien-lung-Zeit, von Hung Yen-hsi, ist dagegen fragmentarisch. Letztere enthält drei sonst nicht nachgewiesene Novellen. Drei weitere finden sich in der Sammlung Yüeh-i ts'ung-shu (1821). Ein von Tuan P'iao 1824 veröffentlichtes Werk Liao-chai chih-i i-kao (1824) bringt gar 51 in den Druckausgaben nicht enthaltene Erzählungen. Dieses Büchlein wurde 1878 als Liao-chai chih-i shih-i (Peking: Chü-chen-t'ang) und dann 1936 (Han-k'ou) als Liao-chai chih-i wei-k'an kao neu herausgegeben, abermals um drei weitere Geschichten angereichert. Insgesamt liegen also 60 Novellen mehr vor, als die traditionellen Druckausgaben bieten. Davon sind immerhin 25 durch die Originalhandschrift gesichert, die übrigen durch die Abschriften. Der Übersetzer hat sie, wie gesagt, als Kapitel 17 nach Changs Ausgabe übertragen.
Der letzte Band der vorliegenden Ausgabe bietet zwei nützliche Ergänzungen. Eine ist ein Register der chinesischen Titel (in Transkription) der Erzählungen mit Fundstellen. Die zweite ist eine Art Sachregister: Die Erzählungen sind einzelnen Themenbereichen zugeordnet, so daß der volkskundlich und literarisch interessierte Leser sich sogleich die Geschichten heraussuchen kann, in denen bestimmte Tiere, Geister und Helden eine Rolle spielen; oder solche, die beispielsweise mit Ehemann oder Ehefrau, Witwen, Brüdern und Schwestern, Wahrsagern, Zauberern, Beamten, Verbrechen, Seelenwanderung oder Totengericht zu tun haben. Besonders bekannt ist das Liao-chai chih-i wegen seiner Fuchsgeschichten - das Register zeigt nun, daß in 59 Erzählungen Füchse nicht nur periphere Bedeutung haben, das sind immerhin über zehn Prozent. Darüber hinaus sind sie in vielen anderen Geschichten zumindest erwähnt. Wie vielseitig sich die Füchse manifestieren, läßt sich schon aus den Titeln ablesen: "Die Fuchshochzeit", "Das heroische Mädchen", "Wie man Füchse vertreibt", "Die witzige Füchsin", "Ein Fuchs als Lustknabe", "Die dankbare Füchsin", "Die Rache des Fuchses", "Der Fuchs-Heilige", "Ein Fuchs als Lehrer", "Einen Fuchs fangen" etc. Zu diesem interessanten Motivkreis sei an die Arbeit von Ylva Monschein1 erinnert. Alle Bände sind geschmackvoll ausgestattet und machen der Bibliothek chinesischer Romane alle Ehre, die der Verleger Felix M. Wiesner seit Jahren mit viel Enthusiasmus betreut. Nun liegt ein volkskundlich wie literarisch wichtiges chinesisches Werk in einer schönen und vollständigen Ausgabe in deutscher Sprache vor!
Hartmut Walravens, Berlin
Latest update: 2005-08-18 Impressum