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John E. WILLS, Jr.: Mountain of Fame. Portraits in Chinese History.
Princeton: Princeton University Press 1994. xvi, 403 S.

Zunächst ein Blick in das Inhaltsverzeichnis des Werkes, dessen Titel eine im Vorwort (S. xi f.) näher erläuterte Anspielung auf eine Wendung in Sima Qians berühmten Brief an Ren An enthält: Wills' Mountain of Fame. Portraits in Chinese History steckt einen großen zeitlichen Rahmen ab – das Werk setzt ein mit einer Vorstellung des Großen Yu (in welcher der Autor, S. 10, freilich einräumt, daß "es eine echte Verblüffung wäre, wenn irgendein Beweis vorgelegt werden könnte, der Yu als historische Person belegt"), und es führt bis zu "Names in the News" (S. 360–379), zu Deng Xiaoping, Fang Lizhi etc. Die meisten der zwanzig Kapitel, die das Buch umfaßt, stellen jeweils eine einzelne Person in den Mittelpunkt, die denn auch dem Kapitel die Überschrift verleiht; Ausnahmen bilden das erwähnte Kapitel 20 "Names in the News" und Kapitel 18, das unter dem Titel "The Kuomintang Lagacy" (S. 301–334) fünf Personen vorstellt. Der zeitliche Schwerpunkt der Porträts liegt eindeutig in der Zeit nach der Song-Dynastie, die Epoche der Fünf Dynastien ist ebensowenig repräsentiert wie die Jahrhunderte zwischen den Drei Reichen und der Tang-Zeit.

Warum Biographien? Jedem, der sich mit traditioneller chinesischer Geschichtsschreibung befaßt, wird sehr schnell ins Auge springen, daß chinesische Historiographen eine große Vorliebe für Biographien haben, und Wills selbst erinnert (S. xii) mit Recht daran, daß etwa die Hälfte von Sima Qians Shi ji von Lebensbeschreibungen eingenommen wird. Spätere "Dynastiegeschichten" sollten sich bekanntlich im allgemeinen daran halten. Das allein könnte als Rechtfertigung dafür genügen, dem westlichen Leser eine Biographiensammlung vorzulegen, doch Wills ist ehrlich genug, unumwunden zuzugeben, daß er mit seinem Buch auch ein wenig auf den Vorwitz des Lesers rechnet:

Biography satisfies a very deeply rooted taste for stories with beginnings and endings, and it appeals to our need to make sense of our own lives. (S. xiif.)

Indes möchte Wills nicht nur einige ausgewählte Leben beschreiben, sondern er will, "lives and times" darstellend (S. xiii), "eine kurze Einführung in wichtige Themen und Entwicklungen der chinesischen Geschichte" geben (S. xiii). Aus diesem Grunde wird etwa in Kapitel 8, "Hui Neng. The Sixth Patriarch" (S. 114–126), ebensoviel Platz auf allgemeine Bemerkungen über den Buddhismus verwendet wie auf die Person Hui Nengs; im Falle der "Biographie" des Konfuzius (S. 11–32) werden zehn Seiten für eine Skizzierung seiner Ideen reserviert, ohne auf Biographisches Bezug zu nehmen, und in dem Sima Qian gewidmeten Kapitel (S. 51–71) findet man zehn Seiten lang die Anfänge der Han-Dynstie beschrieben.

Die Tatsache, daß dem Autor nicht nur an einer Darstellung einiger Biographien gelegen ist, sondern daß Mountain of Fame durch das Mittel der Biographie eine Einführung in die chinesische Geschichte bieten will, wird m. E. durch den dem Werk beigegebenen Index (S. 389–403) unterstrichen. Der Index wiederum läßt auf den ersten Blick vermuten, daß Wills bemüht ist, Kontinuität aufzuzeigen. So ist etwa auf Wang Mang, Herrscher der kurzlebigen Dynastie Xin, außerhalb seines Porträts (S. 72–89) zwölf Mal verwiesen, auf Su Dongpo gar vierzehn Mal, ebenfalls außerhalb des ihm gewidmeten Kapitels. Aber nicht alle Verweise sind als geglückt zu bezeichnen, nicht jeder Anspruch einer Kontinuität ist überzeugend, und durch Beschreibungen wie die folgende, mit der Wills sein Porträt Mao Zedongs beginnt, wird für meine Begriffe mehr verwirrt als geklärt:

A Qin emperor breaking the mold and reshaping his society for ages, a would-be Great Teacher, a Wang Mang promoting himself and ignoring realities, a Three Kingdoms hero rushing ahead and riding the chaos, condescending admirer of the Taipings, youthful reader of Liang Qichao, poet-politician, stroller by Su Dongpo's dike and the lakes of Qianlong's palaces, urging his people to always do without hesitation or selfishness what they know is right, to work as hard as Yu and sacrifice themselves as readily as Yue Fei, Mao Zedong echoes in his own experience and his exhortations to his people an amazing number of the themes of this book. (S. 335)
Mountain of Fame ist mit engagierter Feder geschrieben. Freimütig bekennt der Autor (S. 114), die Grundideen des Buddhismus nicht teilen zu können, unumwunden stellt er sich zu Konfuzius, dessen Lehre er durch den Konfuzius-Schüler Yan Hui treffend charakterisiert sieht: "Je mehr ich an ihr hinaufsehe, umso höher wird sie, je mehr ich in sie dringe, umso härter wird sie." (Lun yu 9.11, zitiert bei Wills, S. 32)

Eine klare Antwort gibt Wills auf die Frage, für welchen Leser sein Buch gedacht sei:

It is intended for people who never have paid much attention to China and now want a quick and graspable introduction to some main themes in its stirring history. In writing it I have had in mind a tourist who is about to go there; a practical person whose main interest is in understanding and dealing with China today; a scholar wondering what a Chinese perspective might do for his own thinking about religion, philosophy, history; a young person of Chinese ancestry trying to find some clues to a heritage only dimly perceived; or just a reader who likes good stories. (S. xii)
Wohlgemerkt, Mountain of Fame richtet sich, der Intention des Autors nach, nicht nur an den Praktiker oder Chinareisenden, das Werk geht auch an den Gelehrten. Und es ist im akademischen Unterricht erprobt (S. xv), ist sogar Wills' Studenten an der University of Southern California zugeeignet. Diese Feststellungen sowie die Tatsache, daß Mountain of Fame durch einen prestigereichen Verlag publiziert wurde, erlauben, ja sie fordern einen kritischen Blick.

Dem aber zeigen sich Mängel, die bei aller Sympathie für Mountain of Fame nicht verschwiegen werden dürfen. Zwei Mängel gehen vorwiegend auf das Konto des Verlages: Da wird beispielsweise unentwegt zitiert – was in biographischen Skizzen sicher zu begrüßen ist –, doch bis auf ganz wenige Ausnahmen unterbleiben Verweise auf Quellen entweder ganz, oder sie sind so allgemein gehalten, daß sie kaum von Nutzen sind. In der Biographie des Sima Qian etwa wird erst nach vierzehn Textseiten, in denen immer wieder zitiert wird, in einer Fußnote (S. 65) angemerkt: "All translations from the Shi ji are from Burton Watson, tr., Records of the Grand Historian (New York and London, 1961)." Ohne Seitenangaben! Vergleichbares gilt für die dem Buch beigefügten Abbildungen – auch hier wird auf genaue Quellenangaben verzichtet. Kann es denn einem Verlag vom Renommee der Princeton University Press wirklich gleichgültig sein, ob ein Leser in dem mit plumper Hand eines modernen Bearbeiters "verschönten" Relief mit der Beischrift "From a Han dynasty image of Yu" (S. 7) ein unverfälschtes Han-zeitliches Dokument erkennt? Ist es wirklich egal, von welcher Zeit und von welcher Hand das Porträt Hui Nengs ("Hui Neng, working and meditating", S. 120) stammt, was die kitschige "dough figure of Zhuge Liang" (S. 112) verrät?

Mountain of Fame ist ein kurzweiliges und vergnügliches Buch. Aber ich finde, der Autor hat wenigstens eine Chance vergeben, um nicht zu sagen, eine Pflicht vernachlässigt: Er hat sich mit der Beschreibung von Leben begnügt und hat keine Mühe darauf verwendet, etwas zu den damit verbundenen grundsätzlichen Schwierigkeiten zu sagen. Drei Jahrzehnte nach D. C. Twitchetts "Chinese Biographical Writing" (W. G. Beasley und E. G. Pulleyblank (Hg.), Historians of China and Japan, London / New York / Toronto: Oxford University Press 1961, 4. Aufl. 1971, S. 95–114) sind unsere Kenntnisse über viele Bereiche der chinesischen Biographik doch stark gewachsen. Einige Bemerkungen hierzu hätten einem Buch, das, wie zitiert, unter anderem den Gelehrten im Auge hat, gewiß gut angestanden – "a scholar wondering what a Chinese perspective might do for his own thinking about religion, philosophy, history". Vielleicht hätte ja, um eventuellen Verlagsvorgaben zu genügen, ein Verzicht auf die "Biographie" Yus (S. 3–10) den nötigen Platz schaffen können.

Reinhard Emmerich, Hamburg



Latest update: 2005-08-18  Impressum

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