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| www.oriens-extremus.de > OE 39 > Rezensionen |
Als die Originalausgabe dieses Buches im Jahre 1990 erschien, stand die Öffentlichkeit noch ganz unter dem Schock der blutigen Niederschlagung der Protestbewegung vom Juni 1989. Journalisten sprachen damals immer wieder von einer "noch nie dagewesenen" Brutalität, mit der die chinesische Staatsführung ihr Volk drangsalierte; oft war in Kommentaren die Floskel enthalten, die Volksbefreiungsarmee habe "zum ersten Mal" die Waffen gegen das eigene Volk gerichtet. Wenn einer der Kommentatoren dann aber dieses Buch zur Hand nahm, wurde er eines Besseren belehrt: Schon in der Kulturrevolution gab es wiederholt Übergriffe der Armee auf die Zivilbevölkerung, bei denen "Tausende (Ö) fielen oder verwundet wurden" (S. 721). Solche Hinweise auf die Vergangenheit sollen historische Tragödien nicht relativieren. Sie können aber traumatische Ereignisse in einen erweiterten Zusammenhang rücken, der ein Verstehen der Gegenwart erst ermöglicht.
Jonathan D. Spence gelingt es in seinem Buch, die Leser davon zu überzeugen, daß sie über das frühere China Bescheid wissen müssen, wenn sie das heutige China ergründen möchten. Daher beginnt er seine Suche nach dem modernen China (das englische Original trägt den Titel The search for modern China) bereits in der Ming-Zeit und wählt zum Ausgangspunkt seiner Darstellung das Jahr 1600. Er begründet diesen relativ frühen Zeitpunkt überzeugend und weist darauf hin, daß wir "sonst nicht wirklich begreifen können, wie sich Chinas gegenwärtige Probleme herauskristallisiert haben und welche intellektuellen, wirtschaftlichen und emotionalen Hilfsmittel den Chinesen zu deren Lösung zur Verfügung stehen" (S. 12). Diese Sichtweise fördert so manche Konstante der Innen- und Außenpolitik zutage, die einer allein auf die Gegenwart fixierten Berichterstattung entgehen muß. Wird die chinesische Geschichte nämlich über einen längeren Zeitraum hinweg betrachtet, zeichnen sich erstaunliche Parallelen ab. Maßnahmen der gegenwärtigen Staatsführung in Fragen der Menschenrechte, des Protektionismus und der politischen Hegemonie können dabei mit Handlungen vorangegangener Regierungen in Beziehung gesetzt werden.
Schon ein Jahrhundert ringt China darum, ein anerkanntes Mitglied der modernen Weltgemeinschaft zu werden. Der Verfasser zeichnet die verschiedenen Stationen nach, die das Land auf dem Weg zu diesem Ziel durchschritten hat - und er tut dies auf eine sehr elegante Art und Weise. Spence berichtet von nahezu allem, was sich in China vom Ende der Ming-Dynastie bis zum Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens ereignet hat. Dabei geht es ihm weniger um eine analytische Chronologie historischer Fakten als um eine ansprechende Erzählung geschichtlicher Ereignisse. Seine Darstellung ist eine kunstvoll durchkomponierte Auswahl denkwürdiger Geschehnisse, in der die verschiedensten Aspekte der Geschichte lebendig miteinander verwoben werden: Angaben über ökonomische und soziale Veränderungen, geistesgeschichtliche Entwicklungen, Aspekte der Literatur und Kunst sowie Klatsch und Tratsch des Kaiserhofs und des Politbüros werden von ihm gekonnt zusammengefaßt und miteinander kombiniert. Wie in seinen früheren Werken durchsetzt Spence auch in diesem Buch seinen lebhaften Erzählfluß mit zahlreichen (oftmals sehr amüsanten) Anekdoten und mit Zitaten aus der zeitgenössischen Literatur.
Der flüssige Schreibstil und der Verzicht auf chinesische Primär- oder Sekundärquellen läßt erkennen, daß Spence dieses Buch nicht für seine Kollegen der Sinologie, sondern für einen breiteren Leserkreis konzipiert hat. So überrascht das Werk weniger durch neue oder provokante Analyseergebnisse, sondern vielmehr durch die virtuose Auswertung der besten englischsprachigen Arbeiten über China, die in den letzten Jahrzehnten erschienen sind. Selbstverständlich gibt es bei dieser Art von Geschichtsschreibung kleinere Unstimmigkeiten. Viele Detailfragen bleiben offen, und verschiedene Wertungen des Verfassers lassen sich durchaus problematisieren. Da sich Spence durch seinen betont literarischen Stil angreifbar macht, ist die Liste möglicher Einwände lang. Wer aber rein wissenschaftliche Detailanalysen sucht, wird ohnehin zu den Primärquellen greifen müssen. Der Leserkreis, für den das Buch in erster Linie geschrieben ist, wird mit Chinas Weg in die Moderne vollends zufrieden sein. Es gab bislang in keiner westlichen Sprache eine vergleichbare Monographie.
Was bleibt, ist ein uneingeschränkt positiver Leseeindruck, der durch die liebevolle Ausstattung der deutschen Ausgabe maßgeblich gefördert wird. Da eine Übernahme aller zweihundert Schwarzweiß- und fünfundzwanzig Farbabbildungen der englischen Originalausgabe den Preis der Übersetzung ins unbezahlbare getrieben hätte, war der Verlag sehr gut damit beraten, für die deutsche Ausgabe neue Schwarzweißbilder eigens zusammenzustellen. Auf die Leser warten nun neben zahlreichen Karten und Tabellen, Leseempfehlungen (alle Literaturhinweise werden den einzelnen Kapiteln zugeordnet), einem ordentlich redigierten Register und einem mit Bedacht zusammengestellten Begriffsglossar auch noch über einhundert sorgfältig ausgewählte Bilddokumente.
Nach der Lektüre dieses Buches werden wohl die meisten Leser dem Urteil des Verfassers beipflichten können, daß sich China noch immer auf dem Weg in die Moderne befindet. Es ist das Verdienst von Jonathan D. Spence, überaus anschaulich gezeigt zu haben, wie lange schon Chinesen nach einem eigenen Weg dorthin suchen - und daß sie noch lange nicht an ihrem Ziel angekommen sind.
Christoph Körbs, Berlin
Latest update: 2005-08-18 Impressum