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| www.oriens-extremus.de > OE 39 > Rezensionen |
In den letzten fünfzig Jahren hat es eine kaum zu überschauende Menge neuer Übersetzungen aus dem Chinesischen gegeben. Im Rahmen dieser Übersetzungstätigkeit hat es auch immer wieder Anthologien gegeben, die als Gesamtporträt der chinesischen Literatur angelegt waren oder einzelne Epochen und deren Besonderheiten vorstellten. Wer in unserer Zeit eine eigene Literaturanthologie herausgeben möchte, wird daher zwangsläufig auf die Arbeiten älterer Fachkollegen zurückgreifen müssen. Sobald er dies aber tut, kann er nur durch Hinzufügung eigener Neuübersetzungen oder durch ungewöhnliche Kriterien der Zusammenstellung Vorsorge treffen, bei der erneuten Herausgabe längst bekannter Arbeiten nicht mit dem Stigma des Epigonentums gekennzeichnet zu werden.
Diesem Umstand trägt Stephen Owens Anthology of Chinese Literature in jeder Hinsicht Rechnung. Einerseits stammen im Gegensatz zu allen vergleichbaren Sammlungen die meisten Übersetzungen des vorliegenden Bandes von ihm selbst; andererseits beschreitet der Autor auch bei der inhaltlichen Gestaltung seiner Anthologie neue Wege. Gleich zu Anfang erklärt Owen, daß es ihm in seiner neuen Anthologie hauptsächlich darum geht, literarische Traditionen der chinesischen Literatur aufzuzeigen. Daher zielt seine Darstellung nicht darauf, singuläre Werke - in einer chronologischen Abfolge aneinandergereiht - als immerwährende Glanzpunkte der chinesischen Literatur zu präsentieren. Ihm geht es vielmehr darum, einzelne Texte in Beziehung zu anderen Texten zu setzen, da erst aus dem Vergleich mit anderen Schriften die Identität und Eigenart eines Werkes entdeckt werden könne. Schon bei dem ersten Blick in das Inhaltsverzeichnis wird offensichtlich, daß Owens Anthologie weder die konservative Idee eines statischen Kanons, noch die modernistische Vorstellung eines "Gegen-Kanons" von lange unterdrückten, unverstandenen oder übersehenen Texten zugrunde liegt.
Zweifelsohne stellt diese Anthologie eine umfassende Darstellung des traditionell anerkannten Kanons der chinesischen Literatur dar; gleichzeitig enthält diese Sammlung aber auch eine große Anzahl an Texten, die der Leser in früheren Anthologien vergeblich suchen würde. Owen wählt bei seiner Zusammenstellung in erster Linie jene Texte aus, die sich aufeinander beziehen, entweder weil sie ähnliche Stoffe und Motive verarbeiten, oder weil sie ausdrücklich auf bestimmte andere Texte Bezug nehmen. Er begründet dies mit dem Hinweis, die literarische Tradition einer Sprachgemeinschaft könne als Ganzes niemals ausreichend dargestellt werden, weshalb es das Hauptziel seiner Literaturanthologie sei zu zeigen, wie diese Tradition innerhalb der chinesischen Kultur zustande kam.
Der Autor hat sein Werk sehr übersichtlich konzipiert und den Lesern eine Reihe von Suchhilfen sowie ergänzenden Erklärungen zur Verfügung gestellt. Nach einem detaillierten Inhaltsverzeichnis und einer instruktiven Synopse, in der historischen Ereignissen der politischen Geschichte Daten gegenübergestellt werden, die für die Literaturgeschichte bedeutsam sind, folgt die Darstellung ausgesuchter Textbeispiele. Dabei geht Owen so vor, daß er das Material in sechs etwa gleich große Abschnitte einteilt: "Early China" (S. 3-218), "The Chinese ,Middle Ages' " (S. 221-361), "The Tang Dynasty" (S. 365-549), "The Song Dynasty" (S. 553-720), "The Yuan and Ming Dynasties" (S. 723-906) und "The Qing Dynasty" (S. 909-1152). Den Übertragungen stellt er zu Beginn in einem eigenen Abschnitt einführende Bemerkungen über seine Übersetzungsmethoden sowie über immer wiederkehrende Übersetzungsprobleme voran. Hierdurch kann Owen im nachfolgenden Hauptteil erläuternde Fußnoten auf ein absolutes Minimum reduzieren. Gleichwohl ist das ganze Werk mit Kommentaren und einführenden Erläuterungen durchsetzt; sie sollen den Lesern bei der Lektüre die Hintergrundinformationen bieten, die den vormodernen chinesischen Lesern bei der Lektüre der Originale möglicherweise intuitiv präsent waren. Sowohl Literatur- und Lesehinweise als auch sehr akkurat verfaßte Indizes (ein kombinierter Autoren-, Anfangsvers- und Titelindex sowie ein Gesamtregister) beschließen den Band.
Obwohl die Anordnung der einzelnen Abschnitte in erster Linie chronologisch ist, kommt es in der ersten Hälfte des Buches auch wiederholt zur Gegenüberstellung von Texten mit verwandten Themenstellungen, deren Entstehungszeit über den ursprünglichen Berichtzeitrahmen des Abschnitts erheblich hinausreicht. Hierdurch kann der Autor Unterschiede und Kontinuitäten aufzeigen, die allein aus dieser Perspektive heraus ersichtlich werden. Owen begründet seine Vorgehensweise damit, daß ein chronologischer Zeitrahmen zwar die Basis einer Literaturtradition sei, die Literaturschaffenden sich aber von jeher in der Sprache ihrer Werke über alle chronologischen Grenzen hinwegsetzten.
Verständlicherweise hat Owen nur wenige Ausschnitte aus Romanen und Schauspielen in seine Sammlung aufnehmen können. Da traditionelle Werke der Erzählliteratur und Bühnendichtung häufig von erheblicher Länge sind (bekanntlich umfassen frühe Romane nicht selten Hunderte von Kapiteln, ebenso sind Dramen mit vierzig oder fünfzig Akten keine Seltenheit), können Anthologien nie der Ort sein, um einen genaueren Eindruck von diesen Literaturgattungen zu vermitteln. Nahezu allen anderen Genres - an erster Stelle natürlich Lyrik, daneben aber auch Anekdoten, Parabeln, Memoranden, Essays, Briefen, Vorworten, Reisebeschreibungen und informeller Prosa - widmet der Verfasser dagegen großen Raum und bietet eine Fülle verschiedenartiger Texte. Die Anthologie beginnt mit sechzig Gedichten des Shijing der Zhou-Zeit und endet mit einem Gedicht Wang Guoweis (1877-1927).
An diesem Werk sind Owens Leistungen als Übersetzer besonders hervorzuheben. Bei allen Übertragungen versucht er, gekünstelte Archaisierungen zu vermeiden und die starken Unterschiede der facettenreichen Stilebenen des Chinesischen durch verschiedene Sprachebenen des Englischen adäquat wiederzugeben. Im allgemeinen überträgt der Autor lyrische und stilistisch streng durchkomponierte Texte ins Englische, wohingegen er freie Prosa, Umgangssprachliches oder Texte mit mundartlichen Passagen ins Amerikanische übersetzt. Er überträgt dabei die im Original durchschimmernde Umgangssprache in eine Sprache, die im angloamerikanischen Kulturraum gegenwärtig verwandt wird, wenn vergleichbare Stoffe oder Motive in der gehobenen Umgangssprache entwickelt werden.
Der Verfasser räumt in einer Vorbemerkung allerdings selber ein, daß die Aufnahme von Amerikanismen bei manchen englischen oder amerikanischen Lesern einiges Unbehagen hervorrufen dürfte. Er gibt aber im voraus allen künftigen Kritikern zu bedenken, daß ihr Unbehagen angesichts seiner Amerikanismen mit dem Mißfallen vergleichbar wäre, das ein klassisch gebildeter Leser der Ming- und Qing-Zeit angesichts der zunehmenden Aufnahme von mundartlichen Ausdrücken in die Schriftsprache empfunden haben dürfte. Nach meinem Empfinden hat Owens Übersetzungsmethode an vielen Stellen zu beachtlichen Ergebnissen geführt. Dem Autor gelingt es durch seine Übertragung immer wieder, selbst lange bekannten Texten durch eine unerwartete Lebendigkeit neue Nuancen zu verleihen.
Es wird sich wohl erst in einigen Jahren zeigen, welchen Stellenwert Owens Fachkollegen dieser Anthologie beimessen werden. Es könnte sich aber schon bald herausstellen, daß dem Autor hier ein neues Standardwerk gelungen ist, das künftig nicht mehr aus der sinologischen Fachliteratur wegzudenken ist. Allen, die sich für chinesische Literatur interessieren, ist dieses Buch nachdrücklich zu empfehlen.
Christoph Körbs, Berlin
Latest update: 2005-08-18 Impressum