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Heiner ROETZ: Konfuzius.
München: Beck, 1995. 133 S. (Beck'sche Reihe, 529: Denker.)

Konfuzius gehört zu jenen zentralen Persönlichkeiten der chinesischen Geschichte, an denen ein Biograph kläglich scheitern kann. Einerseits sind die Textzeugnisse über sein Leben ausgesprochen umfangreich, andererseits hat die besondere Stellung des Konfuzius in der chinesischen Geistesgeschichte schon früh bewirkt, daß verläßliche und unglaubwürdige Angaben untrennbar miteinander vermischt wurden. So ist es nur allzu verständlich, daß es bis auf den heutigen Tag noch keine Monographie über das Leben des Konfuzius gibt, die den Maßstäben eines modernen Historikers gerecht würde. Das Fehlen einer verläßlichen Biographie kommt allerdings fraglos vielen Interpreten entgegen: Denn solange der "wirkliche" Konfuzius unfaßbar bleibt, kann er in jede Richtung ausgelegt und von jeder Interessengruppe vereinnahmt werden. Das war schon kurz nach dem Tode des Konfuzius so, und das ist heute nicht anders. Daher erscheint es zweifelhaft, ob es eine historisch-kritische Aufarbeitung der Informationen über Konfuzius jemals geben wird.

Heiner Roetz hat sich in seinem neuesten Buch der schwierigen Aufgabe gestellt, die schillernde Persönlichkeit des Konfuzius einem breiten Lesepublikum vorzustellen. Ich finde, er hat diese Aufgabe mit Bravour bewältigt. Der Verfasser hat sich angesichts der schwierigen Quellenlage dafür entschieden, das Leben des Konfuzius lediglich knapp darzustellen, dafür aber dessen philosophischen Gedanken um so größere Aufmerksamkeit zu schenken. In dem hier anzuzeigenden Buch wird also die historisch schwer faßbare Person vor allem durch ihr Werk beschrieben. Roetz stellt dem Leser zunächst den Pädagogen, den verhinderten Politiker und den Philosophen Konfuzius vor (S. 9-22). Etwa den gleichen Raum, den diese biographischen Angaben einnehmen, widmet Roetz der Textkritik des Lunyu, jener Quelle also, die traditionell als das Hauptwerk des Konfuzius angesehen wird (S. 23-33). Um das Phänomen des Konfuzius auch Lesern ohne tiefergehende Vorkenntnisse verständlich zu machen, werden im folgenden Abschnitt historische Hintergrundinformationen präsentiert (S. 34-45). Dieser Teil des Buches, in dem der Standort des Konfuzius innerhalb des Spektrums anderer philosophischer Schulen seiner Zeit bestimmt wird, enthält einige der besten Passagen der Studie. Hier gelingt es Roetz, auf äußerst engem Raum einen übersichtlichen Abriß der frühen chinesischen Geistesgeschichte zu entwerfen, die in ihrer Prägnanz seinesgleichen sucht. Dabei wird für den Leser eine hervorragende Zusammenfassung verschiedener Geistesströmungen aus den Tagen des Konfuzius entwickelt, die gerade auch Studenten der Sinologie zur als Lektüre Einführung empfohlen werden kann.

Den größten Teil des Buches nehmen die darauf folgenden Untersuchungen zentraler Themen der konfuzianischen Lehre ein, die im Lunyu entworfen werden (S. 46-96). Der Verfasser ordnet dabei seine Darstellung entlang fünf Antworten, die Konfuzius auf die Frage gab, wie die "Krise der tradierten Sittlichkeit" überwunden werden kann: Durch "Sicherung der Bedeutungen", "Neueinschätzung und Neuordnung der Werte", "Menschlichkeit und Goldene Regel", "Einkehr in das Selbst" und "Rückkehr zur Sittlichkeit". Abschnitte über die Kritiker und Nachfolger des Konfuzius (S. 97-106) sowie über die Rezeption der konfuzianischen Philosophie im Westen (S. 107-113) beschließen den Band. Am Ende geht Roetz in einem Ausblick noch kurz darauf ein, was nach der langen Überlieferungsgeschichte von der konfuzianischen Lehre für die Gegenwart übriggeblieben ist (S. 114-115). Ein Anhang rundet das Buch ab. Er enthält zwei Zeittafeln, bibliographische Angaben sowie ein sehr nützliches Verzeichnis der im Text angesprochenen Lunyu-Stellen. Es verdient ganz besonders hervorgehoben zu werden, daß der Autor dieses Verzeichnis nicht allein nach der Konkordanz des Harvard-Yenching-Instituts angelegt hat, sondern zudem noch in Klammern die abweichenden Zählungen Zhu Xis (der Legge, Schwarz, Waley und Wilhelm in ihren Übersetzung folgen) und Yang Bojuns (der Lau und Moritz folgen) nachweist - so hat der Verfasser seine eigenen Übersetzungen einer kritischen Überprüfung leichter zugänglich gemacht. Auch Personen- und Sachregister stehen dem Leser zur Verfügung.

Trotz des eindeutig positiven Gesamteindrucks enthält diese Publikation mindestens zwei unnötige Schwächen - die eine ist stilistischer, die andere konzeptioneller Art. Mir ist nicht nachvollziehbar, welchen Leserkreis der Verlag vor Augen hatte, als er die Diktion des Verfasser so halbherzig redigierte. An manchen Stellen gerät die inhaltlich brillant konzipierte Darstellung zu einem wüsten Gemisch eines mehrsprachigen "Neudeutsch". Doch gibt es nicht nur die hierfür typischen Anglizismen zuhauf. Oftmals ist der Text auch mit den belanglosesten Latinismen durchsetzt, als hätte man es mit der schlechten Seminararbeit eines Philosophiestudenten zu tun (vgl. spiritus rector, S. 8; cui bono, S. 14; sub specie, S. 32; ex post-Perspektive, S. 32; de facto, S. 34, 55; prima facie, S. 40, 54, 103; a-diherätisch, S. 42; index falsi, S. 43; vita beata, S. 65; do ut des, S. 72; sui generis, S. 83; usw.). Natürlich steht das auch alles im Fremdwörterbuch, selbstverständlich darf hier bei vielen Lesern auch manches vorausgesetzt werden. Denke ich aber an die Deutlichkeit anderer Bücher der gleichen Reihe - etwa an Lothar Schäfers Band über Popper oder Jens Kulenkampffs Beitrag über Hume -, so entsteht bei mir der Eindruck, der Beck-Verlag habe mit diesem Band seine eigenen Standards der Allgemeinverständlichkeit unterschritten. Wer kann zudem noch den verantwortlichen Lektor entschuldigen, wenn neben der Vielzahl gestelzter Wendungen dann wiederum auch umgangssprachliche Phrasen wie die folgende die Endredaktion passieren durften: "Selbstachtung ist also der Gegenpol zur blinden Anpassung, die den Menschen nur nach unten zieht" (S. 81). So etwas muß nicht sein, so etwas ist vermeidbar.

Eine konzeptionelle Schwäche des Buches liegt meiner Meinung nach in der unausgesprochenen Übernahme von Grundannahmen, die auf den amerikanischen Philosophen Lawrence Kohlberg zurückgehen. Roetz hat 1992 in seinem sehr gelungen Buch Die chinesische Ethik der Achsenzeit in überzeugender Weise gezeigt, welche Perspektiven sich den Interpreten eröffnen, die mit Hilfe der Kohlbergschen Theorie klassische Textzeugnisse chinesischer Philosophen analysieren. Die Anwendung neuer Theorien der Philosophie auf alte Quellen der Geistesgeschichte kann gerade auch für die Sinologie sehr fruchtbar sein. (Leider wurde diesem Werk von Philosophiehistorikern im Ausland bislang mehr Achtung gezollt als dies in Deutschland bei Roetz' eigenen Fachkollegen der Fall ist.) In dem hier besprochenen Buch erwähnt Roetz aber erst auf S. 90 zum ersten Mal den Namen Kohlberg, obwohl er sich schon zuvor ausgiebig dessen Terminologie der Entwicklungslogik bedient, um die Lehre des Konfuzius zu interpretieren. Ich finde, das schadet der Argumentation des Verfassers an manchen Stellen, denn die Prämissen sollten genannt werden, auf deren Basis die interpretatorischen Schlüsse gezogen werden. Es ist durchaus möglich, daß manche Deutungen von jenen nicht anerkannt werden, die mit den Theorien Kohlbergs nicht vertraut oder nicht einverstanden sind. Ob daher Verfasser und Verlag gut damit beraten waren, die Grundlagen dieser Konfuzius-Interpretation als bekannt vorauszusetzen, möchte ich bezweifeln.

Heiner Roetz hat als Motto seiner Konfuziusstudie eine Passage aus einem Brief des Philosophen Karl Jaspers an Hannah Arendt zitiert: "Konfuzius hat mir großen Eindruck gemacht. Ich wollte ihn nicht nur gegen die Banalisierung seitens der meisten Sinologen schützen, sondern er war mir für uns ergiebig." In diesem "uns" schwingt der Unmut des Philosophen über eine im philosophischen Sinne "stümpernde" Sinologenzunft mit. Wenn der Sinologe Roetz den Anfang seines Buches mit diesem Zitat schmückt, dann klingt das in meinen Ohren ganz so, als habe er sich hiermit offiziell auf die andere Seite einer Demarkationslinie schlagen wollen: Auf der einen Seite stehen die Philosophen, auf der anderen die Sinologen. Es scheint mir, als habe er hiermit plakativ zeigen wollen, daß auch er nun auf der Seite der Philosophen steht und sich von dem Treiben der Sinologen auf der anderen Seite distanziert. Mich stört das nicht; hoffentlich seine potentiellen Leser aus der Sinologie auch nicht.

Ich wünsche diesem Buch möglichst viele Leser - denn es ist die beste deutschsprachige Monographie über Konfuzius, die Philosophen und Sinologen seit langer Zeit im Buchhandel finden können.

Christoph Körbs, Berlin



Latest update: 2005-08-18  Impressum

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