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| www.oriens-extremus.de > OE 39 > Rezensionen |
Seit Jahren wird das Nineteenth Century Programme des Verlagshauses Chadwyck-Healey von der englischsprachigen Fachpresse stürmisch aufgenommen. Ziel des Verlages ist es, die bedeutendsten Werke des neunzehnten Jahrhunderts auf Mikrofiches zu verfilmen und damit der Öffentlichkeit erneut zugänglich zu machen. (Für einen Rezensenten der sonst eher nüchternen Times handelt es sich bei dieser Verlagsreihe "um das größte wissenschaftliche Publikationsprojekt, das jemals unternommen wurde".) Nachdem im September 1995 die erste von insgesamt fünf Teilausgaben herausgekommen ist, die der alten Chinaliteratur gewidmet ist, haben auch Sinologen allen Grund dazu, in die Begeisterung der englischen Presse einzustimmen.
Wie der Titel der Reihe schon sagt, stammen die meisten Werke der Sammlung aus einem Jahrhundert, das von außerordentlicher Bedeutung für die Forschung ist. Denn die Ereignisse, die in den nun wieder vorliegenden Monographien dokumentiert werden, fallen in die vielleicht aufregendste Phase der chinesischen Geschichte. In der kurzen Zeit zwischen Lord Macartneys Gesandtschaft (1793) und dem endgültigen Ende der Qing-Dynastie (1911) erlebte China in allen Lebensbereichen fundamentale Veränderungen. Zudem geriet die Innenpolitik des Landes zunehmend unter den Druck weltpolitischer Interessenkonflikte. Einzelne Momente der beiden Opiumkriege, der Taiping-Rebellion oder des Boxer-Aufstandes können dabei als Phänomene interpretiert werden, die in unseren Tagen in einem vergleichbaren Kontext als Belege für den "Zusammenprall von Kulturen" herangezogen werden.
Unter allen Westmächten, die in China um die Vorherrschaft stritten, war Großbritannien im neunzehnten Jahrhundert zweifellos die entscheidendste Kraft. Daher sind die Aufzeichnungen britischer Zeitzeugen von unvergleichlicher Bedeutung für die sinologische Forschung. Berichte englischer Soldaten geben wichtige Aufschlüsse über militärische Operationen.[1] Aufzeichnungen offizieller Diplomaten, die direkt an zwischenstaatlichen Verhandlungen beteiligt waren, enthalten interessante Details, die knappe historische Fakten mit Leben füllen.[2] Handbücher von Händlern geben Auskunft über den Grad der Einbindung Chinas in die Weltwirtschaft.[3] Missionarsberichte[4] und illustrierte Reisebeschreibungen bieten Einblicke in das zeitgenössische Alltagsleben.[5] Zudem dokumentieren herausragende Gesamtdarstellungen der chinesischen Kunst, Literatur, Philosophie und Religion (darunter drei rare Monographien von James Legge), was der Westen im neunzehnten Jahrhundert über China wußte.
Die erste Sammlung von Nineteenth Century Books on China umfaßt 144 Titel auf 504 Mikrofiches. Ist die Reihe abgeschlossen, werden voraussichtlich 900 Monographien über China zur Verfügung stehen, die zwischen 1796 und 1911 erstmals publiziert wurden und lange Zeit für die Öffentlichkeit verloren waren. Die Auswahl der Bücher, die in die Sammlung aufgenommen wurden, basiert auf Henri Cordiers epochaler Bibliotheca Sinica und dessen Supplement. Die meisten Kopiervorlagen der Reihe stammen aus der Oriental und India Office Collection der British Library. Der Inhalt der Sammlung wurde unter Beratung von Charles Aylmer, dem Leiter der chinesischen Abteilung der Universitätsbibliothek von Cambridge, sehr gelungen zusammengestellt: Es wurde umsichtig darauf geachtet, daß die hier gesammelten Werke interdisziplinär nutzbar sind, d.h. Wissenschaftlern der verschiedensten Forschungsrichtungen wertvolles Untersuchungsmaterial bieten.
Zumindest der Erwerb von Teilen der Sammlung ist angesichts des äußerst moderaten Preises der Teillieferungen (er beträgt lediglich 1750.- Pfund) jeder besseren Bibliothek möglich. (Für Bibliothekare dürfte dabei von Interesse sein, daß auch MARC AACR2-Titelaufnahmen der einzelnen Werke auf Anfrage erhältlich sind; zudem verdient es erwähnt zu werden, daß die Archivtauglichkeit der Mikrofiches sowohl dem AIIM- als auch dem BSI- und ANSI-Standard entspricht.) Die zweite bis fünfte Teillieferung wird in Abständen von jeweils sechs Monaten zwischen 1996 und 1997 erscheinen. Ist die Sammlung abgeschlossen, werden ingesamt 2500 Mikrofiches vorliegen. Zu jeder Teilsammlung wird ein gedruckter Index mitgeliefert, der in der alphabetischen Reihenfolge der Verfassernamen die Werke mit Kurztiteln verzeichnet. Gesamtverzeichnisse aller bereits vorliegenden Bände sind jeweils bei Abschluß der folgenden Teilausgaben geplant. Jeder Forschungsstelle, die sich mit der wissenschaftlichen Erforschung Chinas beschäftigt, ist diese hervorragende Sammlung kostbarer Zeitdokumente nachdrücklich zu empfehlen.
Christoph Körbs, Berlin
Fußnoten
[1] vgl. John Ouchterlony, The Chinese war: an account of all the operations of the British forces (London, 1844); Robert Swinhoe, Narrative of the North China campaign of 1860 (London, 1861); Lindesay Brine, The Taeping rebellion in China; a narrative of its rise and progress (London, 1862); Sir James Hope Grant, Incidents in the China war of 1860 (Edinburgh, 1875).
[2] vgl. Sir Henry Ellis, Journal of the proceedings of the late embassy to China (London, 1817).
[3] vgl. Horatio N. Lay, Our interests in China (London, 1864); Arthur von Rosthorn, On the tea cultivation in Western Ssuch'uan and the tea trade with Tibet viâ Tachienlu (1895).
[4] vgl. Alexander Michie, Missionaries in China (London, 1891).
[5] vgl. John Macgowan, Pictures of Southern China (London, 1897); George Uvedale Price, Rambles with a camera (Hong Kong, 1893).
Latest update: 2005-08-18 Impressum