Oriens Extremus
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Patricia Buckley EBREY: China: Eine illustrierte Geschichte. Frankfurt am Main u. New York: Campus 1996. 352 S. (Cambridge Illustrated History.)

Mit dem Erscheinen dieses Buches liegt nicht einfach ein weiterer China-Bildband vor, wie es sie schon zu Hunderten gibt. Das vorliegende Buch ist für die Leser ein ausgesprochener Glücksfall: Im deutschen Sprachraum stellt Ebreys neues Werk alle vergleichbaren Publikationen in jeder Hinsicht in den Schatten. Dies liegt zum einen natürlich an den Abbildungen selbst. Hier darf sich der Leser auf eine gewaltige Anzahl selten zuvor gesehener Photos und Reproduktionen von Kunstgegenständen freuen, zu deren Auswahl und Zusammenstellung der Autorin nur zu gratulieren ist. Dies liegt aber zum anderen auch an dem lebendigen Schreibstil und an der Themenauswahl der Sozialhistorikerin Ebrey. Die Leser verdanken der Autorin ein sehr eingängiges Chinaporträt, in dem sozialgeschichtliches Faktenwissen ausgiebig berücksichtigt wird. Dem Verlag ist es zudem gelungen, trotz des relativ günstigen Preises von 98,- DM das überwiegend farbige Bild- und Kartenmaterial nicht nur in einer makellosen Qualität wiederzugeben, sondern überdies noch gut zu plazieren. Gerade das sehr durchdachte Layout fördert erheblich das Verständnis der Themen.

Die Autorin entwickelt in ihrem Buch nicht nur die Geschichte der chinesischen Regierungs- und Bildungselite. Im Mittelpunkt ihres Interesses steht das chinesische Volk und dessen Kultur. Ein Schwerpunkt der Darstellung sind daher Aspekte, die präzise rekonstruieren helfen, wie Chinesen mit ihrem Kulturerbe umgingen und wie unterschiedliche Strömungen dieses Erbes das Alltagsleben geprägt und verändert haben. Farblich vom Haupttext abgesetzte Sachinformationen geben Auskunft über zentrale Schlüsselbegriffe. Darunter werden Aspekte der Religion (Ahnen, Buddhismus, Dämonen und Dämonenbezwinger), Kunst (Musik, Buchillustration, Kalligraphie, Landschaftsmalerei, moderne Malerei, Singspiel und Bühnenkunst) sowie Gegenstände der materiellen Kultur (Seide, Häuser, Reis, chinesisches Essen, Maschinen und Geräte) in eigenen Einträgen pointiert skizziert.

Das zur Han-Zeit als "tugendhaft" deklarierte Sozialverhalten der Frau (Bescheidenheit, Unterwürfigkeit, Gehorsam, Sauberkeit und Fleiß) ist ebenso Gegenstand der Darstellung wie die alltäglichen Mühen und Plagen der einfachen Menschen um die Jahrhundertwende, deren Ringen um ein Mindesteinkommen mit eindringlichen Bildern belegt wird. Verbrechen und Strafe, Jahrmärkte auf dem Dorf, Taiwans Wirtschaftswunder - vieles, was das Alltagsleben besser verständlich macht, wird unter die zentralen Schlüsselbegriffe aufgenommen. Daneben gibt es auch noch biographisch orientierte Schlüsselbegriffe, die sich auf berühmte Persönlichkeiten beziehen (z. B. Konfuzius, Sima Qian, Tao Yuanming, Su Dongpo, Zhao Mengfu, Lu Xun und Ding Ling).

Die hier entworfene Geschichte Chinas erstreckt sich von den Ursprüngen der chinesischen Zivilisation (Neolithikum und Westliche Zhou-Dynastie) bis zum gegenwärtigen China. In chronologischer Reihenfolge werden die wichtigsten Epochen der chinesischen Geschichte abgehandelt und einem eigenen Motto zugeordnet. Ebrey jagt in ihrer Darstellung nie der Chimäre von dem "Einheitsstaat" China hinterher. Sie versucht auch nicht, den großchinesischen Einflußbereich als monolithischen Block mit einer einzigen kulturellen Identität darzustellen. Die Autorin beschreibt die chinesische Zivilisation vielmehr als eine Kultur, die nie durch eine unveränderliche Grenze definiert war, sondern stets in Wechselbeziehung mit anderen Kulturen ihren Wirkungskreis verändern mußte; dabei waren die Eigenheiten, die zu verschiedenen Zeiten als "typisch chinesisch" verstanden wurden, immer einem Wandel unterworfen. Aufgrund ihrer Konzeption braucht Ebrey aber auch die Zeiten, in denen angrenzende Kulturen den Chinesen ihre Herrschaft und Kultur aufgezwungen haben, nicht zu scheuen oder aus ihrer Darstellung auszuklammern. Sie nutzt diese Episoden der Geschichte vielmehr dazu, um die Auswirkungen der interkulturellen Konfrontationen auf die Eigenarten der chinesischen Kultur herauszustellen und deren Langzeitwirkung zu bestimmen.

Die Funktion kulturrevolutionärer Filme oder das Konsumverhalten der achtziger und neunziger Jahre werden von Ebrey ebenso thematisiert wie Ritualbronzen und Grabbeigaben der Liangzhu-Kultur. Ohne Unterschied werden zu jedem Zeitraum auf einem gleichbleibend hohen Niveau Sachinformationen zusammengetragen, die gleichermaßen wissenschaftlich fundiert wie auch stilistisch ansprechend gehalten sind. Informative Vor- und Nachworte, eine Chronologie am Ende des Bandes sowie weiterführende Literaturhinweise lassen eine durch und durch leserfreundliche Gesamtkonzeption des Verlages erkennen. Ein vorzügliches Register am Ende des Buches erleichtert den Lesern zudem das zielsichere Auffinden von Einträgen zu Personen, geschichtlichen Ereignissen, Fachwörtern und Kunstgegenständen.

Erik Zürcher hat einmal im Zusammenhang mit seinem großen Projekt zur visuellen Dokumentation der chinesischen Geschichte (China Vision) davon gesprochen, daß die meisten Informationen, die er seinen Studenten im Unterricht in Verbindung mit Bildmaterial vermittelt hat, wesentlich besser memoriert wurden als andere, die er ausschließlich durch Vorträge oder durch Lektüre unbebilderter Texte präsentiert hat. Wer ähnliche Erfahrungen noch nicht gemacht hat, wird mit diesem gelungenen Werk die Probe aufs Exempel machen können.

Christoph Körbs, Berlin



Latest update: 2005-08-18  Impressum

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