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Ulrich UNGER: Rhetorik des Klassischen Chinesisch.
Wiesbaden: Harrassowitz 1994, XXII, 160 S.

Im Rahmen der bisher letzten Renaissance der Rhetorik seit den 70er Jahren haben sich in der Nachfolge von Heinrich Lausbergs zweibändigem Handbuch der literarischen Rhetorik verschiedene Autoren um eine Fruchtbarmachung der rhetorischen Stillehre (elocutio oder lexis), d.i. die dritte Stufe des aus den fünf Komponenten inventio, dispositio, elocutio, memoria, actio oder pronuntiatio bestehenden rhetorischen Textherstellungsmodells, für die literarische Interpretation bemüht.[1] Aus der ars bene dicendi, der Kunst des guten Redens (und Schreibens), wurde somit als Textrhetorik eine ars bene interpretandi, eine Technik des guten Analysierens.[2]

Prof. Ulrich Ungers Rhetorik des Klassischen Chinesisch ist der gelungene Versuch, die Ausdrucksformen des klassischen Chinesisch, d.h. der Sprache vom 5. bis zum 3. Jahrhundert v.Chr.,[3] unter Rückgriff auf Heinrich Lausbergs Systematisierung der literarischen Rhetorik zu untersuchen.[4] Durch seine klare zeitliche Abgrenzung versteht es der Autor, die verhältnismäßig geringe historische Tiefenschärfe von Heinrich Lausbergs systematischer Fächerung[5] zu umgehen und bietet mit dieser Zusammenstellung ein Analyseinstrument, das zweifelsohne zu den langersehnten Desiderata der Sinologie zu zählen ist.[6]

Nach einer kurzen Einleitung in den Gegenstand bietet der Autor strukturierte und erklärte Darstellungen von rhetorisch organisierten Texten, sog. "Reden", die anstelle einer ausführlichen Behandlung der Gliederung der Rede (dispositio) gelten sollen.[7]

Im Zentrum der vorliegenden Arbeit steht dann das ohne Frage meistabgehandelte Kapitel der Rhetorik: die elocutio (Sprachformung).[8] oder Rhetorik der Figuren.[9] Unter dem Titel "Rhetorische Ausdrucksmittel" behandelt der Autor Synonyma und Tropen (ornatus in verbis singularis), Wort- und Gedankenfiguren (ornatus in verbis coniunctis), sowie die akustischen Kunstmittel. Kurze und prägnante Erklärungen der traditionellen (lateinischen und griechischen) abendländischen Terminologie, saubere Verweise auf die chinesischen Quellentexte, sowie die durch kurze Erläuterungen ergänzten Übersetzungen der gewählten Textbeispiele machen dieses Buch zu einem unverzichtbaren Standardwerk, mit dem der Autor seine wohlbekannte Einführung in das Klassische Chinesische in beeindruckender Weise weiterführt.

Mit der Rhetorik des Klassischen Chinesisch liegt somit ein beispielhaftes Lehr- und Lerninstrument der angewandten Textanalyse vor. Das abendländische rhetorische Regelsystem der Textproduktion wird darin insofern umgekehrt, als es als methodisches Analyseparadigma auf den Bereich der Rezeption zur Beschreibung klassischen chinesischen Textmaterials zur Anwendung gebracht wird. Die Anwendbarkeit und Übertragbarkeit der abendländisch-antiken Terminologie auf das klassische Chinesisch wird dadurch begründet, "daß ein Großteil dessen, was von der abendländisch-antiken Rhetorik her bekannt ist, auch im Chinesischen gebräuchlich war". Während aber die abendländisch-antike Rhetorik sowohl die Theorie, die ars rhetorica (Redekunst), als auch die Praxis, die ars oratoria (Eloquenz, Beredsamkeit), umfaßt,[10] wird sie von Unger mit dem Verweis auf die Nichtfaßbarkeit eines Lehrgebäudes der altchinesischen Rhetorik auf die ars oratoria eingegrenzt.[11]

Als besonders bemerkenswert ist hervorzuheben, daß der Autor nicht nur jene wenigen Tropen und Figuren nennt, für die im Quellenmaterial keinerlei Beispiele gefunden werden konnten, sondern - und dies erscheint sehr wesentlich - auch auf die Unterscheidung zwischen gezieltem Einsatz rhetorischer Figuren und zwangsläufigem (d.h. im Usus der Sprache begründetem) Zustandekommen aufmerksam macht.

Wenn auch Ulrich Ungers Rhetorik des Klassischen Chinesisch mit der chinesischen Spielart der Rhetorik, der Xiucixue, womit u.a. sowohl Rhetorik als auch Stilistik bezeichnet werden, sehr wenig bis gar nichts zu tun hat, so wäre in der Einleitung eine tieferführendere Gegenüberstellung von abendländisch-antiker Rhetorik und chinesischer Xiucixue wertvoll und daher auch wünschenswert gewesen. Während sich die als Xiucixue bekannte sogenannte "chinesische Rhetorik" seit Chen Wangdaos 1932 erstmals erschienenem Xiucixue fafan in moderneren chinesischen Arbeiten mehrfach durchaus systematisierend dargestellt findet,[12] wurde sie in der westlichen Sinologie reichlich stiefmütterlich behandelt und konnte vor knapp einem Jahrzehnt noch mit Recht als terra incognita betrachtet werden.[13] Es bleibt m.E. zu hoffen, daß sich aus der Erschließung der in China verwendeten Techniken der Rhetorik vielleicht doch mehr Kongruenzen bzw. Divergenzen theoretischer Natur zur abendländischen Rhetorik erschließen lassen werden. Ob es aber angesichts der Quellenlage gelingen kann, aus den in der chinesischen Klassik angewandten technischen Regeln des rhetorisch-sprachlichen Ausdrucks ein Quasi-Lehrgebäude der chinesischen Rhetorik oder der Xiucixue herauszuarbeiten, bleibt abzuwarten. Da diese Probleme aber durch den Autor weitestgehend vom Diskussionsgegenstand ausgeschlossen (und somit nur sehr allgemein angesprochen) wurden, kommt es im vorliegenden Buch in dieser Beziehung zu keiner Vertiefung der von Karl S.Y. Kao gegebenen Kurzdarstellung der altchinesischen Rhetorik.[14]

Das von Barbara Geilich editionstechnisch sehr sauber aufbereitete Buch umfaßt auch ein von ihr erstelltes gut verwendbares Sachwortregister und einen ebensolchen Belegstellenindex.

Gerade weil es sich im vorliegenden Werk aber um die erste derartige Darstellung der altchinesischen Rhetorik handelt, soll an dieser Stelle das Fehlen von Angaben der Sekundärliteratur oder der weiterführenden Literaturangaben als Manko angeführt werden. Als größter - allerdings eher verlagsbedingter - Nachteil dieses inklusive Einleitung und Anhang knapp über 180 Seiten umfassenden Werkes ist aber zweifelsohne der übertrieben hohe Verkaufspreis von DM 148 zu nennen.

Mit dem vorliegenden Werk hat Prof. Ulrich Unger, der wohl zu Recht als der Altphilologe der deutschsprachigen Sinologie bezeichnet werden kann, eine Lücke in der sinologischen Literatur gefüllt. Seine hier vorgelegte, aus der systematischen Bearbeitung historisch sowie sprachlich klar abgesteckter außereuropäischer Quellentexte hervorgegangene Arbeit ist ein beeindruckender, illustrativer und exemplifizierender Katalog zu den bei Heinrich Lausberg genannten lateinischen und griechischen Quellen. Als Dokumentation rhetorischer Universalien sollte Ulrich Ungers Rhetorik des Klassischen Chinesisch weit über die sinologischen Zirkel hinaus großes Interesse finden.

Im Sinne von Heinrich Lausbergs Formulierung seiner pädagogischen Zielsetzung kann das vorliegende Werk dem Lernenden "den Weg (viam rationemque) zu einem phänomenologischen und historisch sinnvollen Studium der Literaturwissenschaft ebnen und darüber hinaus auch für den in der Praxis der Textinterpretation stehenden Philologen ein orientierendes Hilfsmittel sein".[15]

Bernhard Führer, Bochum


Fußnoten

[1] Zur Renaissance der Rhetorik siehe Heinrich F. Plett, "Perspektiven der gegenwärtigen Rhetorikforschung". In: Ders. (Hrsg.), Rhetorik. München: Wilhelm Fink 1977, S. 9.
[2] Siehe Heinrich F. Plett, Einführung in die rhetorische Textanalyse. Hamburg: Helmut Buske [1971] 1991, S. 4.
[3] Siehe Ulrich Unger, Einführung in das Klassische Chinesisch. Wiesbaden: Harrassowitz 1985, Teil 1, S. 1.
[4] Neben Heinrich Lausbergs Handbuch der literarischen Rhetorik. Eine Grundlegung der Literaturwissenschaft. München: Hueber 1960, verweist Unger in seinem Text auch auf Lausbergs mehrfach wiederaufgelegte Elemente der literarischen Rhetorik. Eine Einführung für Studierende der klassischen, romanischen, englischen und deutschen Philologie. Ismaning: Hueber [1960] 1990.
[5] Siehe Karl-Heinz Göttert, Einführung in die Rhetorik. Grundbegriffe - Geschichte - Rezeption. München: Wilhelm Fink 1991, S. 10, wo sich auch einige auf spezifische Zeitalter bzw. europäische Autoren fokussierte Studien genannt finden.
[6] In diesem Zusammenhang sei hier auch auf Prof. Christoph Harbsmeiers Beschäftigung mit der altchinesischen Rhetorik hingewiesen. Sein "Constraints in the Rhetoric of Pre-Buddhist Chinese Prose Literature. A Comparative Study" liegt mir allerdings nur in photokopierten Ausschnitten aus einem auf 1993 datierten "preliminary draft for discussion" vor und kann daher hier nicht in die Diskussion einbezogen werden.
[7] Für den mit Ungers Schriften weniger vertrauten Leser sei hier auf die Ausführungen zur Ungerschen Transliteration des klassischen Chinesisch in seiner Einführung in das Klassische Chinesisch, Teil 1, S. 7-13, verwiesen und auch darauf hingewiesen, daß Ungers Datierungen der Reden aus dem Zuo Zhuan von den bei James Legge gegebenen Datierungen abweichen. Legge folgt nämlich einer Datierung für "astronomische Zwecke", Unger hingegen einer Datierung für "chronologische Zwecke". Zu den Unterschieden siehe James Legge, The Chinese Classics. BD. 5: The Ch'un Ts'ew with the Tso Chuen. (Nachdruck) Taibei: Southern Materials Center 1983, Prolegomena, S. 85ff.
[8] Zu den termini technici der Rhetorik siehe (soweit bereits vorliegend) Gert Ueding (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1992-1994 (bisher 2 Bde. erschienen).
[9] Siehe Heinrich F. Plett, "Die Rhetorik der Figuren. Zur Systematik, Pragmatik und Ästhetik der ,Elocutio'". In: Ders. (Hrsg.), Rhetorik. München: Wilhelm Fink 1977, S. 125-165.
[10] Siehe z.B. Walter Jens, "Rhetorik". In: Werner Kohlschmidt und Wolfgang Mohr (Hrsg.), Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Berlin u. New York: Walter de Gruyter 1977, BD. 3, S. 432-456.
[11] Gerade hier bestünde m.E. etwas mehr Erklärungsbedarf. Daß uns unter den (zeitlich relevanten) chinesischen Quellen kein "chinesischer Aristoteles, Cicero oder Quintilian" vorliegt, ist weithin bekannt. Die postulierte Nichtfaßbarkeit eines theoretischen Lehrgebäudes der altchinesischen Rhetorik muß natürlich in erster Linie im Kontext der vom Autor in diesem Werk bearbeiteten Zeitspanne verstanden werden. Dennoch will ich an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, daß im Rahmen der Aufarbeitung der Gültigkeit der abendländisch-antiken Terminologie in der chinesischen Rhetorik auch die Frage interessant wäre, ob es in China zur Entwicklung spezifischer Ausdrucksmittel kam, die in der abendländischen Tradition etwa nicht in Erscheinung getreten sind. Und auch die Frage nach der Bedeutung forensischer Aspekte in der chinesischen Rhetorik sowie nach dem Verhältnis von altchinesischer Rhetorik zu Ästhetik und Poetik bleibt in der wissenschaftlichen Literatur weitgehend ungeklärt. Hier scheint noch ein großes Betätigungsfeld für zukünftige Forschungsarbeiten zu sein. Zur Frage der Forderung nach der Moraliät des Redners etwa diskutierte Chow Tse-tsung in seinem kürzlich erschienen Aufsatz "On Misunderstanding of the Famous Passage ,Refining The Language and Establishing His Sincerity' in the I Ching" die bekannte und seiner Ansicht nach oftmals mißverstandene Bezugsstelle der später bekanntlich aus dem Japanischen ins Chinesische übernommenen Bezeichnung Xiucixue im Wenyan-Kommentar zum Buch der Wandlungen; siehe Zhou Cezong (Chou Tse-tsung), "Yijing 'xiu ci li qi cheng' bian". In: Zhongguo wenzhe yanjiu jikan (Academia Sinica: Bulletin of the Institute of Chinese Literature and Philosophy), Vol.3 (1993), S. 27-53.
[12] Erst kürzlich ist unter dem Titel Hanyu xiucige dacidian. Taibei: Jianhong chubanshe 1994, ein von Tang Songbo und Huang Jianlin herausgegebenes relativ umfangreiches Rhetorikhandbuch erschienen.
[13] Siehe Harald Richter, "Terra incognita des Chinesischunterrichts: Sprachstilistik (xiucixue)". In: CHUN, Nr.3 (1986), S. 48-57. Heute zeigt sich die Quellenlage aber bereits in einem etwas anderen Licht. So etwa versuchte Zhang Zhenhua, Chinesische und europäische Rhetorik. Ein Vergleich in Grundzügen. Frankfurt a.M.: Peter Lang 1991, eine kontrastive Gegenüberstellung. Die bei Prof. Unger in Münster entstandene Dissertation Rhetorik im Antiken China. Eine Untersuchung der Ausdrucksformen Höfischer Rede im Zuo Zhuan, Herzog Zhao. Münster: Eigenverlag 1993, von Ursula Heidbüchel, die sich an die von Heinrich F. Plett dargelegte Systematisierung der Stilkategorien hält und somit einige Schwächen des Lausbergschen Systems zu vermeiden weiß, bietet neben wohlfundierter Diskussion der rhetorischen Ausdrucksformen (unter Nennung reichhaltigen Sekundärmaterials) auch kritische Gegenüberstellungen der abendländisch-antiken Terminologie mit den in chinesischen Rhetorikhandbüchern üblichen Bezeichnungen. In seiner 1995 an der Universität Wien vorgelegten Dissertation Die Lehre vom Zurechtlegen der Worte (xiucixue) machte Klaus Horsten den bemerkenswerten Versuch, die Terminologie der chinesischen Xiucixue zu erhellen, anhand traditioneller sowie moderner Belegstellen zu exemplifizieren und Normen und Möglichkeiten des literarischen Schaffens in China darzulegen. Sowohl Heidbüchels qualitative (und durch quantitative Hinweise ergänzte) Analysen, als auch Horstens Ausführungen zu System und Systematisierung der Xiucixue können als erstklassige Anleitungen verstanden werden, die in unserer Rezeption chinesischen Textmaterials oftmals verminderte Lesesensibilität wesentlich zu steigern.
[14] Siehe Karl S.Y. Kao (Gao Xinyong), "Rhetoric". In: William H. Nienhauser Jr. (Hrsg.), The Indiana Companion to Traditional Chinese Literature. (Nachdruck) Taibei: Southern Materials Center 1988 (second revised edition), S. 121-137. Siehe auch Karl S.Y. Kao, "Rhetorical Devices in the Chinese Literary Tradition". In: Tamkang Review, Vol.14, No.1-4 (1983/84), S. 325-337.
[15] Heinrich Lausberg, Handbuch der literarischen Rhetorik, S. 7.



Latest update: 2005-08-18  Impressum

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