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| www.oriens-extremus.de > OE 39 > Rezensionen |
Während die chinesische Dichtung im Westen schon sehr bald die gebührende Beachtung und Anerkennung erfuhr, blieb die Literaturkritik lange ein Stiefkind der sinologischen Philologie. Vielleicht weil der exotisch anmutende dichterische Kosmos so trefflich zur Projektion eigener Sehnsüchte einlud, schien niemanden recht zu interessieren, wie die Schöpfer dieser Welt selber ihre Poesie deuteten und verstanden. Die Poesie reizte die Entdecker, doch die Poetik blieb allzu lange Terra incognita.
Erst in den 50er Jahren lassen sich zaghafte Anfänge einer Beschäftigung mit der chinesischen Literaturkritik ausmachen, zunächst in Übersetzungen von solch grundlegenden Werken wie Cao Pis Dianlun lunwen und Lu Jis Wen fu (E. R. Hughes, A. Fang und Chen Shih-hsiang), dann in der oft geschmähten, aber doch gern zu Rate gezogenenen Übertragung des Wenxin diaolong durch Vincent Y. C. Shih. G. Debon setzte 1962 mit seiner Studie Ts'ang-Lang's Gespräche über die Dichtung. Ein Beitrag zur chinesischen Poetik (Wiesbaden 1962) neue Maßstäbe philologischer Sorgfalt und rückte zugleich das bis dahin übergangene Genre der "Gespräche über Dichtung" (shihua) in den Blickpunkt des philologischen Interesses. J. T. Wixted beschränkte sich in seiner Untersuchung Poems on Poetry. Literary Criticism by Yuan Hao-wen (Wiesbaden 1982) nicht auf den genannten Autor, sondern verarbeitete eine Fülle von literaturkritischem Material der vorangegangenen Jahrhunderte. Den vorläufigen Schlußpunkt setzte S. Owen mit seinem Lesebuch Readings in Chinese Literary Thought (Cambridge/Mass. 1992), das wichtige Quellentexte in zuverlässig übersetzter und kommentierter Form enthält.
Eine weitere empfindliche Lücke schließt nun Bernhard Führer mit seiner umfassenden Studie zum Shipin des Zhong Hong, denn dieses zweifellos wichtige und äußerst einflußreiche Werk fehlt in Stephen Owens Anthologie erstaunlicherweise gänzlich. Die überragende Stellung des Traktates kommt schon dadurch zum Ausdruck, daß He Wenhuan seine 1770 veröffentlichte, chronologisch angeordnete Sammlung Lidai shihua mit diesem Titel beginnen läßt. Somit stünde Zhong Hongs Shipin am Anfang der chinesischen Literaturkritik und wäre Bernhard Führers Anspruch berechtigt, dem westlichen Leser "Chinas erste Poetik" in extenso nahezubringen. Hier ließen sich Einwände erheben, denn eine umfassende Poetik nach westlichem Verständnis, die beispielsweise G. von Wilpert beschreibt als "die Lehre und Wissenschaft von Wesen, Gattungen und Formen der Dichtung sowie den ihnen eigenen Gehalten und Darstellungsmitteln" (Sachwörterbuch der Literatur, Stuttgart 1964, S. 516) stellt das Shipin zweifellos nicht dar.
Von vornherein schließt Zhong Hong die Vielfalt der literarischen Gattungen aus und engt seine Betrachtungen auf die vergleichsweise junge Form des Gedichtes im fünfsilbigen Versmaß (wuyan shi) ein. Was die behandelten Dichter in anderen Genres geleistet haben, bleibt unberücksichtigt, so daß etwa der große Historiograph Ban Gu in die "untere Rangklasse" (xiapin) verwiesen ist. Angesichts dieser Beschränkung wirkt es ein wenig überzogen, das Werk als "Progenitor der als shihua bekannten ,Gespräche über Dichtung' " zu sehen und ihm "eine, was seine Modellhaftigkeit für dieses Genre betrifft, dem Shiji durchaus vergleichbare Funktion" zuzuerkennen (S. 34). In Aufbau und Ausdrucksweise liegen zwischen Zhong Hongs Traktat und dem mit der Song-Zeit einsetzenden shihua-Genre, das gerade durch seine Spontaneität und mangelnde Systematik gekennzeichnet ist, unübersehbare Unterschiede.
Der Verfasser der vorliegenden Studie entledigt sich seiner Aufgabe mit großer Bravour. Die Arbeit genügt höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen und ist in Aufbau, Durchführung und Übersetzung durchweg überzeugend. Spürbar ist die gründliche philologische Schulung während eines mehrjährigen Studiums an der Taiwan-Universität; herausragende Gelehrte der dortigen Chinesisch-Fakultät sind als akademische Lehrer benannt. Die Vertrautheit mit dem aktuellen Forschungsstand, der eingangs (S. 12-20) dargelegt wird, und der souveräne wie auch sensible Umgang mit der Sprache beeindrucken auf jeder Seite dieser umfassenden, ja geradezu erschöpfenden Arbeit. Das Bemühen um Anschaulichkeit manifestiert sich in zwei aufwendig gestalteten Tabellen (S. 47 und S. 55), die auf gelungene Weise die von Zhong Hong organisch angelegten "Stammbäume" (Führer: "Derivationsverhältnisse") sowie die Berührungspunkte der Dichter untereinander verdeutlichen.
Der weitaus größte Teil der Arbeit besteht naturgemäß in der Übersetzung der programmatischen Einleitung (xu) zu den drei Teilen des Shipin (S. 57-223) und der insgesamt 123 Dichterkritiken (S. 225-444), mit denen Einstufung und Werturteil begründet werden. Diese Übersetzung zeichnet sich durch große philologische Sorgfalt aus und überzeugt durch einen umfangreichen Kommentar, der die getroffene Wortwahl erschöpfend belegt und begründet, zuweilen auch durch mögliche Varianten anreichert. Diese Leistung ist vorbildlich und kann die Grundlage für eine weitergehende wissenschaftliche Beschäftigung mit der frühen chinesischen Literaturkritik bilden. Bedauerlich ist allein, daß das im übrigen genaue und zuverlässige Register (S. 563-576) die terminologischen Fachausdrücke nicht miteinbezieht.
Das ausdrückliche Bemühen, nahe am Original zu bleiben und möglichst auch noch etymologische Zusammenhänge zu verdeutlichen, führt hier und da zu ungelenken Formulierungen, die vielleicht vermeidbar wären, indem man etwa "an den Konventionen rütteln" (für dongsu) statt "den Usus temporis umzustürzen" (S. 103) oder "sich über Dichtung auslassen" (für yi shi wei kou shi) statt "Münder mit Dichtung zu füllen" (S. 145) sagte. Das auch noch heute für das Streben nach Protektion in leicht abgewandelter Form geläufige Tetragramm panlong tuofeng wird mit "den Drachen umklammernd und sich dem Phönix anvertrauend" arg wörtlich wiedergegeben (S. 84). Doch dies sind stilistische Feinheiten, die letztlich im Ermessen des Übersetzers stehen. Ausgesprochen selten sind Stellen, an denen die Richtigkeit der Übertragung in Frage steht, etwa wenn es heißt: "Ban Gu war ein [über]strömendes Talent, alterte aber als Historiker." (S. 370) Die Wendung lao yu dürfte sich kaum auf das Lebensalter beziehen, sondern eher als "beschlagen / bewandt in" zu verstehen sein, so daß man übersetzen könnte: "Ban Gu verfügte über ein überströmendes Talent, verwandte es aber vornehmlich auf die Geschichtsschreibung." Solche vereinzelten Einwände trüben jedoch in keiner Weise den glänzenden Gesamteindruck.
Jede Rangordnung wie die von Zhong Hong vorgenommene erweckt zwangsläufig Widerspruch, zumal wenn die Kriterien der Wertung doch weitgehend vage bleiben, und so ließen sich mit den Einwänden gegen die Einstufungen des Shipin sicherlich Bände füllen. Das allgemein als am krassesten empfundene Fehlurteil ist die Zuordnung von Tao Yuanming (365-427) in die mittlere Rangklasse. Es wäre sicherlich lohnend gewesen, zumindest exemplarisch der späteren Überprüfung eines solchen Urteils, etwa von Ye Mengdes (1077-1148) Shilin shihua bis hin zu Qian Zhongshus Tan yi lu (Shanghai 1948, S. 107-109), einmal nachzugehen. Leider blieb hierfür nicht mehr genügend Raum. Es bleibt zu hoffen, daß Bernhard Führer mit seiner großartigen Arbeit den Anstoß zu weiteren Einzelstudien gibt, die unser Wissen und unser Verständnis der klassischen chinesischen Literaturkritik erweitern. Wichtiges Terrain findet sich in der vorliegenden Studie vermessen, das allen künftigen Forschern die Orientierung maßgeblich erleichtern wird.
Volker Klöpsch, Köln
Latest update: 2005-08-18 Impressum