![]() |
![]() |
|
| www.oriens-extremus.de > OE 39 > Rezensionen |
Ende der siebziger Jahre begann die Literaturkritik in der Volksrepublik China die lange im Untergrund kursierenden Werke einer Gruppe meist junger Dichter zur Kenntnis zu nehmen, die vollständig aus dem Rahmen der staatstragenden Dichtung fielen. Das vernichtende Urteil übelmeinender Kritiker, die Gedichte seien obskur (menglong), schrieben die Dichter selbstbewußt auf ihre Fahnen. Damals setzte eine kontrovers geführte Debatte über die menglong-Lyrik ein, die bis heute mit unverminderter Heftigkeit geführt wird. Der Dichter Gu Cheng (1956-1993) war sicher der interessanteste Vertreter dieser neuen Richtung.
Hans Peter Hoffmann hat mit seiner an der Universität Tübingen eingereichten Dissertation die erste umfassende Untersuchung zum Werk Gu Chengs wie auch eines menglong-Dichters überhaupt vorgelegt. Sie ist in einen literaturwissenschaftlichen Teil (Band I, 439 S.) und einen Werkteil (Band II, 391 S.) gegliedert, der fünf von Gu Cheng zusammengestellte Gedichtsammlungen in vorwiegend erstmaligen Übersetzungen enthält. Diese und die Gedichte der sechsten und letzten Sammlung, die von Hoffmann 1990 in einer zweisprachigen Ausgabe vorgestellt wurden, bilden mit fast 400 Titeln die Grundlage dieser Studie. Hoffmann hat zu Recht darauf verzichtet, für den Übersetzungsteil eine Auswahl zu treffen. Es gibt genügend Anthologien moderner chinesischer Dichtung in westlichen Sprachen. Werkausgaben hingegen sind selten, noch dazu mit so gelungenen Übersetzungen.
"Es ist ein Kreuz! Mit 70 bis 80 % der chinesischen Literaturkritik ist es ein Kreuz. Ihre Lektüre ist ohne jeden Gewinn; wenn man nicht einigen Einblick in die Verfassung der chinesischen Literaturwissenschaft und -kritik als Gewinn verbuchen mag." Dieser Stoßseufzer Hoffmanns (S. 94) spricht jedem Leser aus der Seele, der die Kapitel 2 und 3 ("Die Menglong-Lyrik in der öffentlichen Kritik", "Die Lyrik Gu Chengs in der Kritik") bewältigt hat. Gegner beklagen das Unverständliche, Ungesunde dieser Dichtung und verweisen mit Vorliebe auf westliche, also negative Vorbilder, von der deutschen Romantik über Walt Whitman bis hin zu Garcia Lorca, um nur einige zu nennen. Befürworter hingegen erkennen vor allem die Spuren von Chinas philosophischem und literarischem Erbe, wobei sich der Bogen von Zhuang Zi über Li Shangyin, Li He, Volksliedtraditionen usf. zu den Dichtern der zwanziger Jahre spannt. Hoffmann weist mehrfach darauf hin, daß derartige Bewertungen vom politischen Standpunkt des Kritikers und nicht von literaturwissenschaftlichen Untersuchungen geprägt sind. Fragt sich, ob man der Rezeption der menglong-Lyrik in China so breiten Raum einräumen muß, wie Hoffmann es in diesen beiden Kapiteln tut, die immerhin ein Drittel des ersten Bandes ausmachen.
Das vierte, 25 Seiten kurze Kapitel "Zu Gu Chengs Biographie" gibt auf zwei Seiten einen sehr knappen Überblick über einige Lebensstationen Gu Chengs und drei unkommentierte autobiographische Texte in Übersetzung. Hoffmann will mit diesen Informationen zur persönlichen und schriftstellerischen Entwicklung des Dichters auch solchen Lesern, die den konstruktiven Ansatz bevorzugen, möglichst viel Material bieten (S. 150). Das ist freundlich gedacht, aber in einer solchen Studie verzichtbar.
"Das Werk - Eine dekonstruktive Annäherung" ist das fünfte und spannendste Kapitel überschrieben. Hoffmann versucht hier eine "Erst- oder Neulektüre, die alte Lektüren neu liest und deren Blindheiten aufdeckt, wobei sie sich der eigenen bewußt bleibt und, sofern dazu in der Lage, die Widersprüche der eigenen Lektüre nicht ,sinnvoll' macht, sondern sie aufdeckt" (S. 177). In chronologischer Reihenfolge untersucht er die sechs Gedichtbände Gu Chengs, indem er im ersten Schritt jeweils exemplarisch die Bild- oder Wortwelten ausgewählter Gedichte zusammenstellt. In einem zweiten Schritt folgt, ebenfalls exemplarisch, die Interpretation dieser Wortwelten mit Hilfe literaturwissenschaftlicher Begriffe wie Metapher, Symbol, Allegorie, und eine Untersuchung ihrer Beziehungen oder Nicht-Beziehungen. (Begriffliche Unsicherheiten sind dabei nicht zu vermeiden, schließlich fehlt der Sinologie noch immer das literaturwissenschaftliche und komparatistische Handwerkszeug für solche Studien.) Hoffmann will nicht den Sinn bestimmter Metaphern ergründen, sondern die sprachlichen Bilder und Worte in ihrer metonymischen Verflechtung betrachten (S. 267). Dieser Ansatz ist interessant, auch wenn man nicht allen Deutungen folgen kann oder mag. Andere formale Aspekte bezieht Hoffmann nur selten in seine Lektüreversuche ein. Beispielhaft zerlegt er die Wörter eines Gedichts in Vokale und Konsonanten, um ihre musikalischen Beziehungen zu zeigen (193ff.). Meist begnügt er sich damit, das Vorhandensein von Klangmitteln, rhetorischen Figuren und dergleichen zu konstatieren (S. 229). Eine solche Studie muß sich wohl zwangsläufig auf ausgewählte Fragestellungen und ausgewählte Gedichte beschränken, wenn das zu betrachtende Werk so umfangreich ist.
Konstruktive Interpretationen von chinesischen Kritikern zu einzelnen Gedichten oder Versen werden in das Kapitel eingeflochten und auf ihre Widersprüche hin dekonstruiert. Ebenso kommt Gu Cheng selbst zu Wort, dessen Aussagen Hoffmann einerseits als die des Autors, der seine Intentionen kundtue, und andererseits als die des Kritikers der eigenen Gedichte begreift (S. 183). Eine vom Dichter selbst gegebene Interpretation stellt dabei wie die eines jeden anderen Kritikers wieder nur eine von vielen Lektüremöglichkeiten dar. So gibt Hoffmann zu dem wohl bekanntesten Gedicht Gu Chengs, "Eine Generation", mehrere Stellungnahmen der chinesischen Literaturkritik und des Dichters wieder, in der eine im Gedicht genannte Wolke jeweils metaphorische Deutung findet - und leitet seine Lesart mit der Frage ein, was denn geschehe, wenn man die Wolke wörtlich nehme - als Wolke (S. 219ff.). Immer wieder wird in der Untersuchung das Changieren der Sprache zwischen wörtlicher und metaphorischer Bedeutung demonstriert. Angesichts des Aufbaus der Darstellung ist es unvermeidlich, daß der Leser hier wie auch im Nebeneinander von konstruktiven und dekonstruktiven Lesarten Widersprüche entdeckt. Daß er auf diese Weise immer wieder zum Widerspruch angeregt wird, sollte den Autor der Studie freuen, der der professionellen Langeweile fröhliche Neugier entgegensetzen will (S. 6).
Das sechste Kapitel schließlich besteht aus einer knappen Beschreibung von Gu Chengs Poetologie. Die Übersetzungen der zitierten Interviews und Essays finden sich im folgenden, dem letzten Kapitel. Zum Ausklang gibt Hoffmann sich und seinen Lesern einen Rat von Hanns Dieter Hüsch mit: "Am allerbesten is' ja, wenn wir uns alle zusammen nicht so ernst nehmen, ne ..."
Ruth Cremerius, Hamburg
Latest update: 2005-08-18 Impressum