Oriens Extremus
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Goat Koei LANG-TAN: Konfuzianische Auffassungen von Mitleid und Mitgefühl in der Neuen Literatur Chinas (1917-1942). Literaturtheorien, Erzählungen und Kunstmärchen der Republikzeit in Relation zur konfuzianischen Geistestradition. Bonn: Engelhard - NG Verlag 1995. 401 S.

Das Buch gliedert sich in vier Teile. In der Einleitung werden zunächst "Gegenstand und Ziel der Untersuchung" (S. 13-33) vorgestellt. Der Autorin geht es zunächst um die Korrektur der Behauptung, die Neue Literaturbewegung sei vor allem durch japanische und westliche Einflüsse geprägt. Vielmehr weist sie nach, daß hier ganz bewußt an eine durch Mengzi, die Erzählgedichte der Tangzeit, etwa von Du Fu und Bo Juyi, sowie die Gelehrten Fan Zhongyan und Wang Yangming vorgezeichnete chinesische Tradition angeknüpft wurde; und zwar - das zu zeigen, ist das zweite Anliegen der Autorin - ist es ein konfuzianischer und kein buddhistischer, auch kein christlicher Mitleidsbegriff, der den Vertretern der Neuen Literaturbewegung am Herzen lag. Drittens bringt das Buch darüber hinaus insofern Neues, als die vorgestellten Erzählwerke mit einer einzigen Ausnahme bisher noch nicht, und schon gar nicht unter diesem Aspekt, behandelt wurden. Nicht zuletzt wendet sich die Autorin gegen die pauschale Verurteilung der Neuen Literaturbewegung und einseitige Verherrlichung von Lu Xun durch volksrepublikanische Literaturhistoriker.

Im ersten Teil, "Mitleidsbegriffe im chinesischen Mitleidsdenken und ihre europäischen Äquivalente" (S. 35-92), nennt die Autorin Mengzi, Lu Xiangshan, Wang Yangming und Kang Youwei als Vertreter der chinesischen Tradition, denen das Mitleid mit dem Menschen am Herzen lag, nicht zuletzt auch, weil dieser Aspekt das eigentlich Menschliche im Gegensatz zum Tier ausmache. Es folgt eine Gegenüberstellung von Rousseau, der zwar das Mitleidsempfinden ebenfalls für angeboren, aber auch Tiere für mitleidsfähig hält. An Lessing interessiert hier weniger die Behauptung, daß das selbst erfahrene Leid die Voraussetzung für Mit-Leid ist, als vielmehr die Tatsache, daß er das Erwecken von Mitleid seiner Theorie des bürgerlichen Trauerspiels zugrunde legte. Lessings Tragödientheorie führt hin zu der ebenfalls auf Mitleid begründeten Romantheorie des Liu E, Autor des spätqingzeitlichen Romans Lao Can youji. Eine begriffsgeschichtliche Untersuchung der verschiedenen Mitleidsbegriffe in chinesisch- und deutschsprachigen Lexika schließt diesen ersten Teil ab.

Der zweite Teil untersucht das "Mitleid in der Konzeption der Neuen Literatur Chinas" (S. 93-195). Hier steht das ethische und zugleich literaturästhetische Anliegen von Hu Shi und der um ihn gruppierten Vertreter der Neuen Literaturbewegung, wie Zhou Zuoren, Zheng Zhenduo, Qian Xuanzong, Wang Zhefu und Fu Sinian, sowie deren Konzepte einer "Literatur des Volkes" (guomin wenxue bzw. minjian wenxue) oder "des gewöhnlichen Menschen" (pingmin wenxue) im Mittelpunkt: Die Fähigkeit, beim Leser Mitleid zu erwecken, wird hier zum Kriterium literarischer Wertung.

Der dritte Teil, "Die Reflexion über Grausamkeit und Mitleid in der Republikzeit" (S. 197-239), läßt sich inhaltlich nicht scharf vom vorangegangen Teil absondern. Doch liegt das Gewicht weniger auf der Konzeption von Literatur als auf der intensiv empfundenen Empörung über die Grausamkeit und Mitleidlosigkeit der Zeitgenossen. Hier kommen vor allem Kang Youwei, Liang Shuming, Lin Yutang, Ye Shentao, Wu Woyao, aber auch Lu Xun zu Wort. Ein Exkurs über Fan Zhongyans Einfluß auf das patriotische Mitleid des Kang Youwei steht am Ende des dritten Teils.

Der vierte Teil, "Mitleid und Mitgefühl im Spiegel der Erzählungen und Kunstmärchen der Neuen Literatur Chinas 1919-1937" (S. 241-339), führt schließlich zu den Werken, die nach Meinung der Autorin am besten den zuvor explizierten Leitgedanken vom Mitleid als Herzstück einer Literaturtheorie veranschaulichen. Es handelt sich um vierzehn der insgesamt zweiunddreißig Erzählstücke der Neuen Literatur Chinas. An Autoren figurieren hier Xu Dishan, Ling Shuhua, Wang Tongzhao, Ye Shengtao, Xiao Hong und Chen Hengzhe, wobei in Exkursen Parallelen zu Katherine Mansfield und Oscar Wilde gezogen werden.

Der Zusammenfassung der Ergebnisse (S. 341-349) in Deutsch und Englisch folgen ein knapp dreißigseitiges Literaturverzeichnis und ein Glossar, bei dem nicht ganz einsichtig ist, ob es nur die literaturgeschichtlich bzw. philosophisch relevanten Begriffe oder alle im Text verwendeten chinesischen Termini enthalten sollte; einige fehlen nämlich.

Die Autorin hat es um der besseren Lesbarkeit willen offenbar vorgezogen, eine mehr essayistische und weniger stringente Darstellungsweise zu wählen. Das mindert jedoch keineswegs die Beweisführung ihrer eingangs genannten Thesen, die überzeugend entwickelt und belegt werden. Mich interessierten weniger die literaturwissenschaftlichen Implikationen ihrer Untersuchung als vielmehr das sozialgeschichtliche Phänomen des Mitleids bzw. der entsprechende chinesische Diskurs. In diesem Zusammenhang bestätigte mir das vorliegende Buch folgende in anderen Untersuchungen gewonnene Einsicht, die zu einer etwas anderen als bisher üblichen Sichtweise verleiten könnte: Die chinesische, namentlich die konfuzianische Tradition legte ein starkes Gewicht auf das intuitive Wissen (liangzhi), eine emotionale Intelligenz im Sinne des Sich-in-den-anderen-Hineinversetzens, Mitfühlens. Die meisten konfuzianischen Werte: ren (Menschlichkeit), yi (Pflichtgefühl), li (Sitte) xin (Vertrauen), buren bzw. ceyin (Mitleid), xiuwu (Scham) und qianrang (Bescheidenheit) sind nicht individualistische Charaktereigenschaften, sondern relationale, auf die Atmosphäre zwischen den Menschen abzielende Gefühls-Phänomene. Der Begriff "Tugend", der im deutschsprachigen Kontext häufig dafür ins Feld geführt wird (hier S. 53), ist denn auch m. E. mißverständlich, da er eine starke Introjektion der Gefühle voraussetzt, die eigentlich erst mit dem Neokonfuzianismus gegeben war und auch dort und danach nicht in dem Maße verabsolutiert wurde, wie das in der offiziellen europäischen Philosophie der Fall war. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Formel "Zhu Xi gleich rational" und "Wang Yangming gleich emotional", auf die man allenthalben in den Philosophiegeschichten zu China stößt (hier S. 46), in dieser Einseitigkeit aufgeht. Die konfuzianische bzw. neokonfuzianische Gelehrtenkultur zeichnete sich doch gerade dadurch aus, daß sie starke Gefühlsatmosphären in Lyrik, Kalligraphie und Literatenmalerei (qi als Atmosphäre par excellence) gestaltete. Ihr ging es nicht um die Bändigung oder gar Eliminierung solcher Gefühlsatmosphären, sondern um die Kontrolle der als störend und verunreinigend empfundenen leiblichen Regungen, des sogenannten Begehrens. Dabei ist es auch fraglich, ob diese Kontrolle als Unterdrückung oder nicht vielmehr als Lenkung gemeint war: "Das Pferd zu lenken, und nicht an den Zügeln zu zerren und zu reißen." Daß Zhu Xis Auseinanderdividieren von li / xing und qi / yu in diesem Sinne interpretiert werden konnte und wurde, liegt auf der Hand.

Gudula Linck, Kiel



Latest update: 2005-08-18  Impressum

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