Oriens Extremus
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Luke S. K. KWONG: T'an Ssu-T'ung, 1865-1898: Life and Thought of a Reformer. Leiden u. a.: E. J. Brill 1996. XII, 260 S. (Sinica Leidensia, Bd. 36.)

Wie aus zahlreichen seiner Publikationen ersichtlich wurde, hat sich Luke S. K. Kwong seit zwanzig Jahren auf verschiedene Art und Weise immer wieder mit Tan Sitong beschäftigt. Das vorliegende Buch ist der vorläufige Endpunkt einer jahrelangen Beschäftigung mit dieser außergewöhnlichen Figur der neueren Geschichte Chinas. Es unterscheidet sich grundsätzlich von allen bisherigen Studien anderer Autoren zu diesem Thema, in denen die Person Tans entweder auf seine Rolle als Held der Reformbewegung, als radikaler Intellektueller oder als Märtyrer der Hundert-Tage-Reform reduziert wird. Kwong kritisiert an diesen Studien zu Recht, daß in ihnen nie das Wirken Tan Sitongs im vollen Kontext seines ganzen Lebens entwickelt wurde. Der Autor versucht in seinem Buch, diese stereotypen Vereinfachungen zu überwinden. Er bemüht sich in seiner Darstellung darum, allen Aspekten der verwickelten Persönlichkeit Tan Sitongs gleichermaßen Raum zu gewähren.

So geht es ihm nicht darum, den bereits vorhandenen Märtyrer-Hagiographien eine weitere hinzuzufügen, sondern Tan als wirklichen Menschen zu beschreiben. Dabei entwickelt Kwong sehr sorgfältig Bilder von Tan Sitong, die ihn in seiner Rolle als Sohn, Bruder, Freund, Ehemann, Student, Gelehrter, Musikliebhaber, Kampfkunst-Akrobat, Autor, Denker, Reformer und als Beamter der Qing-Regierung zeigen. Duch diese einfühlsamen Porträts wird ganz offensichtlich, daß jene Lebensjahre für die Persönlichkeitsentwicklung Tan Sitongs am wichtigsten waren, denen bislang kaum Beachtung geschenkt wurde. Nach Kwongs Auffassung haben viele Zeitgenossen Tans und die meisten Historiker unserer Zeit bestimmte Abschnitte im Leben dieses radikalen Denkers und Reformpolitikers irrtümlicherweise als prägend und bedeutsam erachtet, die in Wahrheit eher von marginaler Bedeutung für Tans Entwicklung gewesen sind.

In dieser Studie wird Tan nicht als ein später Exponent des Neobuddhismus, Neokonfuzianismus oder irgendeiner anderen Schule der chinesischen Philosophie betrachtet. Im Gegensatz zu den meisten volksrepublikanischen Arbeiten der Vergangenheit zielt diese Darstellung auch nicht darauf ab, Tan zum Verfechter eines bourgeoisen Radikalismus zu erklären, den maßgeblich antimandschurische Ressentiments in seinem politischen Wirken leiteten. Im Mittelpunkt des vorliegenden Buchs steht die Entstehungsweise und innere Dynamik der holistischen Weltsicht Tan Sitongs, die in verschiedenen Phasen seines Lebens in unterschiedlichem Maße ausgeprägt war und letztlich Tan zu seiner extrem gleichmütigen Lebenseinstellung führten.

Es gehört zu den echten Stärken dieser Studie, daß Kwong bei aller Akribie, die er auf die Darstellung der Lebensumstände Tan Sitongs verwendet, niemals das historische Umfeld aus den Augen verliert. Hierdurch gelingt es ihm, auch gruppenspezifische Merkmale zu benennen, die in gewisser Weise als charakteristisch für alle Angehörigen der damaligen Bildungselite gelten können. In dieser Hinsicht ist Tans Biographie gewissermaßen die Biographie einer ganzen Gesellschaftsschicht. Sie vertieft unser Verständnis von den Bedingungen, unter denen Chinas Bildungselite um die Jahrhundertwende ihren Weg in die Moderne angetreten hat.

Die Beschreibung der Episode seines Lebens, für die Tan am berühmtesten geworden ist - nämlich die neunzehn Tage, in denen er als Hofbeamter für die Reformen des Kaisers Guangxu eintrat -, ist in dieser Studie unerwartet kurz ausgefallen. Obwohl diese Zeit für die meisten Historiker der Hauptanlaß ihrer Beschäftigung mit Tan Sitong ist, schenkt Kwong ihr keine besondere Aufmerksamkeit. Hierfür findet er aber auch triftige Gründe: Seiner Einschätzung ist uneingeschränkt zuzustimmen, nach der angesichts der Unzuverlässigkeit des gesamten Quellenmaterials eine detaillierte Rekonstruktion von Tans Aktivitäten während der Hundert-Tage-Reform letztlich nicht möglich ist. Was von früheren Autoren hierzu geschrieben wurde, basiert hauptsächlich auf Berichten aus zweiter Hand, deren Glaubwürdigkeit mitunter fragwürdig ist. Da zudem längst zahlreiche Studien über die Reformbewegung vorhanden sind, begnügt sich Kwong mit Hinweisen auf die vorhandenen Spezialstudien und Standardwerke zu diesem historischen Ereignis. Mir erscheint diese pragmatische Vorgehensweise sehr berechtigt, zumal in der Sekundärliteratur noch immer kein Konsens über den tatsächlichen Verlauf der Reformmaßnahmen herrscht - und in einigen Fragen eine Annäherung selbst auf lange Sicht auch nicht zu erwarten ist.

Es gilt noch eigens hervorzuheben, daß bei der Lektüre der Eindruck entsteht, der Autor habe nahezu alles sorgfältig rezipiert, was mit der Hundert-Tage-Reform und der Person Tan Sitong in Verbindung steht (darunter auch die wichtigsten Beiträge der japanischen Sekundärliteratur). Im gesamten Buch beweist Kwong einen souveränen Umgang mit einer Vielzahl von Quellen. Zum einen macht er extensiven Gebrauch von den Schriften Tan Sitongs und berücksichtigt hierbei gerade auch weniger bekannte Texte. Zum anderen wertet er kaum bekannte Archivmaterialien aus. Darüber hinaus fügt er noch die Ergebnisse ein, die er im Rahmen eigener Feldforschungen in Hunan gewinnen konnte.

Zweifellos ist es Kwong mit seinem Buch auf vorbildliche Weise gelungen, bei all jenen Lesern Interesse für Tan Sitong zu wecken, die sich bislang noch nicht eingehend mit dieser herausragenden Persönlichkeit der Qing-Zeit auseinandergesetzt haben. Darüber hinaus ist es ihm aber auch gelungen, selbst Spezialisten neue Zusammenhänge aufzuzeigen und weiterführende Details zu vermitteln. Wir verdanken dem Autor eine sehr lehrreiche Studie, die unser Bild von Tan Sitong entscheidend vertiefen kann.

Christoph Körbs, Berlin



Latest update: 2005-08-18  Impressum

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