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| www.oriens-extremus.de > OE 38 > Rezensionen |
Das rapide Wachstum des Welthandels in den vergangenen drei Jahrzehnten und die Bedeutung Ostasiens in diesem Zusammenhang haben generell den Blick für die originären ostasiatischen Seehandelstraditionen geschärft. Davon legen bereits zahlreiche Bücher und Konferenzen Zeugnis ab. Zu den besonders exponierten Wissenschaftlern in diesem Bereich gehört mit Roderich Ptak einer der beiden Herausgeber des vorliegenden Bandes. Die Entstehung dieses Bandes als Sammlung von ausgewählten Beiträgen einer 1993 in Bad Homburg durchgeführten Konferenz hat zur Folge, wie schon der Titel andeutet und wie die Herausgeber im Vorwort ausdrücklich bemerken, daß die Beiträge eine große Bandbreite haben, die nach ihren Worten lediglich durch einen sehr weitgefaßten zeitlichen und geographischen Rahmen begrenzt wird. Die innere Kohärenz ist weniger deutlich auszumachen, jedenfalls auf den ersten Blick. Daß auch die Qualität der Beiträge in einem solchen Band sehr uneinheitlich ist, versteht sich fast von selbst.
Der Band wird eröffnet durch zwei Beiträge der Herausgeber selbst, deren Fragestellung zumindest ganz entfernt an Max Weber und seine puritanische Ethik als Motor der kapitalistischen Wirtschaftsentwicklung erinnert. Sprengard ("Free Entrepreneurship, Rational Business Philosophy and Overseas Trade with Asia: Mercantilism, Physiocracy and Liberalism", S. 3-26) referiert in einem großen historischen Bogen von der Steinzeit bis zur Zeit des Kapitalismus über die Entwicklung wirtschaftlicher und besonders außenwirtschaftlicher Konzepte und Theorien in Europa, eine Entwicklung, die schließlich zum Kontakt nach Ostasien führte. Er bietet uns durch eine "ökonomische Anthropologie" gleichsam ein konzentriertes ABC des Handels in einem allgemeinen und grundlegenden Beitrag, den man hier nicht erwarten würde, der aber den Blick für die folgenden Beiträge schärft.
Auch Ptak ("Merchants and Maximization: Notes on Chinese and Portuguese Entrepreneurship in Maritime Asia, c. 1350-1600", S. 28-59) geht in seinem exzellenten Beitrag von einer allgemeinen und philosophischen Fragestellung aus: Was treibt den homo oeconomicus zum Handeln? Sind es eher materielle oder spirituelle Ziele, Gott oder Mammon, oder beides zugleich? In zwei bemerkenswerten Fallstudien exemplifiziert er mögliche Haltungen. Zunächst beschreibt er die Gruppen von Kaufleuten, die den chinesischen Überseehandel der Yuan- und Ming-Zeit trugen (vom Kleinhändler und Schmuggler über den reichen Händler bis hin zum großen Unternehmer überseeischer Unternehmen; eine Sondergruppe stellen die chinesischen Muslime dar). Dann kommt er zu den ganz anderen, staatlich und kirchlich privilegierten Bedingungen, unter denen die portugiesischen Überseehändler agierten.
Das Verhalten chinesischer Kaufleute in der Ming- und frühen Qing-Zeit ist auch das Thema des Beitrags von Pin-Tsun Chang ("Work Ethics without Capitalism: The Paradox of Chinese Merchant Behaviour, c. 1500-1800", S. 61-73). Seiner Meinung nach folgten sie drei ethischen Maximen: Ehrenhaftigkeit als Basis der Kreditwürdigkeit, Fleiß und Bescheidenheit. Wenn sie damit Erfolg gehabt hatten, wandten sie sich anderen, nicht-merkantilen Bereichen zu, indem sie Land und/oder Titel kauften, Geld verliehen, die Erziehung ihrer Söhne finanzierten oder sich dem allseits anerkannten Leben eines Literaten zuwandten. Die Gründe für dieses Verhalten untersucht er in der Analyse. Der Kaufmann stand immer am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala. Der Staat und die eigene Familie konnten die von ihm erzielten Erträge daher relativ einfach abschöpfen. Außerdem vermochten es die Kaufleute nicht, sich der allgemeinen Wertordnung zu entziehen, in der es eben der Literat war, der die größte Anerkennung fand. Unter diesen Umständen konnte sich eine marktorientierte, kapitalistische Wirtschaft in China nicht entwickeln. Auch wenn der Autor diese Erkenntnisse durch drei Diagramme herauszuputzen versucht – neu sind sie nicht gerade. Er nimmt hier altbekannte Argumente der vor 35 Jahren geführten Debatte über kapitalistische Keime auf, die auch in der westlichen Literatur schon mehrfach dargelegt und diskutiert wurden.
Schon auf der ersten Seite des folgenden Beitrags deutet Ng Chin-keong ("Liturgical Services and Business Fortunes: Chinese Maritime Merchants in the Eighteenth and Early Nineteenth Centuries", S. 75–96) eine Differenzierung dieser von ihm nur kurz, aber damit völlig ausreichend referierten Sicht der Dinge an. Sein Beitrag ist eine Untersuchung der behördlichen Versuche, den Handel zu kontrollieren, und der Reaktionen der Kaufleute während der Qing-Zeit. Diese bestanden darin, die traditionelle Stigmatisierung des Kaufmanns zu überwinden, die eigenen Werte den traditionellen konfuzianischen Werten und das eigene Leben dem Lebensstil der Gentry anzugleichen, indem sie nicht nur zum eigenen, sondern auch zum allgemeinen Nutzen tätig waren. Dazu waren sie aufgrund ihres Reichtums oft besser in der Lage als die Mitglieder der Gentry. Wichtiges Instrument dieses Bestrebens waren, wie der Beitrag darlegt, die Gilden, in denen die Kaufleute zusammengeschlossen waren, bedeutende Institutionen der lokalen Selbstverwaltung – bis zu ihrem langsamen Niedergang seit dem zweiten bis dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts.
Walter Demel ("Trade Aspirations and China's Policy of Isolation: European Views, mainly in the Eighteenth Century", S. 97–113) untersucht den Gegensatz zwischen der traditionellen chinesischen Politik der geschlossenen Tür und den Handelsinteressen der Europäer aus der Sicht verschiedener europäischer Autoren und Kaufleute. Sein Beitrag ist u. a. eine reiche und amüsante Sammlung von zumeist negativen, selten positiven Vorurteilen, oft lediglich basierend auf Hörensagen, bestenfalls auf kurzen und oberflächlichen Kontakten und Erlebnissen. Er kommt auf der Basis seiner guten Kenntnis auch entlegener europäischer Berichte zu dem Schluß, daß die politischen Denker dazu neigten, Verständnis für die chinesische Isolationspolitik aufzubringen, während die Kaufleute dem natürlich energisch widersprachen.
Damit schließt zunächst der auf China bezogene Teil des Bandes. Es folgen Aufsätze zum portugiesischen Handel im Indischen Ozean, dem portugiesischen Estado da Índia, Sprungbrett für den Verkehr mit Südost- und Ostasien, sowie zur Rivalität und Symbiose islamischer und portugiesischer Kaufleute in Südostasien. Die dann folgenden Aufsätze nehmen die Fragestellung der einleitenden Essays wieder auf und untersuchen das Verhältnis zwischen normativer Ethik und profitorientierten Handelsunternehmen. "Commerce as a fundamental means of generating wealth was a political affair as much as religion was in enhancing the ruler's spiritual power and majesty", lautet eine diesbezügliche zentrale Aussage in dem Beitrag von J. Kathirithamby-Wells ("Ethics and Entrepreneurship in Southeast Asia, c. 1400–1800", S. 171–187, Zitat S. 176). In zwei sehr lesenswerten Aufsätzen (Peter Kirsch, "VOC – Trade without Ethics?", S. 189–202, und Jurrien van Goor, "God and Trade: Morals and Religion under the Dutch East India Company", S. 203–220) wird besonders die Holländische Vereinigte Ostindische Kompanie (VOC) beleuchtet. Dabei ist der Tenor durchaus unterschiedlich: "Handle guns and make profitable business" bei Kirsch und "God and Trade" bei van Goor, der die Rolle der Religion für die VOC untersucht. Die gleiche Fragestellung steht hinter dem letzten Aufsatz des Bandes in bezug auf die japanischen Kaufleute der Tokugawa-Zeit (Kenichi Ono, "Ethics and Entrepreneurship in Tokugawa Japan", S. 221–230).
Der Band ist, wie bereits gesagt, ein recht buntes Kaleidoskop, doch ein solches ist bekanntlich nicht ungeordnet. Bei aller thematischen Unterschiedlichkeit der Beiträge macht der Band zweierlei deutlich: Erstens gab es eine äußerst lebendige und vielfältige Schiffahrts- und Handelstradition, die die Länder Ost-, Südost- und Südasiens seit vielen Jahrhunderten verband; auch wenn der Überseehandel zuweilen durch staatliche Akte ernsthaft behindert wurde, ließ er sich nie ganz unterbrechen. Komplementarität und Konkurrenz dieses Handels zu den europäischen Überseehändlern der frühen Neuzeit werden deutlich. Zweitens – und das scheint mir noch wichtiger zu sein: Der Geist Max Webers ist auf fast allen Seiten des Buches spürbar. Immer noch vermag Weber zu Ideen und Untersuchungen anzuregen – in Hinsicht auf seine Feststellungen zu Ostasien auch zu Widerspruch. Die Richtung ist durch die Herausgeber in ihren Beiträgen dezent vorgegeben. Max Webers Name taucht in den meisten Aufsätzen auf, und sei es nur am Rande. Implizit ist er – gewissermaßen als spiritus familiaris – sehr viel häufiger zugegen. Das Versprechen des Untertitels (Profit Maximisation, Ethics ...) wird also durchaus eingelöst.
Dennoch liegt der Wert des Bandes wohl weniger in den Gemeinsamkeiten der Beiträge als in der Möglichkeit für den Leser/Benutzer, sich zu ganz unterschiedlichen Themen im weit gesteckten thematischen Rahmen auf einem in der Regel guten Niveau zu informieren.
Nicht zu vergessen: Roderich Ptak hat sich bemüht, durch kleine Vignetten dem Band ein gefälliges Aussehen zu geben – auch für ein wissenschaftliches Buch kein zu unterschätzender Wert.
Bernd Eberstein, Hamburg
Latest update: 2005-08-18 Impressum